Ein Essay von Peter Killert
Ich nenne es eine Geometrie der Wahrnehmung, eine Vorstufe zur Definition eines abstrakten Ideals, nach dem sich die Menschen sehnen. In halb vollen Wassergläsern finden sich die Eckpunkte der Definitionen von Betrachtung, Befindlichkeit und Berufung. Das Prinzip ist praktischer Idealismus.
Mit den Wassergläsern ist es, wie mit den Proportionen zwischen Geiz und Geilheit. Alles hat seine zwei Seiten. Und immer ist es die eigene Befindlichkeit, die den Blickwinkel steuert …. Da braucht ein Mensch, um auf dieser Welt leben zu können, nicht mehr als eine Hand voll Reis, ein paar Früchte und einige Liter sauberes Wasser am Tag. Die, die wir in diesem Teil der Welt diese minimale Anforderung in unserem Dasein im Überfluss für uns realisieren, nehmen hin, dass jeden Tag Tausende Kinder unter fünf Jahren, direkt oder indirekt an Infektionskrankheiten auf dieser Welt sterben, weil sie kein sauberes Trinkwasser haben. Und wir sitzen auf dem Klo und spülen unsere eigene Scheiße mit sauberem Trinkwasser herunter.
Das Schlimme daran ist nicht diese Analogie selbst – das Schlimme an dieser Analogie ist ihre fortwährende Wiederholung, die sich natürlich nicht abstellen lässt. Man müsste in diesem Teil der Welt nämlich nicht nur die Verwurzelung in diesem Dasein, sondern auch die grundlegendsten Gewohnheiten aufgeben. Die Reflexion der eigenen Befindlichkeit und damit die Fähigkeit, den eigenen Blickwinkel zu ändern, setzt in ihrer schwächsten Form in der Relation zwischen dem Dasein hier und der Ungerechtigkeit dort in dieser Welt die Entsagung an „Bequemlichkeit” voraus- in ihrer stärksten Form ist diese Relation die „Angst”. Beide Bezeichnungen sind semantisch nicht kongruent zu dem Ekel, den wir empfinden müssten. Kehren wir uns also von außen nach innen, denn es ist nur die eigene Befindlichkeit, die den Blickwinkel steuert. Und darüber lässt sich viel sagen. Kurz vor dem Verdursten ist das Glas immer halb voll – das Gegenteil kann überhaupt nur in Erwägung gezogen werden, wenn es der Blickwinkel erlaubt. Aber egal, aus welchem Blickwinkel man die Welt betrachtet – auch eine scheinbar positive Tendenz wirklich als Verbesserung zu betrachten ist zynisch im Angesicht von Abertausenden von Toten.
Einen Sturm im Wasserglas zu entfachen, wird nur aus der Sicht desjenigen möglich sein, der das Wasserglas als halb voll empfindet; von einem Menschen, der das Substanzielle sieht. Halb leere Wassergläser sind immer Sinnbild der Resignation. Und wir, die wir im Überfluss leben, müssen lernen, dass dieses halbvolle Wasserglas, aus jedem Blickwinkel heraus, als ein solches zu sehen sein muss. Man muss zwischen der Betrachtung und dem puren Wunsch nach einer Änderung des Blickwinkels unterscheiden. Menschen, die sich nicht in der Position sehen, etwas ändern zu können, werden schlicht auch nichts ändern.
Jenseits also von Dschungelcamp, Superstars und Gerichtsshows – bei gar augenscheinlich weniger seichter Kost stehen die halb vollen Wassergläser bestenfalls Spalier auf den unauffälligen Tischchen neben dem Talkgast. Aber jenseits der Mattscheibe wartet die Selbstreflexion. Die Proportionen zwischen dem schmalen Behältnis des Glases und dem Argumentationsbestreben des Menschen bilden eine scheinbare Abhängigkeit – ist das Glas wenigstens noch halbvoll besteht Aussicht auf eine weitere Ausführung nach der Ausführung. Denn der Mund kann befeuchtet werden; es kann ein neuerlicher Gedanke formuliert werden oder das nächste Mahl der Küchenschlacht darf nach einem Schluck aus dem Glas und der Neutralisierung der Geschmacksnerven den Virtuosen der Seichtigkeit erfreuen.
Der Blickwinkel ergibt sich also allein aus der Frage, wie sich für das eigene Leben ein Sinn ableiten lässt, wenn alle Grundbedürfnisse erfüllt sind und die Menschen, bei denen es nicht so ist, weit entfernt zu sein scheinen, ja wenn selbst diese Menschen hierzulande in Schuldnershows und Soaps aus dem Hartz-IV-Block des Vorstadtghettos, wie aus einer anderen Welt zu sein scheinen. Es ist immer einfacher, der Seichtigkeit zu folgen, als sich einem Menschen zu nähern.
Im Folgen dieser Seichtigkeit entsteht eine Art ferngelenkter Zügel, der das Individuum seltsam blass über ein imaginäres Wir erhebt. Als wäre genau diese Unterhaltung im Fernsehen bei der Lebensberatung wie für mich gemacht, als gäbe es etwas, über das ich Bescheid weiß, über das ich urteilen darf. Thema am Arbeitsplatz darf dann der neue BigBrother Bewohner sein oder die trivialen Wendungen im Leben der Anna, die in einer nicht endenden Kakophonie dieser Seichtigkeit, verloren als fleischgewordenes Klischee in ständig wiederkehrenden, abgedroschenen Motiven, Spiegelbild der Summe des Trivialen zu sein scheint – kommt dann noch der Amoklauf hinzu, bei dem wir kollektiv trauern dürfen, dann ist der imaginäre Zügel, die Richtschnur, die uns erhebt, auch das Zuckerbrot, dass uns in einen entgegengesetzten Strudel des Alltags zwängt und uns ein wenig Luft verschafft, da wir glauben, uns diese Entspannung gönnen zu dürfen. Das Klischee wird besetzt mit Attraktivität – das Klischee wird mit dem Klischee besetzt, eine Hülle um die Form. Wir brauchen Transparenz im Wasserglas, einen Durchblick quasi.
Der Sturm im Wasserglas also ist da, aber wir sehen ihn nicht – seine Kraft hebt sich auf als Antiproporz zur entgegengesetzten Richtung des täglichen Einerleis, welches uns in Schnelllebigkeit zwingt, für die wir einen Ausgleich finden müssen. Das Glas selbst ist als Form zum Zerreißen gespannt, die Kräfte in ihm bringen es fast zum Bersten. Aber man sieht es nicht, denn die Kräfte halten sich die Waage – Eine Mail jagt die andere, Katastrophen sind leere Akkus, versäumte Deadlines, fehlende Präsentationen auf Sticks. Wer nicht flexibel ist, nicht mobil, hat schon verloren, ist am Ende angekommen noch bevor er begonnen hat. Abserviert, der Nächste bitte – der Sturm im Wasserglas ist ein Taubenschlag ohne Tauben, ein Porzellanladen ohne Elefant, ein Sinnbild ohne Rahmen.
Die nächste Facette dieser Metapher ist natürlich das Wasser selbst. Über Formen zu reden, sich im BlaBIa zu verlieren, ohne einen substanziellen Beitrag zu leisten, was wäre das für ein armseliger Gedankengang? Aufrütteln soll diese Substanz, die Menschen wach machen, der Ruck, der plötzliche Neuanfang, die neue Chance, die sich mit jedem Tag ergibt – ergriffen, der Schritt zielstrebig in eine Richtung. Aber in welche? Und wozu? Was kommt als nächstes? Ein ungelenker Schluck Wasser in der Kurve – das ist ein Couch-Potato in der Selbstreflexion. Das Glas leermachen, richtig leer, damit man wirklich was zu meckern hat. Umwerfen, in den Kamin feuern, einer sich auflösenden Kopfschmerztablette am Morgen nach dieser nächtlichen Selbstreflexion im Todeskampf zusehen.
In dieser seichten Verkettung des alltäglichen Einerleis verliert sich die Möglichkeit als Möglichkeit. Der nächste Lebensabschnittsgefährte, die nächste Bereisung eines exotischen Urlaubslandes, das nächste zu erfüllende berufliche Ziel – Nicht weiter schlimm, aber wir verlieren uns in unseren Möglichkeiten. Wer der Möglichkeit die Möglichkeit nimmt, der nimmt der Sehnsucht die Erfüllung. Es gibt keine Richtung, in die wir gehen – auch eine von uns gerettete Welt bleibt die Welt, in der wir leben. Im Auge des Sturms ist kein Schatz – aus dem Wasser wird niemals der Wein werden, nach dem wir uns sehnen. Wenn wir uns aber auf eine Möglichkeit festlegen, dann sagen wir bewusst “Nein”, zu der Unzahl aller anderen Möglichkeiten und wissen doch, dass wir sie nicht handeln 3 könnten. Das ist der ruhende Moment, das Auge des Sturms – die Bewusstwerdung, sich Möglichkeiten erhalten zu wollen, die wir in einem Leben nicht wahrnehmen könnten.
Es ist beinahe makaber, aber ein Mensch, der diese Erkenntnis erreicht hat, unterscheidet sich in nahezu Nichts von dem Menschen, der in seinem Leben gar keine Möglichkeiten gehabt hat. Denn die logische Konsequenz aus dieser Bewusstwerdung wäre eine Entsagung an alle Möglichkeiten oder das konkrete Herausnehmen nur einer dieser Möglichkeiten als Richtschnur für den eigenen Lebensweg. Neben der nicht unerheblichen Fähigkeit zur Erkenntnis der eigenen Möglichkeiten seien hier nur die unglaublichen Anstrengungen erwähnt, die im Strudel in diesem Sturm im Wasserglas, nötig sind, um sich an dieser Richtschnur dem Sog von Seichtigkeit und Schnelllebigkeit zu entziehen. Denn so vielfältig die Möglichkeiten sind, so mannigfaltig sind auch die sich darbietenden Formen, in denen sie sich zeigen.
Der nächste Fernseher, die nächste Kamera, das nächste Computerequipment – was Du vor zwei Jahren gekauft hast, ist heute schon nicht mehr zeitgemäß. Die nächste Innovation, die nächsten Megapixel, 3D, in HD, existenzielle Frage für das nächste 1.000 Euro Handy GPRS vs. UMTS, aber alles ASAP in Zero-Downtime. Schlafen defragmentiert das Hirn, der Beischlaf ist das Backupmachen, die Fortbildung das Upgrade – je schnelllebiger das Dasein, desto absurder die Analogien. Man hat halt keine Zeit mehr, sich tief greifende Metaphern auszudenken, die ja eh alle schon mal da waren und überhaupt … sind nicht „Herr der Ringe”, „Star Wars” oder „Matrix” Persiflagen, Karikaturen des ewigen Kampfes Gut gegen Böse? Ist nicht das Leben selbst eine Abart einer klassischen Tragödie? Ist überhaupt nicht alles, schon einmal da gewesen? Ist nicht früher deswegen alles besser gewesen, weil es dort neu war, wohingegen ein „Neu” heutzutage die Halbwertzeit des Gedankens an das Gestern hat? Ich weiß- selbst Immanuel Kant hat einst gesagt: „Dass es mit der Welt im Argen liege, ist ein Gedanke, der so alt ist, wie die Welt selbst.”
Was hilft mir das? Was hilft mir das?
Ich bin mit meiner Vergänglichkeit nicht allein. Ich bin auch nicht damit allein, mich dieser Vergänglichkeit nicht ständig bewusst zu sein. Und im Kollektiv ergötze ich mich im Wir der Vergänglichkeit.
Das Glas ist halb leer. Ganz sicher. Kein Lüftchen regt sich. Es ist der Klimawandel. Es ist so stickig hier.
Wir sind jeden Tag nahe am Burn-out, denn eine Sache gibt es doch noch: wir sind ja für irgendetwas verantwortlich. Wenn wir ein bisschen Glück haben, dann sind wir verantwortlich für die Kinder, die wir in dieser Verkettung hineinwerfen, damit dieser Strudel auch in der nächsten Generation nicht an Dynamik verliert. Wenn wir Pech haben, dann interessiert uns nur die Bilanz, der Mammon, der nächste kurze Erfolg. Die Verantwortlichkeit, über den Inhalt des Glases, über das Substanzielle an sich diskutieren zu wollen, ist uns eigen. Und wir neigen dazu, diese Verantwortlichkeit mit dem Sinn zu verwechseln. Um bei den Analogien zu bleiben: das Wasser im Glas allein löscht keinen Durst. Neben seiner offensichtlichen Funktion stellt sich auch die Frage, wer hat uns das Glas da vor die Nase gestellt? Wer oder was ist der Motor dieser Dynamik? Latent sind hinter allem, was getan werden muss, die großen Fragen verborgen. Jetzt stelle man sich vor, dass in diesem Strudel der Halt verloren geht – ein „gegen den Strom” ist das schon lange nicht mehr. Es ist ja auch die Umsicht, das Uptodatesein, das dröge Gefühl einer Müdigkeit, die von FastFood und CokeZero gezehrt, selbst vorletzte Reserven im Kopf (nicht im Körper), zur Utopie werden lassen. Man muss mit der Zeit mitdenken und für so viele andere, die sich in gespielter Dummheit aalen oder tatsächlich nicht mehr können, vielleicht niemals konnten, vielleicht gar nicht verstehen, welch Karussell, welch Rotor da in dem Kopf seine Arbeit verrichtet, uns abheben und fallen lässt. Der Halt liegt in uns selbst, wir, nur wir können unserer eigener Mittelpunkt sein, aber das Seil wird immer zäher, immer undynamischer, als hätte man das Bungeeseil einer Seele mit Kaugummimasse versetzt.
Der Sturm im Wasserglas ist kaltes Inferno.
Bei all dem haben wir über das Wesentliche noch gar nicht gesprochen, nämlich die Ursache selbst: Der Mensch ist ein soziales Wesen, folgerichtig sind seine Handlungen auch auf die Interaktivität mit anderen Menschen ausgerichtet. Der Mensch also, zur Selbstreflexion aufgrund dieser beschriebenen, gänzlich unmenschlichen Anstrengungen gegen den Sturm im Wasserglas anzugehen, völlig an sich selbst verloren, soll also auch noch in der Lage sein, sich an einem anderen Menschen zu verlieren um – zugegeben, romantisch zutiefst verklärt – sich selbst zu finden? Das ist zu viel. Das ist wirklich zu viel.
Denn in der Verwobenheit des Netzes von Realität 1.0 möchten wir ja auch einen Platz finden, der anderen zeigt, dieser eine Mensch ist Wer. Hat es zu etwas gebracht, zu sehen an Prestigeobjekten. Intelligenz macht sexy. Erfolg macht sexy. Geld macht sexy. – Sein? Sein allein? – Nicht sexy. Du musst was sein. Existentiell ist nicht das An-Sich-Sein, auch nicht das Für-Sich-Sein, sondern das Du-Musst-Was-Sein.
Was wir brauchen nennt sich Konsolidierung. Von Haushalt, Gemütern, Ansprüchen, Ideen. Wir brauchen nicht fünfhundert verschiedene Handy-Typen, zwei Dutzend Datenformate, ein Dutzend Social Networks, elend viele Klugscheißer überall und jederzeit. Wir brauchen keine Delegation, hochkarätig, in einem Schwellenland, weit weg von unserer Haustür. Wir brauchen vielleicht auch nicht weniger, wir brauchen auch nicht mehr. Wir brauchen nur etwas mit Gehalt. Wir brauchen einen Sinn.
Die persönliche Sinngebung ist der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Seichtigkeit. Seicht ist der Mensch, wenn er nicht ohne die Hilfe zweifelhafter, übervoller, Medien in der Lage ist, sich und seinem Leben selbst eine Richtung vorzugeben.
Diese Konsolidierung ist ein persönlicher Prozess. Er gleicht dem Unkrautjäten, er gleicht dem Abwerfen von Ballast, damit wir wieder abheben können, um das Auge des Sturms von oben herab begutachten zu können. Die Geometrie der Wahrnehmung ist gleichsam erst vollständig, wenn dieser Blickwinkel alle Komponenten, alle Bezugspunkte umfasst. Wir kennen das Ausmaß, wir können nicht nur abschätzen, sondern auch beurteilen, vielleicht bringt uns dieser Standpunkt auch zur Resignation, bleiben wir doch in jedem Blickwinkel nur ein kleines Stück Mensch. Die Resignation selbst ist aber sehr unwahrscheinlich, denn wer wird wohl noch resignieren, wenn er schon über den Dingen steht?
Von der Abschätzung des eigenen Standpunktes geht es also schließlich an die Bewertung, die logische Beurteilung, die Urteilskraft, kurz: die reine subjektive Kraft des Verstandes. Aus den Kritzeleien werden so allmählich konkrete Versuche einer schematischen Darstellung.
Die Urteilskraft, von der hier die Rede ist, darf nicht mit Objektivität verwechselt werden. Objektivität in der Beurteilung einer Befindlichkeit gibt es nicht. Urteilskraft ist wenn überhaupt nur als die reine, subjektive Kraft eines Verstandes zu charakterisieren. Rein ist diese Kraft durch die Wahrnehmung des Zustandes eines dem Verstande gegebenen Objektes und seiner Unveränderbarkeit aus verschiedenen Betrachtungswinkeln. Halbleer oder halbvoll bezeichnet denselben Zustand. Das Erkennen dieser semantischen Kongruenz versetzt die Beurteilung der eigenen Befindlichkeit in einen neutralen Zustand, einer Art Objektivität. Da von dem Betrachter selbst abhängig und da sich dem Grund unterschiedlicher Bezeichnungen bewusst – schließlich gibt es nun mal einen Unterschied zwischen voll und leer – ist dies keine Objektivität, also kein wirklich neutraler Standpunkt.
Drücken wir es einfacher aus: es ist der Versuch, über den Dingen zu stehen, das stoische Auge des Sturmes im Wasserglas zu betreten. Es ist ein In-Sich-Ruhen, eine Erkenntnis einer wesentlichen Richtung. Urteilskraft ist die Voraussetzung für die Konsolidierung. Die Konsolidierung ist die Einordnung, der Wesentlichkeiten und das Fallenlassen des Unwesentlichen. Das bedeutet zunächst, dass Wasser in dem Wasserglas als ein solches zu Erkennen, sich nicht Blenden lassen, im Sturm, im Nebel der Unwesentlichkeiten, aber auch nach der Quelle zu fragen, nach den Ressourcen, nach meiner Rolle, zu prüfen, ob das Glas nicht ein untragbares Behältnis ist. Kann meine Hand nach dem Wasser greifen und weiß ich mit dieser Metapher für die Nahrung meines reinen Verstandes umzugehen? Konsolidierung kann auch ein Fortbewegen aus der Perspektive sein, in die man vielleicht hineingeworfen wurde. Nahrung für den reinen Verstand zu haben, ist das Eine – den Raum zu betreten, sich an den Tisch mit dem Wasser zu setzen, ist das Andere. Man erkennt an sich, man erkennt für sich – ich rede Unsinn. Ich bin gar nicht in der Position, etwas über meine eigene Wahrnehmung der Welt sagen zu können. Jedenfalls nichts Wesentliches.
Das Wesentliche der Konsolidierung ist dann die Fähigkeit, den Durst mit den richtigen Mitteln stillen zu können.
Stillen wir jetzt den Durst. Dabei bediene man sich wieder einer klassischen, zeitlosen Erkenntnis und transformiere, konsolidiere sie zur Bedeutung jenseits der Metaphern. Man übe sich in der Komposition des abstrakten Ideals, man übe sich im konstruktiven Idealismus: Handle nur aus der Perspektive, in der das Erkennen Deiner Selbst kongruent zu den Ergebnissen Deines Handelns ist. Wenn Du Durst hast, dann ist das Glas halbvoll. Wenn Du keinen Durst hast, dann ist das Glas halbvoll. Das Glas ist immer halbvoll, denn Du hast die Unwesentlichkeit des Pessimismus und die Subjektivität des Zynismus fallen gelassen. Du hast Dich auf die Wesentlichkeit der Erkenntnis konzentriert, bist semantisch kongruent zu Deinem Wollen. Und wenn Du das für Unsinn halst, dann folgt daraus die wesentlichste Erkenntnis überhaupt: Du wärest gar nicht zu sinnvollem Handeln fähig.
Gibt es auch nur eine einzige Geschichte, einen einzige Moment in der Historie, welcher nicht von genau diesem Zusammenhang geprägt ist: der konstruktive Idealismus (seine negative Seite könnte man ggf. als Ideologismus bezeichnen – eine Erläuterung dieser Abgrenzung würde hier jeden Rahmen sprengen) ist Einnahme eines Blickwinkels in der Betrachtung, in der Objektivität im subjektiven Erkennen von semantischer Kongruenz simuliert wird. Das Individuum, welches diesen Betrachtungswinkel einnehmen kann,ist in der Lage etwas verändern zu können. Es gibt keine Geschichte, keine wesentliche Änderung, über die es sich zu erzählen lohnte und die nicht von Idealisten handelt. Idealisten definieren Maßstäbe. Ausnahmslos Idealisten definieren die Parameter der Geometrie der Wahrnehmung.
Der Ehrliche ist niemals der Dumme. Spürt man selbst in sich nicht die Kraft, seine Befindlichkeit, als sein Eingeordnetsein innerhalb dieser Geometrie zu hinterfragen und zu denken, möchte man gar nicht von einem halbvollen Wasserglas ausgehen und sich lieber treiben lassen, dann muss auch die Abwendung von dem Wasserglas selbst erfolgen, als Abkehr von der Wesentlichkeit der wichtigsten Fragen. Ein Mensch, der nichts ändern will, nicht aufbauen, nichts definieren will, ist leer- sein Dasein ist nutzlos. Leben ist Sein, Seichtigkeit ist das Vor-Sich-Hin-Atmen. Ich mag die Geometrie der Wahrnehmung für mich nicht erfassen können. Es gibt aber einen nicht definierbaren Unterschied zwischen dem Pessimismus und der Passivität – das ist die Erklärung, warum sich nichts ändert und die Masse in seichter Trägheit von einer Schwierigkeit in die nächste trudelt. Sie wäre dynamisch, wenn Menschen für sich diesen Zusammenhang von seichtem, passiven Dasein und fehlender, innerer Dynamik erklären würden. In einem von beidem gefangen, sieht man das jeweils andere als einzige Alternative, bewundert vielleicht insgeheim Menschen, die gegen den Strom schwimmen können. “Handle nur durch diejenige Maxime, durch die zugleich wollen kannst … Wollen und Können – wer kann, will vielleicht nicht, wer will, kann vielleicht nicht. Die Kombination aus beidem ist die Befindlichkeit in bereits definierter semantischer Kongruenz, dass sich Abheben von der Seichtigkeit und der Passivität zugleich.
Wer dies nicht anstrebt, ist damit in bester Gesellschaft. Das Ego, die völlige Individualisierung als Antrieb kann nämlich extrem produktiv sein – in jeglicher Hinsicht. Künstler beschreiben dieses Verharren und bauen in immer neu gestalteten Varianten den Untergang und das Wiederauftauchen im Sturm. Alles, was dabei nicht neu ist, wird eben wenigstens mit neuen Effekten versehen. Politiker verlieren sich in Floskeln und im Bedienen ihrer Klientel. Manager bedienen den Markt, der längst keinem Gesetz mehr folgt – seine Energien und Synergien zieht dieser Markt aus der Kollision von individueller Sinngebung und ihrer Quantifizierbarkeit mit seinen Ergebnissen. In gleichem Maße, wie hieraus eine Dynamik entsteht (genannt “Wachstum”) entsteht auch ein Aussaugen der Substanz. Die Folge ist eine lethargische Stabilität und ein kollektiver Burnout. Die Masse verfällt der Seichtigkeit, die Elite verkennt sich in der Passivität des Egos und ist undynamisch, unscheinbar, eingeschüchtert von den Versuchen, Idealisten für Naivlinge zu halten (was sie oftmals tatsächlich sind.) – Letztere suchen sich die Substanz im Mitnehmen von Allem, im Erleben statt Leben – wie bereits dargelegt.
Aus all diese Menschen können die Wasserträger werden. Sie müssen nur Erkennen, dass ihr Blickwinkel der gleiche ist. Allesamt suchen sie nach demselben abstrakten Ideal und dem Weg, dieses Erkennen und Leben zu können. Sie haben noch nicht mal angefangen, es zusammenzusetzen, es zu komponieren. Mit den Wassergläsern ist es, wie mit den Proportionen von Wollen und Können – die Suche nach einem Einklang ist das Verknüpfen von Befindlichkeit und Betrachtung der Welt. Dazu sind alle Menschen von Natur aus berufen.
Am Ende bleiben das Abwenden von dem Wasserglas und das Eintauchen in den Ozean aller Möglichkeiten. Am Ende ist ein Menschenleben, wie ein Stückchen Zucker in diesem Ozean, vielleicht eine Tütensuppe oder ein Brühwürfel. Das Wasserglas aber ist halbvoll. Immer.
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