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“Streß und Freiheit” von Peter Sloterdijk

Warum in aller Welt ein Kultur-Magazin neu starten und dann hochgradig bedeutungsschwangere Worte rezensieren? Ganz einfach – ich muß erklären, warum aus mir kein Großkritiker der Hip-Hop-Szene geworden ist! Das geht nur mit Sloterdijk. Der Salonphilosoph Peter Sloterdijk – richtig, der mit der Brille auf der Nasenspitze, derjenige welche, der die Allwissenheit optisch wie ein Klischee im “Philosophischen Quartett” verkörpert. Er hat wieder ein Buch geschrieben. Ein Büchlein. Wieder ein Skript einer Rede, diesmal vor der Friedrich-Naumann Stiftung im April diesen Jahres. Hier der Versuch einer Einordnung.

Von Peter Killert

Was hat das damals für böse Beschimpfungen per E-Mail gegeben! Es muss so 1999 gewesen sein, als Sloterdijk nach den Regeln für einen “Menschenpark” gefragt hat. Seine Rede damals hat für viel Aufsehen gesorgt, ist sie doch ein radikaler Abgesang auf den Humanismus. Dem hatte ich damals in einem Artikel in der Rubrik “Pamphlet” vehement widersprochen. Wenn es auch unter den Philosophen Gutmenschen und Pragmatiker gibt, dann ist Sloterdijk ganz sicher der Pragmatiker. Warum auch sonst zum Medienphilosophen werden? Seine Präsenz wird nur noch von Richard David Precht übertroffen (über den ich auch mal irgendwann etwas schreiben muss). Ich war jedenfalls ein böses Opfer von mindestens einem Sloterdijk-Fan. In wüsten E-Mails wurde ich beschimpft. Ich solle Großkritiker der Hip-Hop-Szene werden, statt mich mit Philosophie zu beschäftigen. Ich habe diesen Ratschlag nicht befolgt – hier, so dann meine nächste Sloterdijk-Kritik.

Das neue kleine Buch von Sloterdijk heißt „Streß und Freiheit“. Den Begriff „Freiheit“ zum Thema zu machen, ist bei der den Liberalen nahestehenden Naumann-Stiftung naheliegend. „Streß“ ist aber kein philosophisch determinierter Begriff. Sloterdijk unternimmt also den Versuch, einen zentralen Befindlichkeitsbegriff mit einem zentralen philosophischen Begriff zu kombinieren. Nette Idee und – ich nehme es vorweg – auch ganz interessant umgesetzt, wenn auch hier wieder sehr pragmatisch. Und was Pragmatismus bei Sloterdijk heißt, wird später definiert. Der Schöpfer der „Kritik der zynischen Vernunft“ leistet es sich in meinen Augen, die Moral vom Freiheitsbegriff gänzlich zu entkoppeln. Brücke von der Antike zur Gegenwart ist Rosseau und hier nicht etwa im Mittelpunkt die Theorie des Gesellschaftsvertrages – neben Demokratie und Gewaltenteilung ein zentrales Element einer modernen Gesellschaftsordnung – sondern seine “Träumereien eines einsamen Spaziergängers”.

Ich stelle mir das bildlich vor. Sloterdijk im Lesesessel, die Brille auf der Nasenspitze, ein Glas Wein (zuviel oder zuwenig, je nach dem, wie man das sehen mag) und liest diese romantische Anwandlung des großen Rousseau und denkt sich Wie kann ich das auf meine zynische Art und Weise richtig verbraten?. Dann aber die Erkenntnis, die stille Sensation: Rousseau einsam in einem Ruderboot auf dem See – das Subjekt der Freiheit beruft sich ausschließlich auf seine gespürte Existenz. Es ist nicht mehr die Freiheit von Etwas, sondern exquisites, still-ekstatisches Bei-Sich-Sein. Das Subjekt löst sich als Subjekt auf und erlaubt sich die Überflüssigkeit. So zumindest interpretiert es Sloterdijk.

Weitere Informationen zu Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk wurde am 26. Juni 1947 als Sohn einer Deutschen und eines Niederländers geboren. Von 1968 bis 1974 studierte er in München und an der Universität Hamburg Philosophie, Geschichte und Germanistik. 1971 erstellte Sloterdijk seine Magisterarbeit mit dem Titel Strukturalismus als poetische Hermeneutik. In den Jahren 1972/73 folgten ein Essay über Michel Foucaults strukturale Theorie der Geschichte sowie eine Studie mit dem Titel Die Ökonomie der Sprachspiele. Zur Kritik der linguistischen Gegenstandskonstitution. Im Jahre 1976 wurde Peter Sloterdijk von Professor Klaus Briegleb zum Thema Literatur und Organisation von Lebenserfahrung. Gattungstheorie und Gattungsgeschichte der Autobiographie der Weimarer Republik 1918–1933 promoviert. Zwischen 1978 und 1980 hielt sich Sloterdijk im Ashram von Bhagwan Shree Rajneesh (später Osho) im indischen Pune auf. Seit den 1980er Jahren arbeitet Sloterdijk als freier Schriftsteller. Das 1983 im Suhrkamp Verlag publizierte Buch Kritik der zynischen Vernunft zählt zu den meistverkauften philosophischen Büchern des 20. Jahrhunderts. Seit 2001 ist Sloterdijk in Nachfolge von Heinrich Klotz Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe sowie dort Professor für Philosophie und Ästhetik.

Na logisch, dass dann die Gesellschaft – Sloterdijk definiert sie als „semantische Konvention“ – diesem Individuum sein Eingefügtsein aufbürdet. Die Freiheit, die das Subjekt wieder an sich selbst erinnert und es über kolletive neurotische Ticks in sich umklammernden Gegenspannungen in eine Prioritisierung von Sorgen zwingt, ist der Streß. Freiheit führt unweigerlich zu Streß. Streß ist die Erfahrung der Unfassbarkeit.

Sehr schön. Ein interessanter Ansatz, auch ideengeschichtlich sehr richtig eingeordnet. Erkennbar jeden Tag in den Medien. Vogelgrippe, BSE und EHEC. Diese Gegenspannungen nehmen zu und verstärken sich. Es entsteht Streß.

Vielleicht ist eine Rede auch einfach nicht geeignet, diesen Gedanken noch viel mehr auszuweiten. “Streß” wird gar nicht individuell definiert. Es ist ein abstractum bei Sloterdijk, so wie auch die Freiheit ein abstractum ist. Die Auflösung eines abstrakten Begriffes auf einer individuellen Ebene, eine jetzt eigentlich fällige Deduktion, bleibt aus. Sowohl bei der Freiheit, als auch beim Streß. Sicher würde so etwas den Rahmen eines solchen kleinen Buches sprengen – aber Sloterdijk lässt nicht einmal diese Konsequenz zu. Ich lese und lese und frage mich, wann kommt er endlich zu Sartre? Sartre hat die höchste individuelle Moral aus der Freiheit abgeleitet. Wo ist der sechste Abschnitt der Rede, der sich mit der Existenzphilosophie und dem Existentialismus beschäftigt? Alle kommen vor, Nietzsche, Kant, Hume, Heidegger – dann, tatsächlich, Sartre! Aber nein, nicht die jetzt zu erwartende Einordnung – verdammt sein, in Freiheit, Freiheit als Konfrontation mit dem Nichts – die rationale Komponente des Spaziergangs von Rousseau, der Mensch mit der Existenz selbst konfrontiert. Ja was wäre das jetzt für eine gekonnte Überleitung vom Existentialismus in den Streß! Sartre macht Streß. Die Jahre an der Seite von Simone de Beauvior doch nicht spurlos vorübergegangen? ;-)

Sartre bekommt nur einen Nebensatz: (…) Ich denke, diese Wendung zur Selbstbelastung nach der Entlastung ist das, was Jean-Paul Sartre mit dem Begriff Engagement bezeichnet hat. (…). Dann kommen nur noch wenige Absätze, Beckett kommt darin vor, Martin Walser sogar. That´s it! Unfassbar. Aber ich gestehe dem Salonphilosophen ein, dass er über eine Menge Fachwissen verfügt. Wahrscheinlich will er sein ebenso gebildetes Fachpublikum an diesem Tag bei der Naumann-Stiftung (konnte nicht recherchieren, ob auch Frau Dr. a.D. Silvana Koch-Mehrin anwesend war …) nicht mit der nun fälligen Ableitung an die Moralphilosophie langweilen. Das wissen die doch eh alle! Der Weisheit letzter Schluss, dann womöglich noch als kategorische Imperativ! Nein, Sloterdijk will uns das ersparen. Die Aufnahmefähigkeit eines Publikums ist bei so einem Thema, so einem wirklich durchdachten philosophischen Pamphlet, nur sehr begrenzt vorhanden. Statt Moralphilosophie also lieber solche Weisheiten: (…)Zur selben Zeit schrieb der wackere(!) Materialist Vogt, die Gedanken stünden zum Gehirn, wie der Urin zu den Nieren.

Und dann das (die Rede wurde im April gehalten, wenige Wochen nach der Katastrophe in Japan) – Rousseaus´ Spaziergang in einem aktuellen Kontext: (…) Um es in einem dramatischen Bild auszudrücken: Das Subjekt des Fünften Spaziergangs gleicht einem Kernreaktor, der plötzlich reine anarchische Subjektivität in die Umwelt abstrahlt.

Aua.

Sloterdijks Pragmatismus ist Zynismus. Deswegen zeigt sich Sloterdijk so wie er ist im Fernsehen. Das kann gefallen, muss es aber nicht. “Streß und Freiheit” jedenfalls ist eine große Portion Zynismus, für den Philosophen interessant und eben typisch Sloterdijk. Ein Buch, das die Welt nicht braucht, eine Offenbarung für den intellektuellen Zyniker.

Das Buch

Peter Sloterdijk: “Streß und Freiheit”
ISBN: 978-3-518-06207-4
Verlag: suhrkamp
62 Seiten
© Autorenfoto: Peter Rigaud.

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