Eigentlich ist dieses Buch kein Roman im klassischen Sinne. Es gibt aber für diesen Typus der Aufbereitung einer Handlung keinen passenden Begriff – das Buch “Mr. Pink Floyd” von Michele Mari, in der Übersetzung von Birte Völker, hat zwar irgendwie einen chronologischen Ablauf. Eine Handlung baut sich aber erst in der Interpretation der einzelnen Pamphlete zusammen. Das, was passiert sein muss, wird oft gar nicht erwähnt. Die Fantasie setzt die Bruchstücke zusammen und die lassen sich frei interpretieren. Mit diesem gelungenen Stilmittel erzählt der italienische Schriftsteller und Literaturkenner Michele Mari von dem Mythos der Band PINK FLOYD und ihrem einzigen Mastermind: Syd Barrett.
Nicht nur für Fans der Kultband Pink Floyd ist dieses Buch geeignet. Nicht nur für alle Musikfans im Allgemeinen – Mari baut aus Fakten, seiner Fantasie – eingelegt in nur bedingt authentische Dialoge – und genialen, surrealen Konstrukten eine Geschichte, die ihm und dem Leser letztendlich das offenbart, was man einen Mythos nennt. Der Mythos hat einen Namen: Syd Barrett, der Mastermind aus den Anfängen von Pink Floyd. Mari will diesen Mythos ergründen. Barrett verkörpert das geheimnisvolle Über-Ich der Band, ein geheimnisvoller Schatten, Fluch und Segen zugleich – niemals dementiert, ja sogar wie eine Neurose bei David Gilmour (er ersetzte Barrett nach dessen Abdriften in die LSD Hölle) innerhalb der Band, bestätigt.
Der Einwand, dass die ganz großen Werke der Band wie DARK SIDE OF THE MOON, ATOM HEART MOTHER oder WISH YOU WERE HERE erst der Ära nach Barrett zu zuordnen sind, greift nur bedingt. Nicht wenige Kenner sind der Meinung, dass jedes Pink Floyd Werk nach 1968 der Versuch war, das Genie der ersten Stunde aus dem Album THE PIPER AT THE GATES OF DAWN zu kopieren. Diese Geburtsurkunde von Pink Floyd stammte in allen Belangen von Barrett. Dieser Auffassung ist auch Mari, aber mit seinen eigenen Stilmitteln sagt er es nicht direkt – er überlässt es der Interpretationsgabe der Pink-Floyd Kenner. Und die stehen in der breiten Masse hinter Mari, so suggerieren es zumindest die vielen positiven Rezensionen dieses Romans.
Da ich nicht der große Kenner von Pink Floyd bin, bleibe ich bei dem handwerklichen Teil. Und der ist wirklich sehr gut gelungen. Da gibt es die “Anklagen aus dem Jenseits”. Stuart Sutcliffe und Brian Jones beschweren sich, warum sie in jungen Jahren den Löffel abgeben mussten, um ihre Band jeweils zum Mythos zu machen. Sutcliffe bei den Beatles und Jones bei den Rolling Stones. Barrett jedenfalls blieb am Leben (er starb 2006 eines natürlichen Todes) und begleitete beinahe 40 Jahre die Band als lebendes Gespenst. Ein Mythos wird also nicht nur durch mysteriöses Ableben genährt – auch wer die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn mehrfach mit Drogen überschritten hat und nicht dabei draufgegangen ist, kann zu einem Mythos werden. – Nein, eigentlich nicht. Eigentlich gibt es nur einen Künstler, der das geschafft hat: Mr. Pink Floyd, Syd Barrett.
Die anderen Pamphlete sind Klagen, Zeugenaussagen und „Tiergeschichten“. Der ganze Roman hat den Charakter von Protokollen einer Gerichtsverhandlung. Alan Parsons, Stanley Kubrick oder David Bowie werden in das Netz um den Mythos Syd Barrett herum mit eingebaut. Mari legt sogar einem Eric Clapton ein Statement in den Mund, dass nur darauf abzielt, das fehlende Talent eines Roger Waters zu kommentieren.
Manchmal werden nur die Fakten dargestellt. So etwa in dem Bericht eines gewissen Dr. Ronald Laing, der die mentalen Störungen seines Patienten am 18. Juli 1967 untersuchte und die tiefenpsychologischen Folgen dokumentierte. Sein Patient? – Syd Barret. Dann wieder werden die Fakten entschärft. Marzio Acquaviva kommt zu Wort, von Beruf Holzhändler, aber eher bekannt als Betreiber eines Internetportals zu PINK FLOYD. Er glaubt zu wissen, dass Barrett niemals verrückt gewesen ist. Er hatte einfach nur die Schnauze voll, sich von den anderen bei Pink Floyd ausnutzen zu lassen. Barrett sei doppelt so kreativ gewesen, wie alle anderen zusammen. Er unterstellt sogar, dass der Pomp der Großleinwände (THE WALL) und die fehlenden Nahaufnahmen Beleg für das miserable Spiel der Restband sei. Viele Fans haben dieselbe Meinung. Das Lager der Pink Floyd Fans ist tief gespalten.
Mari gelingt es, mit seinem Buch einen Mythos zu dekonstruieren, nur um einen anderen Mythos aufzubauen. Ein Mythos braucht normalerweise ein Opfer (Sutcliffe, Jones) – Barrett ist der einzige Mythos, der sich selbst überlebt hat und der sich vielleicht bis zu seinem Tod über die vielen „Syd-Sightings“ amüsiert hat. Mari lässt zwar offen, was den Mythos genährt hat – die Lektüre lässt aber nur einen Schluss zu: Barrett war tatsächlich ein Genie. In seinem Können liegt die Vielschichtigkeit und die Zeitlosigkeit von PINK FLOYD begründet.
Für Pink Floyd Enthusiasten, die wahrscheinlich aus den kleinsten, exzellent recherchierten Nuancen in Nebensätzen, die kleinen Fakten, die nur der wahre Fan kennen kann, die Sahnehäubchen für ihren eigenen, ganz persönlichen Mythos ziehen werden, ist dieses Buch eine Offenbarung. Handwerklich ein tolles Buch, jedes kleine Pamphlet, jeder „Crazy Diamond“ hat seinen berechtigten Platz und wird gekonnt zu dem Mosaikstein eines Gesamtbildes.
Mr. Pink Floydvon Michele Mari,Erschienen in der Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann.
ISBN 978-3-570-58026-4
© Autorenfoto Michele Mari: Basso Canarsa. |
PINK FLOYD Live ASTRONOMY DOMINE, 1967
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