Rosinenbomber über Kabul
(Erschienen am 20. September 2001 auf kultur-magazin.de)
Dieser Essay erschien im Kultur-Magazin am 20.09.2001, neun Tage nach den Terroranschlägen in den USA. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die unkoordinierten Aussagen und Nachrichten schon ein wenig objektiver Berichterstattung untergeordnet. Aus heutiger Sicht würde ich einige Passagen nicht mehr so schreiben. Man merkt eben schon noch die Ahnung, wie sehr sich die Welt verändern würde. Die wichtigsten Diskussionen sind bis heute nicht abgeschlossen und die wichtigsten Fragen immer noch nicht beantwortet. Das Leitmotiv in diesem Artikel, nämlich Menschen “erobern” mit einem vermeintlichen Freiheitsgedanken erobern zu wollen, ist immer noch aktuell. So auch die Gründe, für ein Scheitern dieser Idee…
Von Peter Killert
Das Ereignis, das wie kein anderes nach dem 2. Weltkrieg die Weltordnung verändern wird, ist noch keine zwei Wochen her. Die Vorbereitungen für einen Vergeltungsschlag der Amerikaner laufen derzeit auf Hochtouren. Alle Nationen, die durch Bündnisverpflichtungen und konkrete Solidaritätsbekundungen nun mit dem Boot “Infiinite Justice” sitzen fragen sich – wie wird dieser Vergeltungsschlag und die anschliessende neue Weltordnung aussehen?
George W. Bush, vor wenigen Jahren noch Manager eines Baseballteams, ist in wenigen Tagen zur zentralen Figur internationaler Politik herangereift. Um ihn herum eine ganze Riege guter Berater, die in der Lage zu sein scheinen, den oftmals wenig konstruktiven und bisweilen dummen Abschweifungen des Präsidenten, auszubügeln und Substanz zu verleihen. Das Wort “Kreuzzug” hätte Bush nicht in den Mund nehmen dürfen und die Öffentlichkeit erkennt, dass die Unterscheidung in Moslem und Fundamentalist auch für diesen Präsidenten in wenigen Tagen ein notwendiges Lehrstück gewesen war. Machen wir uns nichts vor. Es klingt pathetisch und unwirklich: unser aller Zukunft liegt in den Händen dieses Mannes und seiner Berater. Ein falscher Schritt im Balanceakt zwischen Gerechtigkeit und Wahrung des Weltfriedens und die Welt steht am Abgrund.
Bush hat Recht wenn er sagt – die Trauer wandelt sich in Wut, die Wut in Entschlossenheit. Entschlossenheit und Besonnenheit sind Kandidaten für das Wort des Jahres. Und es gibt kaum abstraktere Begriffe die eben diesen Balanceakt besser beschreiben könnten.
Scheinheiligkeit allerorts Auffällig ist die Verlagerung der Perspektive. Wird die Wut auf die Fundamentalisten zunächst in einer pauschalen Verurteilung des islamischen Glaubens umgemünzt dann zeigt sich mit grösserer Distanz und Reflexion zu den Geschehnissen plötzlich ein Abrücken von Amerika. “Amerika bekommt jetzt die Quittung für seine Aussenpolitik der letzten Jahrzehnte” – das sagt vielleicht einer in Berlin, die Stadt, die die Amerikaner vor der kommunistischen Bedrohung ringsum geschützt haben, sitzend im McDonalds kurz bevor er in den Burger beisst. Ein Deutscher mit der in der USA gedruckten D-Mark in der Tasche, stolz auf das von Amerikanern verfasste Grundgesetz haben natürlich das Recht, gegenüber unseren Freunden kritisch zu sein. Man muss nur in der Lage sein, die eigene Scheinheiligkeit zu reflektieren. Denn mal ehrlich: wie können wir gegenüber dem Amerikaner ausgerechnet jetzt den moralischen Zeigefinger erheben, wo uns doch das Schicksal Afghanistans bis vor wenigen Tagen noch einen Scheissdreck interessiert hat ? Was würden wir wohl tun, wenn die Flugzeuge mitten in Berlin oder in München zum Absturz gebracht worden wären?
Die Medien sind nicht mehr lernfähig
Die Huldigung des amerikanischen Geistes darf jedoch nicht so weit gehen wie im Falle des Nachwuchsjournalisten Henryk Broder … seine Äusserungen im Spiegel und bei Spiegel-Online zielen an der Wirklichkeit vorbei und sind Hass schürende Parolen eines spätpubertierenden Schreiberlings. Broder sieht den Antisemititsmus bereits durch den Antiamerikanismus ersetzt. In dem Forum seiner Homepage tummeln sich dementsprechend nicht wenige Altnazis und Rechtsnationale. Nach dem Motto “Deutschland habe hier ein gewichtiges Wörtchen mitzureden” freuen sich viele Menschen über die geistigen Ergüsse dieses Mannes, der mit Vorliebe gegen jüdische Einrichtungen und den jeweils aktuellen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden hetzt. Neben den Artikeln eines ehemaligen RAF Terroristen machen sich solche Polarisierungen auflagenmässig sehr gut. Aber das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL beweist in Zeiten wie diesen mal wieder kein journalistisches Fingerspitzengefühl.
Die Medien haben in den letzten Jahrzehnten nun in Richtung ausgefeilter Sensationsgeilheit dazu gelernt. Passiert dann wirklich etwas weltbewegendes, was nach Objektivität verlangt, dann ist der Medienkomsument gnadenlos den Hetzkampagnen von Springer, CNN etc. ausgeliefert. Eine handvoll jubelnder Palästinenser werden verantwortungslos für den deutschen Stammtisch mit der gesamten moslemischen Welt gleichgesetzt. “Die Terrorbestie” kommt aufs Titelbild noch bevor wirklich feststeht, dass dieser Mann auch wirklich im Flugzeug gesessen hat. Wohltuend ist da nur das Dossier in der “Zeit”. Endlich mal umkommentierte Äusserungen intellektueller Zeitgenossen; wohltuend auch ein Ulrich Wickert, der ohne Teleprompter und fehlendem Improvisationsgeschick hilflos wirkt wie jeder andere auch und zeigt, was er wirklich ist. Ein charismatischer Laberhannes ohne journalistisches Rückrat – der Ehrliche ist nicht nur der Dumme; zur Ehrlichkeit gezwungen guckt er auch noch ziemlich dumm aus der Wäsche. In den letzten zwei Wochen hat ein roter Faden in den Medien gefehlt, der uns zu einem breiten, objektiven Urteil hätte bringen müssen. Denn was nützt die grösste Auflage, wenn der Weltfrieden auf dem Spiel steht.
Umdenken ist angesagt
Würde man jetzt sagen “Die Medien sind zum Umdenken” gezwungen, dann zeigt sich, was uns eigentlich fehlt. DIE Medien sind keine Person, DIE Fundamentalisten haben keine Religion, die Menschen haben Angst und DIE USA wollen Krieg .. Mit der Globalisierung geht die Individualisierung einher. Ein Flugzeug wird von einem Menschen geflogen und nicht von einer Religion. Die Medien bestehen aus einzelnen Individuen. Benennen wir die Schuldigen, einen Chefredaktuer, einen Autor, der sich an abstrakten Paradigmen orientiert, wie etwa dem Zwang nach stetig steigender Auflage, dann benennen wir nur eine Marionette und wir wissen jetzt, dass wir mit vielen abstrakten Denkschemata, Paradigmen, aufräumen müssen. Peter Scholl-Latour ist sprachlich noch in diesen alten Schemata gefangen, bringt es aber dennoch auf den Punkt: “Wir müssen aufhören den anderen unsere Kultur aufzuzwingen”. Das Andere und unsere Kultur – Thema einer ganze Serie von noch nicht verfassten Essays …
Die westlich-zivilisierte Welt ist die Weltordnung, die sicherlich für die Menschen, die in ihr Leben, das Überleben und die autonome Handlungskompetenz garantiert. Aber die Medien werden mit Bauteilen aus Billiglohnländern hergestellt. “Made in Germany” sind im Zeitalter der Globalisierung nur eben jene veralteten Paradigmen. Unsere Kultur ist die Kultur des Anderen. Nicht umsonst ist der Döner des Deutschen beliebtester Imbiss. Das muss man sich klarmachen. Die Folge ist ein notwendiges Umdenken, ein anderer Umgang mit dem Anderen. Es ist längst nicht so, dass wir Deutschen die Ausländer, die hierher kommen mit unseren Steuergeldern durchfüttern. Ein Grossteil der Rentenbeiträge in Deutschland wird von ausländischen Mitbürgern gezahlt; oder besuchen sie mal am Wochenende ein deutsches Altersheim – sie werden keine deutsche Fachkraft mehr finden. Diese tiefe multikulturelle Verwurzelung, die vom türkischen Gastarbeiter ausgehend dahin gipfelt, dass junge Türkinnen ein Kopftuch tragen, aber noch nie in ihrer vermeindlichen Heimat waren, muss endlich zur Kenntnis genommen werden. Leider ist die Eigenschaft in Kategorien von vorgestern zu denken ebenso “Made in Germany” wie die Grosskotzigkeit, mit der der deutsche Stammtisch dem Ausländer an sich pauschal begegnet.
Das Individuum ist gefragt, jeder einzelne Mensch, der plötzlich zum ersten Mal richtig Angst verspürt muss aus dickbäuchiger Letargie erwachen. Nicht die vor kurzem erworbene Volksaktie, nicht das nächste Auto, nicht der nächste Urlaub sind wichtig – naiv aber wahr: was am anderen Ende der Welt passiert, darf uns nicht egal sein. Bis das aber Wirklichkeit wird, bis der einzelne Mensch das Umdenken beginnt, muss noch viel mehr passieren als ein eingestürztes World Trade Center. Wir nähern uns dem Punkt, wo jeder von uns drei Handys in der Tasche hat, aber nichts mehr zu fressen und niemanden, der sich für ein persönliches Schicksal noch interessiert. Bevor wir einen einen interkulturellen, fruchtbaren Dialog überhaupt beginnen können, müssen wir eine innere Zwiesprache führen. Dazu – ehrlich – ist kaum ein Mensch bereit.
Nicht wird sich ändern
Wir leben in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft. Die Kraft, diese Freiheit mit allen Mitteln zu verteidigen, wenn sie denn in Gefahr ist, ist stärker als jeder religiöser Wahn. Geht es um diese Freiheit, dann isoliert sich diese Kraft ganz alleine von der, die Amerika in den letzten Jahren in unmenschliche, ungerechtfertigte Kriege geführt hat. Diese Krise unterscheidet sich eben von Vietnam oder der Golfkrise – für die USA und auch für uns geht es diesmal um mehr. Einen konventionellen Krieg gegen ein Land zu führen macht keinen Sinn, wenn dadurch der Weltfrieden gefährdet wird. Diese Krise hat eben nicht nur die USA ergriffen sondern spürbar jeden Kleinaktionär in Deutschland oder sonstwo in Europa. Ein Bekenntnis zu den USA liegt in der zynischen GEsinnung des Durchschnittsmenschen – Afghanistan hat uns nicht interessiert, wird uns in wenigen Wochen nicht mehr interessieren und wenn dann noch die amerikanische Wirtschaft wieder floriert sind alle wieder zufrieden. Zufrieden wiederholen wir dann unsere Kritik an den USA, am Islam an sich und nehmen diese Krise scharfsinniger Weise als Grundlage für eine Einwanderungsdebatte. Ausgesprochen dumm. Mitten in den ganzen Diskussionen zeichnet sich bereits jetzt ab: für jeden einzelnen von uns wird sich überhaupt nichts verändern. Die Bilder der einstürzenden Türme des World Trade Centers haben sich im Geiste des Primitiven bereits längst neben die von diversen Actionfilmen eingesondert. Und irgendwann wird diese Katastrophe wieder Stoff für einen Hollywood- Blockbuster sein – Leonardo DiCaprio dann als selbstloser New Yorker Feuerwehrmann, Kate Winslet irgendwo zwischen Stahl, Beton und Leichenteilen eingeklemmt. So zynisch es klingt : es braucht viel mehr Opfer bis sich etwas ändert.
Aus der Vergangenheit lernen
Richard von Weizsäcker hat 1989 in einer Rede vor dem Deutschen Bundestag die Betrachtung der Deutschen Geschichte nachhaltig verändert. 1945 sei Deutschland von Faschismus befreit worden. In seiner Rede stecken implizit die Worte “Aufklärung” und “Neuanfang”. So wie Europa 1945 an einem Wendepunkt angekommen ist, stehen wir vor einem globalen Wendepunkt. Es geht nicht darum, ein Land wie Afghanistan amerikanisch zu missionieren – es geht wohl darum, Menschen mit einer Botschaft dorthin zu schicken. Ein Chatami aus dem Iran wäre jemand, den ein Land wie Afghanistan gebrauchen könnte. Für den Anfang wäre auch eine andere Idee ganz nett – vielleicht schicken die Amerikaner irgendwann Rosinenbomber nach Kabul.
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Die Münchner Fotografin Luise Aedtner präsentiert ab September Bilder ihrer poetischen Reportage aus Japan bei der online-Galerie platform. Aedtner ist im Jahr 2010 zwei Monate quer durch Japan gereist. Dort lernt sie die japanische Kultur in der Stadt und auf dem Land kennen. Und sie stellt fest: Japaner sind ein wenig wie Ameisen in einem riesigen Ameisenhaufen. Alles ist quirlig, alles wuselt herum. Wenn man aber den Blick auf die einzelne „Ameise“ lenkt, dann wirkt sie einsam, fast melancholisch.
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