Es gibt sie in den letzten Tagen zu Hunderten – warum ein weiterer Nachruf auf Steve Jobs? Nun, es ist das Kultur-Magazin, in dem dieser Nachruf veröffentlicht wird und der Unternehmer, der praktische Philosoph Jobs wurde schon mit vielen richtigen Gedanken bedacht. Schauen wir also mal, wie Steve Jobs die Kultur der Menschen verändert hat …
Von Peter Killert
Es gibt nicht wenige, die aus Prinzip Mac-Rechner und iPhones verschmähen. Zu groß ist Ihnen die Marketing-Maschinerie dieses Technologiekonzerns, zu groß die Angeberei. Ein Macbook ist der Benz des Nerds. Desjenigen Menschen, der glaubt, etwas zu sagen zu haben. So stehen auf den Tischen der Szenekneipen, in denen sich die Piratenpartei zu ihren Meetings trifft, die Macs. Barcamps, Kreativworkshops, Individualisten – es braucht in der Verschiedenartigkeit gemeinsame Nenner. Ein Unternehmen, das dies werbetechnisch erkannt hat, ist ein Selbstläufer.
OK, dieser Artikel wird ebenfalls auf einem Mac geschrieben. Hat aber pragmatische Gründe. Ich würde mir vorerst kein iPad kaufen. Das ist bisher nur ein Spielzeug. Und warum ein iPhone, wenn es Android Handys gibt, die das gleiche können, aber nur ein Drittel kosten?
Was man aber konstatieren muß: ein Android Handy ist eine Antwort auf das iPhone. Ein Tablet PC ist eine Antwort auf das iPad. Musicload war die Antwort auf iTunes und die kommenden Ultrabooks sind die Antwort auf das Macbook Air. Windows war die Antwort auf das erste Betriebssystem mit graphischer Oberfläche eines Macintoshs. Ja, jeder IBM PC war die Antwort auf den ersten Versuch, einen Heimcomputer zusammen zu bauen. Viele Dinge, die das Leben in den letzten 30 Jahren verändert haben, gehen auf diesen Sommer 1976 in Palo Alto zurück – Wozniak und Jobs fräsen dilettantisch den Apple Schriftzug in die Blende ihres ersten Computers. Viele Firmen, denen Jobs dann sein Konzept zeigte, haben ihn ausgelacht, nur um wenige Monate später von Apple aufgekauft zu werden. Auch ein Bill Gates hatte die Vision, das in jedem Haushalt irgendwann ein PC stehen würde, der unseren Alltag vielfältig bestimmen wird. Microsoft hat von Apple profitiert, keine Frage. Und selbst als Jobs bei Apple 1985 rausgemobbt wurde, hat er weiter kulturelle Rahmenbedingungen geschaffen. PIXAR setzte Standards und es sei nur nebenbei erwähnt, dass Tim Barners Lee das Internet auf einem NeXt-Betriebssystem erfunden hat. Aus NeXt wurde Jahre später Mac OSX.
Kultur ist der Standpunkt, von dem aus man mit der Unmöglichkeit konfrontiert ist, sich eine Gesellschaft ohne entscheidende Parameter ihrer Gestaltung vorzustellen. Gäbe es Kultur ohne Bücher? Gäbe es einen arabischen Frühling ohne soziale Dienste? Gäbe es einen Leser dieses Artikels ohne den passenden Rahmen eines Magazins in diesem neuen Medium? Kultur ist der Rahmen für das geistige Futter, das wir uns nicht mehr wegdenken können oder gar wollen. Apple und Design sind dabei unerheblich. Kultur zu konsumieren kann ich auf jedem alternativen Produkt jenseits dieses Konzerns. Unstrittig ist aber der Anschub, der Pioniergeist, das erste Erkennen von etwas, was wir alle irgendwann für selbstverständlich halten. Wenn alle das Rad für selbstverständlich halten kann man ja mal die Millionen von Geistern fragen, die jahrtausendelang ohne diese Selbstverständlichkeit ausgekommen sind. Die Fähigkeit auch die kulturelle Bedeutung einer scheinbaren Banalität zu erkennen, war Steve Jobs eigen und wird mit ihm verbunden bleiben.
“Today Apple is going to re-invent the Phone …”, sagte Jobs bei der Einführung des iPhones. Ich muss zugeben, ich fand das damals ein wenig großspurig. Heute bekommt man die Handys von damals, die Dinger zum Aufklappen von denen jeder Hersteller ein anderes System draufgepackt hat, die Dinger, bei denen polyphone Klingeltöne schon eine Innovation waren, bei eBay für unter 10 EUR. Sie funktionieren, keine Frage, aber Fakt ist, das jeder ein Handy mit einem Touchscreen haben will. Jobs Aussage war also korrekt.
Bleibt die Frage, wie viel tatsächlich von dieser einen Person abhängig war. Ich behaupte, eine ganze Menge. Den Mut zu haben, die banale Vision durchzusetzen, ein Konzept Alltag werden zu lassen, von dem man selbst nicht glaubt, dass es Sinn hat, kann man nur ungefragt jemandem überlassen, der dies bereits mehrfach in seinem Leben bewiesen hat. So jemandem traut man, das eine Vision tatsächlich Sinn macht. Fehlt aber die Referenz auf bereits verwirklichte Visionen der Vergangenheit, so ist man ein Schwätzer. Jeder Visionär ist erstmal ein Schwätzer. Jobs war einer der ganz wenigen Menschen, über den selbst seine Gegner sagen würden, dass er bereits zu Lebzeiten ein Visionär gewesen ist. Bei aller Kritik, bei aller Abneigung gegen Apple selbst – diese Tatsache macht ihn einzigartig.
Ich würde Jobs nichts als Genie bezeichnen. Dafür gab es auch zu viele Fehlschläge (Lisa, MobileMe). Die Person, mit der sich Jobs am ehesten vergleichen lässt, ist John Lennon. Kaum ein Mensch, der nicht mindestens einen Song von Lennon auf der nördlichen Erdhalbkugel kennt. Kaum ein Mensch, der nicht direkt oder indirekt mit den Visionen eines Steve Jobs konfrontiert ist. Man muss ihn nicht mögen oder gemocht haben. So einem Menschen aber eine universale, kulturelle Bedeutung abzusprechen, wäre schlicht fern der Realität.
Wenn sie also durch den Ort gehen, in dem sie wohnen und hinter einem Garagentor produktive Geräusche hören – es könnte sein, dass dort auch Kultur gemacht wird. Da baut jemand einen Rahmen für die Dinge, die wir uns später nicht mehr wegdenken können. Kultur ist der Rahmen der Zukunft.
Foto: Apple Store, New York, 5th Avenue, © 2010 Peter Killert.
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