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Günter Grass – Ein Nachruf

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… und eine Rezension über sein vielleicht bestes Buch

Günter Grass ist tot. Er ist 87 Jahre alt geworden und konnte bis zuletzt das tun, was er gut konnte: schreiben und malen. In wenigen Wochen wird sein letztes Buch erscheinen. Fernsehsender haben heute ihr Programm geändert. Überall ertönen die Nachrufe.

Grass war ein ganz besonderer Schriftsteller. Ich gehöre vermutlich zu den wenigen, die Grass nicht über die Blechtrommel kennengelernt haben. Mich hat 1995 die Diskussion um “Ein weites Feld” fasziniert (das Buch selbst werde ich nie voll und ganz begreifen, dazu müsste man Kenner von Theodor Fontane sein), dann die Kurzgeschichtensammlung “Mein Jahrhundert” und eines der Bücher, die ich für absolut überragend halte. Die Novelle “Im Krebsgang”.

Daher, als mein persönlicher Nachruf, hier noch einmal meine 2002 im Kultur-Magazin erschienene Rezension zu diesem Buch.

Günter Grass – Im Krebsgang

Mit diesem Buch hat der deutsche Literaturnobelpreisträger die Kritiker überrascht. Aus sämtlichen Rezensionen erklingt ein Kanon der Zufriedenheit und selbst ein Reich-Ranicki soll vor Rührung und Entzückung bei der Lektüre geweint haben. Grass macht sich in dieser Novelle an das Thema “Deutsche Vergangenheit” und gesteht sich selber ein, dass er und andere deutsche Schriftsteller die Vergangenheitsbewältigung dem braunen Mob längst hätten entreissen müssen.

Grass gilt ja als “linker” Schriftsteller. Das bezieht sich in erster Linie für sein vehementes Engagment zu Zeiten eines Willy Brandts und zu Zeiten eines Gerhard Schröders. Doch Grass zeigt sich auch als einer der schärfsten Kritiker der Sozialdemokraten, weswegen er nicht selten von den hohen Herren der Politik gemieden wird. Ein linker Schriftsteller, ein Moralist, also geübt im Erheben des Zeigefingers, wagt sich an die deutsche Vergangenheitsbewältigung und greift sich nicht etwa den Holocaust oder die deutschen Kriegsverbrechen heraus, sondern ein lange totgeschwiegenes Thema, ein Verbrechen, das in der Endphase des 2. Weltkrieges an Deutschen begangen wurde.

Grass nähert sich im Krebsgang einem verteufelten Datum der Deutschen Geschichte, dem 30. Januar, was nicht nur das Datum der Machtergreifung Hitlers, sondern auch als das Datum eines der schlimmsten “Kriegsverbrechen” in die Geschichte eingangen ist. Vermutlich weit mehr als 10.000 ostpreussische Flüchtlinge sterben bei der Torpedierung des deutschen Luxus-Schiffes “Wilhelm Gustloff” durch ein russisches U-Boot an jenem besagten Datum im Jahre 1945. Grass verknüpft dieses Datum mit dem Geburtstag des Ich-Erzählers, Paul Pokriefke, ein verkappter 68er, mittelmässiger Journalist und Kettenraucher.

Seine Mutter, hochschwanger, ist eine der wenigen Überlebenden der Katastrophe und schenkt dem Protagonisten auf dem sinkenden Schiff das Leben.

Dieser Protagonist, der als junger Mann in den Westen flüchtet und über Umwege immer wieder die Forderungen seiner Mutter zu hören bekommt, er solle die Vergangenheit verarbeiten, darüber schreiben, der Welt berichten, was damals für ein Verbrechen begangen wurde, weiss nicht so richtig sein Schicksal einzuordnen. Er beginnt seine journalistische Laufbahn bei der Springer Presse und wechselt dann – immer “politisch korrekt” – die Seiten. Artikel für die “taz” zu schreiben ist nur ein Indiz für den labilen, nicht gefestigten Charakter des “vaterlosen” Protagonisten. Bei seinen Recherchen im Internet bezüglich der “Wilhelm Gustloff”, zu denen er sich dann aufrafft, stösst er auf eine Seite eines Menschen, der akribisch dieses Verbrechen an den Deutschen seziert ohne dabei seine Ewig-Gestrige Haltung zu verleugnen. Er bemerkt nach kurzer Zeit, dass es sich bei dem Macher dieser Seite um seinen eigenen Sohn handelt, den er mit seiner Ex-Frau hat gehen lassen und für dessen Schicksal er sich nie so recht hat interessieren wollen. Ganz im Gegensatz zu seiner Mutter, der Oma des Jungen, die in ihrem Leben durch nichts so sehr geprägt ist, wie durch diese Katastrophe. Sie erwartet vom Enkel das, worin in ihr eigener Sohn versagt hat: eine Aufarbeitung der Vergangenheit. Sie hat dem Jungen den Computer geschenkt, über den er sich in virtuelle Welten flüchtet und leider auch eine Pistole, mit der das Unheil seinen Lauf nimmt …

Grass überrascht mit einem völlig wertneutralen Buch. Die wunderbar recherchierten Details über den Namensgeber des Schiffes, einem jüdischen Attentäter und der gescheiterten Existenz des U-Bootkapitäns, der für die Versenkung des Schiffes verantwortlich ist, verbindet Grass zu einem gekonnten biographischen Knoten, der sich in der eigentlichen Hauptperson des Buches, der Mutter, bündelt. Grass überrascht ferner als Schriftsteller der älteren Generation mit korrektem Detailreichtum bezüglich der neuen Medien (seine Novelle lebt vom Informationssumpf des Internets) und zieht sich mit dem lethargischen Blickwinkel seines Ich-Erzählers in eine wirklich neutrale Ecke zurück. Das Mittel ist hier nicht nur Zweck – es offenbart auch den einzigen Vorwurf, den der Umgang der Vergangenheit zulässt, nämlich diese Lethargie selbst. Grass nimmt sich von dieser Kritik nicht aus und bringt sich selbst, als grosser Schriftsteller, der oft genug über die Region, in der die Novelle handelt, geschrieben hat, mit in die Kritik ein. Das geschieht am Anfang des 4. Kapitels und stoppt für einen kurzen Moment, den dichten, mitreissenden Erzählstrang. Grass schafft damit nicht nur eine überzeugende Auseinandersetzung mit dem Thema, er sprengt auch zum ersten Mal die überholten Denkschemata von der Einteilung in rechtem und linkem Gedankengut. Das zeigt sich in der Mutter, die das Verbrechen an den Deutschen hautnah miterlebt hat, in der DDR ihr zweites Leben beginnt und weint, als sie vom Tod Stalins, demjenigen, der für das Verbrechen verantwortlich ist, hört. Das zeigt sich aber auch in der Tatsache, dass sich ausgerechnet Grass mit diesem Thema auseinandersetzt und ein grosses, moralisches und dennoch wertneutrales Buch geschrieben hat.

Ergänzung: Mal etwas anderes – der Nachruf auf Günter Grass in der New York Times.