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Erdbeerflecken

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Ich weiß gar nicht mehr, was mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat. Irgendwo im Internet hatte ich etwas gelesen, nein keine Rezension, die regen mich meist nicht zu dem Kauf eines Buches an, vielleicht war es nur der Titel. Ich bin ja selbst Autor. Interessante Buchtitel sind meist gereifte Früchte, haben andere, mögliche Titel des Projektes zwischenzeitlich ersetzt, bleiben übrig und haben sich irgendwann im Kopf festgesetzt. Das Buch, das Projekt, das manifestierte Konzept von dem Etwas, dass die Autorin zu sagen hat, heißt in diesem Fall “Erdbeerflecken”. Die Autorin heißt Mia Bernstein. Ich könnte wetten, das ist ein Künstlername. Würde passen.

Ganz ehrlich: Frauen können nicht schreiben. Frauen sind ja immer das Objekt der Betrachtung, haben immer noch – da kann noch so viel Emanzipation nichts daran ändern – den Nimbus der ästhetischen Verkörperung. Wie könnten sie also auch das Subjekt des Beschreibenden sein, wenn wir mal davon ausgehen, das jede Kunst die Ästhetik zum Gegenstand hat? Das funktioniert nicht. Hat noch nie funktioniert. Nicht wirklich. Ich kenne außer den berühmten Ausnahmen, die die Regel bestätigen, keine wirkliche Vertreterin der Weltliteratur.

Frau Bernstein hat aber sicher nicht den Anspruch, Weltliteratur zu produzieren. Ihr Stilmittel nennt die Autorin Gedankenscrabble. Das passt sehr gut. Beim Scrabble muss das neue Element nicht unbedingt in einen semantischen Kontext gesetzt werden. Der neue Gedanke kann auch unabhängig von dem zuvor gedachten einfach im Raum stehen, auf dem Spielfeld abgelegt werden. Und wenn doch ein Zusammenhang entsteht – warum nicht? Die Fähigkeit, künstlerisch einen semantischen Faden zu spinnen, nennt man Talent. Talente sind nun mal auch bei Frauen vorhanden. Wenn ich also mal den künstlerischen Macho und meine Vorurteile beiseite lasse, dann erkenne ich das Talent von Mia Bernstein sehr gerne an.

“Erdbeerflecken” wäre in der Musik ein sogenanntes “Konzeptalbum” – es sind Konjunktive im Seifenblasenmeer. Mia Bernstein erlaubt es sich, mit ihrem Gedankenscrabble wunderbare Bilder verschwenderisch aneinanderzureihen. Andere Autorinnen würden damit ganze Wälzer füllen und ein einziges solcher Bilder in die Länge ziehen. Wie viele solcher Gedanken in den 14 Geschichten stecken, kann man übrigens an meinem Exemplar von Erdbeerflecken sehen. Als ich die ersten dieser Bilder entdeckt habe, war ein Eselsohr noch eine Option. Ein ganzes Taschenbuch aber voller Eselsohren? Einen beinahe akademisch anmutenden Textmarker vielleicht noch? Einen Bleistift für Randnotizen, etwas wieder Entfernbares? – Ich entschied mich für einen Fineliner und einem dezenten Punkt an den Stellen am Rand, die ich vielleicht mal wieder lesen möchte. Das sind eine ganze Menge Punkte geworden. Nur die Titelgeschichte hat mich geärgert. Ich, als Autor, bin ein Kämpfer für die Romantik. Auf wenigen Seiten straft Mia Bernstein romantische Metaphern, ja den Romantiker an sich ab. Aber da muß man durch. Sind eben harte Zeiten für Romantiker.

Mia Bernstein klagt das Leben an, ganz konkret, in einem Gerichtssaal. Der Leser als Zeuge. Ekelhaft, aber wohl wahr: gibt es wirklich diese Gedanken einer Frau, die vergewaltigt wird und dabei an die Größe der Vasen ihrer Lilien denkt, an Backrezepte oder die dreckige Wäsche im Bad? – Mag man als Mann kaum glauben. Die Frau steht nicht auf und wehrt sich, nein, ihre persönlich erfahrene Gewalt wird bizarrer Alltag. So etwas kann man nur mit diesem Stilmittel beschreiben. Muss man sich wirklich die Erwartungen an ein Wiedersehen mit einer großen Liebe verkneifen? Kann das Sterben eines vermeintlich nahen Menschen wirklich an nicht vorhandenen Erinnerungen festgemacht werden? – Mia Bernstein widmet sich wirklich großen Fragen, das muss man sich als Autorin trauen. Ihr Konzept des Gedankenscrabbles zieht sie konsequent durch. Große Gedanken, kurzweiliges Stilmittel, gekonnte Umsetzung: “Wozu braucht man einen Menschen? Wenn der Verstand ausreichen würde, um Menschen zu geben, was sie brauchten, die Welt wäre leicht.”

Ja, so etwas möchte ich lesen. Das gibt mir etwas. Macht mich nachdenklich, ich denke “schön, ein schöner Gedanke”, als Autor bin ich ein kleines bisschen neidisch, hätte mir schließlich auch einfallen können. Sollen. Müssen. Mit Sicherheit ein Buch, zu dem man zwischendurch greift, um eine Inspiration zwischen Aphorismus und Anekdote zu finden. Die Stellen sind ja in meinem Exemplar entsprechend markiert. “Du warst die Premiere meines Lebens, du warst die Hoffnung auf mein Leben. Du warst der Beweis, dass ich es verdient hatte, glücklich zu sein.”

“Erdbeerflecken” ist ein Buch, das mich meiner Vorurteile beraubt hat. Unverschämt. Aber eines sei kritisch angemerkt: Ich erwarte eigentlich jetzt mehr von der Autorin. Keine Kopie, kein weiteres Gedankenscrabble. Mal wirklich einen längeren Text, in dem sich Metaphern allesamt in einem großen Kontext auflösen und geordnet sind. Und keine Ausreden! Das Talent ist da, ein Roman erfordert nur mehr Fleißarbeit, als ein letztendlich doch einfaches Aneinanderreihen von Motiven. Viele Motive werden über die einzelnen Geschichten hinweg verknüpft und wieder aufgenommen – Mia Bernstein kann das. Gedankenscrabble ist leider auch eine Ausrede, um das größere Projekt aufzuschieben.

Da bin ich dann wieder ganz der Macho. Stil als Ausrede. Typisch Frau.

“Erdbeerflecken” – Eine echte Entdeckung.