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Brot und Spiele – Warum der Fussball Identitäten erschafft

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Im Jahr 2004, exakt 50 Jahre nach dem Gewinn der ersten deutschen Fußballweltmeisterschaft in Bern, erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Leitartikel über die historische Bedeutung dieses Ereignisses. Die Deutschen waren und sind sich einig: diese Weltmeisterschaft war wichtiger, als die Einführung des Grundgesetzes, die Währungsreform oder der Mauerfall. 2014 fiebert nun ganz Deutschland einem weiteren Titel entgegen. Am anderen Ende der Welt vertreten 23 Spieler und ein Trainerteam eine Nation, die wie kaum eine andere ihre Identität über das runde Leder definiert.

Deswegen gibt es quasi 80 Millionen Bundestrainer, die sich über die Position eines Schlüsselspielers wie Philipp Lahm echauffieren. Deswegen glauben wir alle, mitreden zu wollen. Fußball ist nicht sinnstiftend – Fußball schafft Identität. Besonders in Deutschland.

Es ist ohne Frage besser, wenn sich Nationen auf dem Rasen bekämpfen und ihren Stellenwert durch das Nachjagen hinter einen Lederball unter Beweis stellen. Denn es ist erst etwas mehr als siebzig Jahre her, wo dies auf den Schlachtfeldern ausgetragen wurde. Die Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland gibt es nicht mehr. Auf England und Deutschland wartet irgendwann bei den kommenden Turnieren wieder ein Elfmeterschießen.

Das Fußballfeld also hat das Schlachtfeld ersetzt. Und dafür gibt es einen einfachen Grund: Fußball ist deswegen identitätsstiftend, weil es Emotionen binden und äußern kann. Emotionen wiederum sind – bei unterschiedlicher Kultur und Sprache der Nationen über verschiedene Kontinente hinweg – eine universelle Sprache. Die stärksten Emotionen entstehen durch Gewinn und Verlust. Ein zyklischer Prozess, der für die Erneuerung von Identität unerlässlich ist. Alle vier Jahre wird dieser Zyklus neu initiiert – und er ist für einige Wochen allgegenwärtig. Das Fußballspiel und seine Stadien sind die Container einer primitivsten, aber alles vereinenden Kommunikation in Form von Emotionen. Das Gefühl des Verlierens, das Gefühl des Gewinnens, des Glück-Habens, des Betrogenseins vom Schiedsrichter – das Fußballspiel impliziert die einfachen Facetten von tiefer Emotion.

Es gibt nur eine Sache, außer dem Spiel, was dies ebenfalls leisten kann: der Kampf auf Leben und Tod. Brot und Spiele und den Gladiatoren zusehen. Oder einen Krieg erleben. Beim Fußball geht es nicht um Leben und Tod. In vier Jahren kann eine Nation wieder auferstehen. Das Blut, die Endgültigkeit, wurde durch den Vier-Jahres-Zyklus der Fußballweltmeisterschaften ersetzt.

Die im Vergleich zum Krieg und Gladiatorenkämpfen nicht existenzielle Komponente des Fußballspiels hat noch einen weiteren positiven Nebeneffekt: anstatt die Schlachtfelder von blutigen Leibern zu befreien und Geld für Waffen auszugeben, wird in Infrastruktur investiert. Und in die Tempel der Emotionen, den Fußballstadien.

Dass dies zu Lasten von ausgebeuteten Menschen und den Verlierern einer Gesellschaft passiert, kann jedoch nicht dem Fußball angelastet werden. Das passiert sowieso täglich. Menschen in Asien werden in Textilfabriken ausgebeutet, nebenan werden von ausgebeuteten Arbeitern Smartphones zusammengesetzt, hierzulande bedeutet einmal Hartz IV, immer Hartz IV. Und ob die Menschen in den Favelas in Rio einen besonderen Nutzen von der Fußball WM haben werden – eben auch nach dem 13. Juli – ist mehr als fragwürdig.

Im Gegensatz zu anderen Ungerechtigkeiten hat der Fußball jedoch eben genau diese übergeordnete Ebene, in der sich der Rest der Welt tatsächlich vereint wiederfinden kann. Der Gegensatz zwischen dieser Ebene und der Realität lässt sich darauf zurückführen, dass wir eigentlich noch am Anfang der Globalisierung stehen. Die gemeinsame Sprache kennt noch keine Worte, eben nur Emotionen. Sie braucht aber Worte, um sich definieren und damit ändern zu können. Oder anders formuliert: ein Fußballspiel hat global gültige Regeln – die Globalisierung bisher nicht. Der Prozess der Betrachtung einer Notwendigkeit solcher Regeln ist im vollen Gange. Dabei helfen natürlich auch die Nachrichten aus dem Nicht-Fußball Kontext rund um Brasilien. Frei nach dem großen Philosophen Henri Bergson: „Bewusstsein von Etwas zu haben heißt, dieses Etwas in Kenntnis des Vergangenen zu betrachten.“ Die viel belächelten Parolen von UEFA und FIFA haben so wirklich einen tieferen Sinn. Und wer „No To Racism“ belächelt, darf trotzdem konstatieren: Schaden tut es nicht, normative Ansprüche vom Kapitän einer Nationalmannschaft zu hören. Wir müssen wenigstens den Anspruch formulieren, in einer Welt ohne rassistischer oder sozialer Unterdrückung leben zu wollen. Die UEFA beispielsweise beendet eine Werbepause in der Champions-League immer mit einem passenden Spot zu diesem Thema und zwingt Fernsehanstalten in ganz Europa dazu, auf ein bis zwei Minuten lukrativster Werbezeit zu verzichten. Denken wir weiter: Der Schritt, die FIFA von ihrem zwielichtigen Patriarchat zu befreien, ist zwangsläufig. Worte werden immer von Taten begleitet. Es dauert nur manchmal etwas.

Wer auch immer in das Finale einziehen wird und am 13. Juli 2014 den Weltpokal in den Himmel von Rio de Jainero halten wird – die Welt hat wieder ein bisschen mehr Identität gewonnen. Und ein bisschen mehr Bewusstsein dafür, dass es nicht allein auf Brot und Spiele ankommt. Denn selbst wenn wir Deutschen nicht gewinnen sollten – in Kenntnis vergangener Bilder über die Freude von Menschen aus Costa Rica, Algerien oder Kolumbien, die stolz sind, obwohl sie verloren haben, erhalten wir Couchpotatoes und Rudelgucker eine Ahnung von dem, was uns Menschen vereint.