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Der blinde Fleck

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Die Recherchen zum schlimmsten Terrorakt, der jemals in Deutschland stattgefunden hat

Wenn die Recherchen des Journalisten Ulrich Chaussy korrekt sind – und es gibt keinen vernünftigen Grund, dies anzuzweifeln – dann sollten kritische Menschen nach einem rechtsradikalen Mann Ausschau halten, der heute so Mitte 50 sein müsste. Wichtigstes Merkmal: Ihm fehlt eine Hand. Die hat er am 26.09.1980 am Haupteingang zum Münchner Oktoberfest verloren. Und angenommen, diesen Mann gibt es irgendwo und ferner angenommen, dieser Mann würde seine Erkenntnisse preisgeben – ein nie dagewesenes politisches, ja gesellschaftliches Erdbeben wäre die Folge.

Der blinde FleckFranz Josef Strauß hat noch am Abend des Attentates den wohl folgenschwersten Fehler seiner politischen Laufbahn begangen – er hat das Oktoberfest-Attentat den „Linken“ angedichtet und den Rücktritt des damaligen Innenministers Baum gefordert. Dann aber kamen die Fakten ans Licht. Der vermeintliche Einzeltäter Gundolf Köhler war Mitglied der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann, deren Verbot Strauß abgelehnt hatte. Der Schuss ging für Strauß nach hinten los. Wie viele Stimmen Strauß dann eine Woche später bei der Bundestagswahl mit ihm als Kanzlerkandidaten deswegen abhandengekommen sind – darüber kann man nur spekulieren. Es ist aber dennoch wahrscheinlich, dass diese Aussage Strauß die Kanzlerschaft gekostet hat.

Beim Oktoberfestattentat am 26.09.1980 starben 13 Menschen. Unter ihnen drei Kinder und der Attentäter selbst. Über 200 wurden zum Teil schwerverletzt. Das Oktoberfest-Attentat war der bis heute folgenschwerste terroristische Anschlag in Deutschland. Aber war Gundolf Köhler wirklich ein Einzeltäter?

Der Journalist und Autor Ulrich Chaussy recheriert seit mehr als drei Jahrzehnten und hat ein unbestreitbares Netz aus Vertuschung, Lügen und Ungereimtheiten aufgedeckt. Ein Buch zu dem Attentat aus dem Jahr 1985 wurde 2012 neu aufgelegt und im Kontext der NSU Morde mit dem Untertitel „Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann“ versehen. Justiz und Verfassungsschutz haben nicht erst bei den NSU-Morden versagt – alles begann am 26.09.1980.

Der Spielfilm „Der blinde Fleck“ aus dem Jahr 2013 erzählt von Chaussys Recherchen. In der Hauptrolle Benno Führmann, der den Journalisten Ulrich Chaussy spielt. Chaussy ist Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks und kommt mit dem Hinterbliebenen-Anwalt der Oktoberfest-Opfer Werner Dietrich (gespielt von Jörg Hartmann) in Kontakt. Als er immer mehr Anhaltspunkte findet, die die These der Alleintäterschaft des Gundolf Köhler unhaltbar machen, beginnt er weitergehend zu recherchieren. Unterstützung erhält er aus Kreisen des Staatsschutzes von einem Referenten, der Chaussy aber offensichtlich ausnutzen will, um selbst Karriere zu machen. Dieser Referent weiß von Praktiken des Staatsschutzes, bei denen gezielt Informationen an Journalisten weitergegeben werden. Chef des Referenten ist Dr. Hans Langemann (Heiner Lauterbach), seines Zeichens Leiter des bayerischen Landesamtes für den Staatsschutz und – nach eigenen Aussagen – einflussreichste Persönlichkeit nach dem Ministerpräsidenten. Für einen ähnlichen Vorfall – die Weitergabe von Informationen an Journalisten – wurde Langemann Anfang der 90er Jahre auch tatsächlich rechtskräftig verurteilt.

Die Recherchen von Chaussy fördern immer mehr Ungereimtheiten zutage. Warum schließt ein angeblicher Einzelgänger, vom Leben frustrierter junger Mensch eine Woche vor seinem Selbstmord einen Bausparvertrag ab, gründet eine Band und fährt mit einem Interrail-Ticket durch ganz Europa? Woher kennt dieser junge Mann die Feinheiten im Umgang mit nachweislich militärischem Sprengstoff? Und wo sind die beiden Männer, mit denen Köhler kurz vor dem Attentat am Papierkorb, in dem die Bombe versteckt war, gestritten hatte? Zeugenaussagen, die die Existenz dieser Männer belegen, werden nicht berücksichtigt. Der wichtigste Augenzeuge, ein Homosexueller, der Köhler aus Interesse sehr lange beobachtet hatte, stirbt sogar den plötzlichen Herztod. Warum beginnt bei den Menschen, die über die Herkunft des Sprengstoffes Bescheid wissen, die „Wolfszeit“ – eine Serie von Selbstmorden? Die Spekulationen gehen immer weiter. Gab es Kontakte zwischen der Wehrsportgruppe Hoffmann und dem rechtsradikalen Netzwerk „Gladio“, verantwortlich für ähnliche Anschläge in anderen europäischen Ländern?

Der Titel des Films ist dabei sehr geschickt gewählt, denn der „Blinde Fleck“ ist sowohl ein Begriff aus der Psychologie (als Synonym für „kognitive Dissonanzen“) als auch aus der Medizin und bezeichnet eine Sehschwäche. Ich tendiere dazu, die medizinische Bedeutung hier heranzuziehen. „Der blinde Fleck“ als Synonym für eine Justiz, die auf einem Auge blind zu sein scheint.

Die große Frage, die der Film aufwirft: „Will die Justiz auf einem Auge blind sein oder ist es nur komplettes Versagen Einzelner?“ – Besondere Relevanz bekommt diese Schlüsselfrage vor dem Hintergrund des NSU Terrors, mehr als zwanzig Jahre nach dem Oktoberfestattentat. Kann es möglich sein, das Justiz und Staatsschutz gleich zweimal so eklatant versagen? Im Spielfilm wird diese Frage dadurch aufgeworfen, dass Chaussy seine Recherchen längst abgeschlossen und sich – vor allem auch wegen der Gefahr, in die er sich selbst und seine Familie brachte – von dem Thema abgewendet hatte. Der NSU Terror hat die alten Fragen wieder in das Zentrum gerückt. Chaussy beginnt wieder zu recherchieren.

Jetzt sind wir wieder bei der mysteriösen, abgerissenen Hand. Diese wurde am Tatort gefunden, konnte weder Köhler noch einem der Opfer zugeordnet werden und lag seit dem Attentat in der Asservatenkammer. Die Fingerabdrücke dieser Hand waren im Keller von Gundolf Köhler gefunden worden. Jetzt, über dreißig Jahre nach dem Attentat, wäre ein DNA Abgleich möglich gewesen. Chaussys Anfrage beim Genrealbundesanwalt erhält eine unglaubliche Antwort: alle Asservate seien aus Platzmangel Anfang der 90er Jahre vernichtet worden – nicht irgendwelche Asservate, sondern die des schlimmsten Terroranschlages der Deutschen Geschichte.

Der Film hat eine besondere Stärke. Er könnte die dramatischen Ereignisse sehr viel actionreicher darstellen. Das macht der Film nicht und unterstreicht damit seinen dokumentarischen Charakter. Der Film wirft sehr viel mehr Fragen auf, als er beantwortet. Er hat kein Happy End. Er hat überhaupt kein richtiges Ende. Überhaupt sind wir erst ganz am Anfang.

Letzten Monat hat der bayerische Landtag über die Wiederaufnahme der Ermittlungen beraten. Offizieller Grund: nicht ausgewertete Akten und eine neue Zeugenaussage: eine Frau hat bei einem Freund von Köhler einen verfassten Nachruf gelesen. Zu einem Zeitpunkt, an dem niemand den Namen Köhler kannte … .

Interaktives Dossier des Bayerischen Rundfunks mit vielen Hintergründen und Interviews.

Wikipedia Hintergründe zum Attentat.