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Shadows Of The Ones We Love

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In den 70er Jahren bekam die elektronische Musik ihre besondere Ästhetik. Federführend hierbei die Menschmaschinen von Kraftwerk. In den 80er Jahren ging eine Schere auseinander — Pop und Darkwave. Mittendrin Bands wie Depeche Mode als Konstante. Das setzte sich den 90er und den 00er Jahren fort. Niedliche Tanzbarkeit oder Lethargie die Leitmotive, irgendwo zwischen Pet Shop Boys und Anne Clarke. Jetzt greifen „hearhere“ mit ihrem Debüt den Weltschmerz wieder auf und liefern eine neue Interpretation elektronischer Musik.

„Weltschmerz“ ist sicher eine abgedroschene Vokabel. Aber der Wunsch der Jugend, sich in ersten existenziellen Gedanken und Zweifeln auszudrücken ist in jeder Generation präsent. Die dunklen Augen und Klamotten der Grufties und Waver der 90er Jahre finden sich heute bei den Emos. Was als individuelle Ausgrenzung dient, ist dennoch eine Art kollektive Depression. Was passiert aber, wenn solche Menschen erwachsen werden? Was, wenn aus Zweifeln ein künstlerischer Anspruch erwächst? Was, wenn man die elektronische Musik neu erfinden und Worte für den Weltschmerz finden möchte? Alles schon mal gehört? Alles schon mal gesagt? Mitnichten.

„hearhere“ haben genau das versucht. Ihr Debüt „Shadows Of The Ones We Love“ greift sich das Beste aus Synthiepop, Industrial und Darkwave auf musikalischer Ebene. Textlich bringt Crystin Fawn die Gedanken und Zweifel einer Generation auf den Punkt. Wir sind nur die Schatten derjenigen, die wir lieben. Wir alle wollen eine Vorstellung erfüllen, flexibel sein, die Möglichkeiten als Möglichkeiten erhalten. Und vergessen dabei, konkrete Wege zu gehen. Diese Komplexität unserer Zeit spiegelt sich im Titelsong, der erst nach etlichen Durchläufen eingängig wird. Zuvor poppige Eintracht. „Do I Have a Flower in my hair or what?“ im Song „Flowers“ — die Stimme der Sängerin erinnert hier ein wenig an „Propaganda“ bei ihrem kaum beachteten Comeback im Jahr 1990. Dann so etwas wie normative Romantik in „The Essential Thing“. Das ist natürlich die Liebe. „The centre of our life should be the love inside“. Das kommt dann textlich Anne Clarke schon sehr nahe. Texte mit melancholischer Substanz.

Da stellt sich die Frage, was die Liebe außerhalb von uns sein mag? Das führt dann unweigerlich zu depressiven Einschüben wie im Song „Anytime“ — das sind Songs, die klarer Hinweis darauf sind, dass „hearhere“ niemals das große Publikum erreichen werden. Es sei denn, die Masse hätte Hermann Hesse gelesen und interpretiert „You could go anytime“ als den beständigen Ausweg, der jedem Menschen jederzeit offensteht — der Steppenwolf zog seine Kraft aus diesem Ausweg. Es macht einfach Sinn, an einen Sinn zu glauben. Eine Alternative gibt es nicht wirklich. „For trying to go on, longing for the sun.“ Wenn eine Band mit vornehmlich elektronischen Mitteln Musik machen möchte, dann hat sie das Problem, dass sie nicht allzu bemüht klingen darf. Das haben „hearhere“ geschickt mit einer guten Mischung aus eingängigen Songs und mehreren Aufforderungen zum Wiederhören umgangen. „Rain“ oder „New Heart“ — meine persönlichen Highlights neben dem Titelsong — sind dafür gemacht, sie immer wieder zu hören. Fenster öffnen, ein Gewitter kündigt sich an. Die Sonne weicht den Schatten. „hearhere“ erfinden die elektronische Musik nicht. Sie interpretieren sie neu.

www.hearhere.de

1 KOMMENTAR

  1. Elektronische Musik kann begeistern – sie kann aber auch nerven !! Als sie in der Musikszene
    Einzug hielt, hat doch keiner geahnt, was sie so hervor bringt. Ich habe viele Bands gehört
    und gesehen, und bin immer noch da von begeistert. Da gibt es Erinnerungen, die glaubt doch
    keiner. Als Tangerine Dream – so wie Klaus Schulze, oder Manuel Götsching, Kraftwerk anfingen, war Vangelis
    oder Kitaro auch nicht weit. Es gab Stücke, die trugen ein richtig auf den Klangteppich. Wer hätte
    je gedacht, das Klaus Schulze ein Konzert in einer Kirche gibt ?? Solche Musik ist rar gewurden, nach
    dem Tod von Edgar Froese, hat man gemeint, es geht nicht weiter. Aber sein Sohn hat eine gute Schule
    bei sein Vater gehabt. Er zaubert Klangwelten, die man sonst vermißt hätte. Elektronische Musik ist schon
    viel fälltig, man muß sie nur mögen !!

    E.Heeder – Musiksammler seit mehr als 50 Jahre