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DEPECHE MODE – DISCOGRAPHIE

Depeche Mode sind die Kultband der 80er und 90er Jahre. Von einer Teenieband auf dem Cover der BRAVO wurden sie gemeinsam mit ihren Fans erwachsen. Das Kultur-Magazin präsentiert hier eine Discographie der wichtigsten Studioalben von Depeche Mode. Gibt es eine Neuerscheinung, dann wird diese Discographie natürlich fortgeführt.

Von Peter Killert

(Bewertung: * * * * * * = Meisterwerk, * = Richtig schlecht)

SPEAK & SPELL (1981) * * * *

Der Song “Photographic” war bereits eine kleine Hymne in diversen Clubs in England, die nach dem Niedergang des Punk und dem melancholischen “New Romantic” Bewegung nach neuen Aushängeschildern, neuen Ikonen suchte. Ian Curtis, Frontmann der vielversprechnden Band Joy Division starb den jungen Tod eines kranken, drogensüchtigen Poeten und die Plattenlabel schienen die sich abzeichnende “Elektronisierung” nicht richtig einzuschätzen. “Photographic” erschien daher auf einem Sampler, lange vor der ersten regulären Veröffentlichung von Depeche Mode. Das kleine Independent-Label “Mute” und sein Chef Daniel Miller bildeten diese Ausnahme. Mit Frank Tovey und seiner Band “Fad Gadget” war der Lichtstreif am Horizont bereits erkennbar – im Vorprogramm vier junge Männer aus Basildon, einem Vorort von London, die sich zunächst “Composition Of Sound”, dann “Depeche Mode” nannten. Der Name war von dem gleichnamigen französischen Modemagazin abgekupfert. Songwriter war ein gewisser Vince Clarke, der sich einen Teufel um seine berufliche Zukunft scherte und jede freie Minute vor den ersten, auf Pump gekauften Synthesizern verbrachte. Organisationstalent Andrew Fletcher, der stadtbekannte Punk David Gahan und der introvertierte Martin Gore nahmen dann im Früjahr 1981 und der Regie von besagtem Daniel Miller das Debut “Speak & Spell” auf. Mit der zweiten Single “New Life” gelang bereits der Sprung in die britischen Top Ten der Single Charts und man sah Depeche Mode zum ersten Mal in den “Top Of The Pops” im Fernsehen. Die dritte Single “Just Can’t Get Enough” ist bis heute einer der grossen Ohrwürmer von Depeche Mode. Nach der ersten Tour durch England verliess Vince Clarke bereits die Band und das Trio stand ohne Songwriter da. Clarke sagte seinerzeit in einem Interview für den New Music Express: “Martin Gore ist ein begnadeter Songwriter. Er weiss es nur noch nicht.” Clarke gründete anschliessend mit Alison Moyet “Yazoo” und dann mit Andy Bell “Erasure”. Clarke ist damit einer der erfolgreichsten britischen Musiker aller Zeiten.

JUST CAN´T GET ENOUGH

A BROKEN FRAME (1982) * * *

So mussten alle zehn neuen Songs des Nachfolgers von Speak & Spell aus der Feder von Martin Gore kommen, was dieser, so plötzlich ins kalte Wasser geschmissen, auch ganz gut meisterte. Auch wenn “Leave In Silence” im Rückblick wohl die schwächste Depeche Mode Single war, so finden sich mit “See You” und “The Sun & The Rainfall” zwei geniale Songs auf dem Album “A Broken Frame”, die auch heute noch den Kauf dieses Albums lohnenswert machen. Für viele eingefleischte Depeche Mode Fans zählen diese Songs noch heute zu den Klassikern. Depeche Mode gehen 1982 auf ihre erste Europatour und sammeln die ersten Lorbeeren auf der Bühne. Als Ersatz auf der Bühne stösst ein Musiker namens Alan Wilder zu Depeche Mode, der zunächst nur sporadisch mit zur Band zählt, nachdem man sich einmütig bei einer Art “Casting” nach einem Inserat in der führenden britischen Musikzeitschrift NME für Wilder entschieden hat. Wilder ist ein Soundtüftler und wird den Sound von Depeche Mode ganz massgeblich mitbestimmen.
Man mag über “A Broken Frame” denken, was man will – es ist “nur” die Geburt des Martin Gore als Songwriter. Eine musikalische Weiterentwicklung ist dieses Album nicht. Dieser Quantensprung folgt erst ein Jahr später.

See You (Live 1982)

CONSTRUCTION TIME AGAIN (1983) * * * * *

Mit diesem Album setzen Depeche Mode Massstäbe und definieren den bis heute für sie so typischen, kalten Synthie-Sound. Grundlage ist hierfür nebem dem experimentierfreudigen Wilder ein kongenialer Produzent namens Gareth Jones, der neben diesem dritten Depeche Mode Album auch einer namhaften deutschen Band namens “Einstürzende Neubauten” fast zur gleichen Zeit, in demselben Studio in Berlin auf die Sprünge hilft. Die Samples, die besonders den abgedrehten Song “Pipeline” dominieren, finden sich abgewandelt auch auf dem Neubauten Album desselben Jahres.

Zwei Songs steuert Wilder bei und die beiden Singles “Everything Counts” und “Love In Itself” finden nicht nur in England, sondern erstmals auch in Deutschland Gehör. Die Europatournee wird zu einem Erfolg und Depeche Mode gelten aufgrund ihres Alters, als hitverdächtige Teenieband. Für den Chef des Plattenlabels “Mute”, den Idealisten Daniel Miller, sind Depeche Mode bereits jetzt das beste Pferd im Stall.

Der Sound, den Depeche Mode hier definieren, perfektionieren sie im kommenden Jahr, wieder im Berliner Hansa Studio mit der gleichen Mannschaft.

Love in itself (TV Performance, 1983)

SOME GREAT REWARD (1984) * * * * *

In Berlin haben sich Depeche Mode für einige Jahre wie zu Hause gefühlt. Martin Gore, damals mit einer deutschen Lebensgefährtin hat in Berlin nicht nur die deutsche Sprache gelernt – er hat auch in Berlin mehrere Jahre gelebt. Im Video zur Single “Master & Servant” tauchen entsprechend auch deutscher Bundestag, deutsche Politiker und die Berliner Mauer auf.

Mit “Some Great Reward” gelingt der erste grosse kommerzielle Erfolg. “People Are People” ist neben “Dream On” (2001) für Jahre der erste und einzige Nummer 1 Hit in Deutschland. Depeche Mode werden zu Teenie-Idolen und erscheinen von nun an auf den Titelseiten bedeutender Wochenblätter wie “BRAVO” oder “POPCORN”. Grund ist neben der Musik der kalte Synthiesound und das schwarze Outfit. Depeche Mode fordern unbewusst die Jugend auf, anders zu sein, sich auszugrenzen und die kühle, androgyne Seite nach aussen zu kehren. Tausende Fans laufen von dieser Zeit an in schwarzen Lederklamotten durch die Gegend. Musikalisch wird der Weg von “Construction Time Again” konsequent fortgesetzt und melodisch verfeinert. Alan Wilder ist voll integriert, steuert mit “If You Want To” einen Titel auf dem Album bei, sowie zwei B-Seiten der beiden bis dato erfolgreichsten Depeche Mode Singles bei. Für diesen nun so Depeche Mode typischen Sound ist Alan Wilder federführend.

Master and Servant (Live in Hamburg, 1984)

BLACK CELEBRATION (1986) * * * * * *

Nachdem 1985 zwei Singles und eine erste Werkschau erschienen war (The Singles 81-85) war es an der Zeit, neue Ufer zu betreten. Depeche Mode liefen Gefahr – wie jede Teenieband – als unbedeutende Episode im Musikhimmel zu verschwinden. Neben den unbestrittenen musikalischen Qualitäten musste spätestens jetzt das Image in ein anderes Licht gesetzt werden. Es fehlt ein entscheidendes künstlerisches Element. “Black Celebration” gilt für die meisten Depeche Mode Fans als DAS Album überhaupt, eben nicht nur wegen der Weiterführung des synthetischen Konzeptes, angereichert durch Gitarren (“A Question Of Time”): Zum ersten Mal betritt jemand die Bühne von Depeche Mode, nicht ohne sie vorher zu gestalten: der Holländer Anton Corbijn wird mit der zweiten Single dieses Albums für lange Zeit das Visual Artwork übernehmen, d.h. er gestaltet die meisten Plattencover, dreht die Musikvideos und setzt Depeche Mode in phantastischen Fotos so in Szene , dass in den kommenden Jahren sogar U2 davon profitieren. Es ist kein Mythos, dass das erste Depeche Mode Video, das von Anton Corbijn 1986 gedreht wird zu derselben Zeit entsteht wie das Cover vom JOSHUA TREE Album von U2. Die Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen. Depeche Mode schaffen also den Absprung von der belächelten Teenieband zur epochemachenden musikalischen Grösse.
“Black Celebration” vereint alles, was Depeche Mode ausmachen. Rabenschwarzer Gesang, synthetische Monotonie, abgelöst von ein bisschen Schmalz (“A Question Of Lust”) bis hin zur sexuellen Irritation: Das Geräusch eines Traktors, das sich bei der Single “Stripped” von Anfang bis Ende durch den Song zieht wird in seiner irritierenden Intention Jahre später nur noch vom Gitarrenriff beim Song “Personal Jesus” abgelöst.

Stripped (Peters Pop Show, ZDF, September 1986)

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MUSIC FOR THE MASSES (1987) * * * * * *

Ist für die meisten Depeche Mode Fans “Black Celebration” das Lieblingsalbum, so ist mein persönlicher Favorit “Music For The Masses”. Produziert von Dave Bascombe, der kurz zuvor mit TEARS FOR FEARS und dem Album SONGS FROM THE BIG CHAIR einen Millionenseller gelandet hatte. Dave Bascombe bringt das bombastische in die Songs von DEPECHE MODE und die Singles dieses Albums gehören zu dem Besten, was DEPECHE MODE auch live zu bieten haben. Anton Corbjin ist jetzt der Visual Director. Und das Artwork von diesem Album mit den roten Lautsprechern in der Landschaft war ein Geniestreich, wie das ganze Album. Hier stimmt alles.

Der Titel dieses Albums ist rein ironisch gemeint. “Als ich mal in einem Plattenladen war habe ich eine Platte gesehen, die hieß ´Music for the Millions´ oder so ähnlich. Jedenfalls dachte ich, dass ist ein guter Titel für unser nächstes Album.” – so Mastermind Martin Gore in einem Interview seinerzeit, als Depeche Mode mit diesem Album den Zenit ihres Schaffens erreichten. Der typische Depeche Mode Sound, der spätestens seit “Master And Servant” 1984 unverkennbar wurde, erreicht mit diesem Album seinen künstlerischen Höhepunkt.

Hydraulische Türen (“I Want You Now”), orchestraler Hintergrund (“Never Let Me Down Again”) und ein russisches Radioprogramm (“To Have And To Hold”), gepaart mit genialen Texten, wie immer über Liebe und Leid in dieser Welt, machen die Stücke auf diesem Album zu wahren Hymnen für die Massen, die dann auch tatsächlich zwei Jahre später (nach der “Music For The Masses Tour”) auf dem Album “101″ für die Ewigkeit dokumentiert werden. Dieses beginnt auch mit dem Instrumentalstück “Pimpf”, ein monumentales Klangmonster, das Gore nach dem Lesen von Hitler ´Mein Kampf´ komponiert hat. Ebenso kritisch und simpel kommt “Agent Orange” daher. Ein zeitloses musikalisches Meisterwerk und eine Jugenderinnerung.

Behind The Wheel (Long Edit)

VIOLATOR (1990) * * * * *

“Music For The Masses” platzierte sich auch in den USA unter den Top 10 Alben, so dass die anschliessende Welttournee ein Riesenerfolg war, der dann als Video und Doppel-Live Album “101″ dokumentiert wurde. Der Fan musste also fast drei Jahre warten, bis etwas neues erschien und zum kommerziellen Erfolg von “Violator” trägt natürlich auch genau diese ungeheure Erwartungshaltung bei. Der Fan wird dann eiskalt erwischt. Erwartete er als erste Single wieder eine Synthiehymne so überraschen Depeche Mode mit “Personal Jesus”, einem der rockigsten Songs von Depeche Mode. Diese Dominanz einer Gitarre bleibt aber auf “Violator” die Ausnahme. Die zweite Single “Enjoy The Silence” bleibt in den deutschen Charts wochenlang an zweiter Stelle, da die Spitze von einer gewissen Sinead O’Connor und ihrem Song “Nothing Compares 2 U” besetzt bleibt. Jedem Kenner von Depeche Mode kommt bei “Enjoy The Silence” das wohl einmaligste Musikvideo von Anton Corbijn in den Sinn: Sänger Dave Gahan schreitet als einsamer König mit einem Liegestuhl durch die Landschaft. Dazu die rote Rose auf schwarzem Grund. Ausser dem Titel eines der Depeche Mode Alben “Black Celebration” bezeichnet nichts das Gesamtkonzept von Depeche Mode so gut, wie dieses Bild. Kommerziell bldet “Violator” also den vorläufigen Höhepunkt der Karriere. Begleitend entstehen weitere Videos von Anton Corbijn, die als Kaufcassetten namens “Strange” und “Strange Too” die als Singles erschienen Videos ergänzen.

Policy Of Truth

SONGS OF FAITH AND DEVOTION (1993) * * * * *

Wieder einmal schaffen es Depeche Mode, zu überraschen und zwar Fans und Kritiker.

Songs Of Faith And Devotion ist das wohl am ehesten unterschätzte und streibarste Album der Kultband. Mit SOFAD haben Depeche Mode wohl ebenso viele alte Fans vergrault, wie neue hinzugewonnen. Aus der Synthiepopband aus den 80ern wird 1993 eine Rockband. Bestes Indiz hierfür: der langhaarige, extrem drogengeschwängerte David Gahan, der leibhaftige “Personal Jesus” im Post-Grunge Look. Weiteres Indiz: der Soundtüftler Alan Wilder steht nicht mehr hinter den Synthies sondern spielt jetzt Schlagzeug.

Was für ein Imagewechsel, was für ein Wagnis!

Depeche Mode betreten dermassen dünnes Eis, dass sie sich ständig bewegen müssen, um nicht einzubrechen. So hangelt sich das Album vom rockigen “I Feel You” über die Ballade “Condemnation” zur “Higher Love”, dem spirituellen Schlusspunkt. Dazwischen das phantastische Streicheropus “One Caress” und mit “In Your Room” der vielleicht beste Song von Depeche Mode. Geblieben ist ein Gahan, der beinahe mit einer Überdosis, dann mit aufgeschnittenen Pulsadern den jungen Tod zwischen Genie und Wahnsinn gestorben wäre, ein gefrusteter Wilder, der nach der längsten Tour der Bandgeschichte Depeche Mode verlässt und die Erkenntnis, dass man wieder von vorne beginnen muss, was erst fast fünf Jahre später mit “Ultra” eindrucksvoll gelingt. Geblieben sind zunächst die Gospelsängerinnen und der erweiterte Horizont, der sich mit SOFAD eröffnete.

In Your Room

ULTRA (1998) * * * * *

Haben Depeche Mode in den 80er Jahren noch beinahe jedes Jahr ein neues Album veröffentlicht, so sieht es in den 90er Jahren eher mau aus. Und nach “Songs Of Faith And Devotion” und der längsten Tour der Bandgeschichte steht die Band im wahrsten Sinne des Wortes kurz vor dem Exitus. Dave Gahan, der Sänger dreht völlig ab, leistet sich einen “spirituellen Berater” und verschwindet nach der Tour in der Gosse seiner Wahlheimat Los Angeles. Ergebnis sind zwei Selbstmordversuche, einer fast geglückt mit Herzstillstand und mehrere Verfahren wegen illegalen Drogenbesitzes. Als sich Martin Gore mit ihm in dieser Zeit mal trifft um über neue Songs nachzudenken, erlebt er – wie er selbst sagt – den absoluten Tiefpunkt der Band. Gahan ist nicht mehr in der Lage, vernünftig zu singen oder die Realität zu reflektieren. Gahans Einstellung ändert sich erst, als ihn sein Sohn aus erster Ehe besucht und Gahan ihm erklären muss, warum das Fixerbesteck in der Wohnung rumliegt. Gahan beginnt mit einem radikalen Entzug (übrigens in derselben Klinik wie Kurt Cobain, von dem Gahan eine zeitlang sagt, er hätte ihm die Show gestohlen). Gahan ist seitdem clean und Ende 1996 beginnen die Arbeiten an einem Comeback. Fazit: das Comeback gelingt und ist viel mehr als ein Lebenszeichen. Depeche Mode, mittlerweile zum Trio geschrumpft, weil Wilder die Eskapaden des Sängers nicht mehr ausgehalten hat, nehmen mit dem Produzenten Tim Simenon (“Bomb The Bass”) ihr schwärzestes Album auf. Die Singles “Barrel Of A Gun” und “It’s No Good” tummeln sich weltweit in den vorderen Chartplätzen. Das Album selbst erreicht in sieben Ländern die Top-Position. Der rockige Weg, den man mit “Songs Of Faith And Devotion” beschritten hat, wurde hier nicht mehr verlassen, dennoch hört sich “ULTRA” wieder sehr nach Depeche Mode an.

Barrel Of A Gun

EXCITER (2001) * * * * *

Depeche Mode sind Ende der 90er Jahre präsent wie nie – nach einer BestOf-Doppel CD/DVD samt Tour folgt 2001 wieder ein neues Album, diesmal mit dem Titel “Exciter”. “Exciter” soll wohl konzeptionell an “Violator” anknüpfen, übertrifft dieses so DM-typische Album in den erste Verkaufwochen in kommerzieller Hinsicht und überrascht mit der Tatsache, dass Depeche Mode nach siebzehn Jahren mit der ersten Single “Dream On” wieder einen Nummer Eins Hit in Deutschland haben. Das ist dann schon sehr gewöhnungsbedürftig Depeche Mode nach Jahren wieder in einer aktuellen Musiksendung, diesmal nicht mehr “Formel Eins” sondern “Top Of The Pops”, zu sehen, eingerahmt von Britney Spears und No Angels-Geschisse. Depeche Mode heben sich dadurch ab, dass sie als einzige live singen. Viel umjubelt ist dann auch ihr Live-Auftritt bei den MTV European Video Music Awards 2001.
“Exciter” geht ganz neue Wege. Es ist das ruhigste Depeche Mode Album, das komplizierteste und das untypischste. Man braucht mehrere Durchläufe, um an Exciter Gefallen zu finden. Schaut man in die Internetforen, dann ist Exciter jedoch das Album, das am häufigsten von den Fans abgelehnt wurde. Zu Unrecht. Depeche Mode betreten mal wieder gewagtes Neuland. Produzent ist nun Mark Bell (“Björk”) und Anton Corbijn dreht “nur” das Konzert in Paris, das samt opulenten Bonus Material als DVD veröffentlicht wird. Die Videos drehen andere “Künstler” und können eben nicht mit Corbijn mithalten. Der Imagewechsel hin zu einem eher spartanischen Bühnenbild bei den Konzerten und viel einfacher gestrickten Klängen und Texten bleibt aber nicht unerwidert – erst vor kurzem haben Depeche Mode, nun seit 22 Jahren im Geschäft, den Award für Innovation des bekannten Q-Magazins gewonnen und zwar für ihre Live DVD und ihren Internetauftritt, der durch Substanz überzeugt.

Dream On (Live, Top Of The Pops, 2001)

REMIXES 81-04 (2004) * * *

Nach Exciter gab es zwei Solo-Alben. COUNTERFEIT 2 von Martin Gore mit Coverversionen seiner Lieblingssongs und Sänger Dave Gahan meldet mit PAPER MONSTERS seine Ansprüche als Songwriter an. Ob inszeniert oder nicht – diverse Musikmagazine scheinen da Widersprüche zwischen Gore und Gahan zu erkennen. Bevor beide darauf eine Antwort liefern erscheint das erste Remix Album der Band.
Neben einer einfachen Ausgabe gibt es eine limitierte Edition mit drei CDs. Das ALbum wird mit einer rockigen Interpretation von ENJOY THE SILENCE, gemixt von Mike Shinoda (LINKIN PARK) in die Chart gehievt. Aber es bleibt ein bittere Beigeschmack der Kommerzialisierung. DEPECHE MODE Fans kaufen nämlich alles. In den 80er Jahren haben DEPECHE MODE mit Schallplatten im bunten Vinyl Remixe auf den Markt gebracht, die ganze Generationen von DJs geprägt haben. Anstatt auf diese Remixe den Fokus zu setzen, sind die Remixe hier durchweg sehr durchschnittlich. Der Highland-Mix von STRIPPED fehlt völlig, ebenso bekannte alternative Versionen von Songs wie SHAKE THE DISEASE oder QUESTION OF TIME, beide jeweils in den 1985 bzw. 1986 erschienenen Maxi-Singles absolute Highlights. OK, eine gute Sachen sind dann doch enthalten. Grandios ist der Mix des Songs LIE TO ME aus dem LFO (Mark Bell, Produzent von EXCITER) einen ganz neuen Song machen. Und Alison Goldfrapp interpretiert HALO mit ihrer unverwechselbaren Stimme.
Dieses Remix-Album kann man haben, muss man aber nicht.

Enjoy The Silence (Mike Shinoda, 2004)

PLAYING THE ANGEL (2005) * * * * *

Von wegen Streit im Hause DEPECHE MODE! Dave Gahan steuert das erste Mal drei eigene Songs bei. Und die Überraschung gelingt perfekt – zwei seiner Songe, SUFFER WELL und besonders NOTHINGS IMPOSSIBLE sind die besten Songs auf diesem Album. DEPECHE MODE klingen wieder ein bisschen mehr nach dem Sound der 80er Jahre. Produzent ist diesmal Ben Hillier. Der scheint seine Sache sehr gut zu machen. Mit JOHN THE REVELATOR und besonders LILIAN zeigen sich DEPECHE MODE von einer ungewöhnlichen Seite. Bei dem einen Song weicht Gahan von seiner sehr dunklen Stimme zu einem rotzigen, bekehrenden Gesang ab, was live besonders gut rüberkommt – bei LILIAN säuselt Gahan wie ein liebeskranker, leicht alkoholisierter Romantiker und Gore stöhnt dazu im Background. Gefällt nicht jedem, ist aber eingängig und stimmig.
Dass sich DEPECHE MODE selbst nicht mehr so ernst nehmen, haben sie spätestens seit ULTRA (1998) bewiesen. Da haben sie ihren Weltschmerz ein wenig abgelegt und sich auch den wirklich wichtigen Dingen zugewandt. Weiteres Indiz für eine kritische und auch nicht ganz humorfreie Selbstreflexion ist das Video zu SUFFER WELL, bei dem Gahan im Schnelldurchlauf die Stationen seines Rocker-Daseins selbst karikiert und am Ende darf seine eigene Ehefrau ihn aus dem Tal vn Drogen und Tränen retten. Gedreht wurde das Video endlich mal wieder von Anton Corbijn, der die ehe mageren Video zu der Single PRECIOUS und A PAIN THAT I´M USED TO vergessen macht.

Suffer Well

SOUNDS OF THE UNIVERSE (2009) * * * *
(Boxset: * * * * * *)

Je älter man wird desto kleiner auch der Anteil von vier langen Jahren mit Warten auf neues DEPECHE MODE Futter. Zwischendurch ein zweites Solo Album von Dave Gahan mit dem Titel HOURGLASS und der genialen Single KINGDOM. Dann die langen Studiosessions, die von Anfang an Gerüchte von einem größeren Projekt als “nur” einem einfachen Album nähren. “Maybe we release a Triple-Album”, sagte Andy Fletcher in einem Interview während der Aufnahmen. Nun das Ergebnis ist tatsächlich sehr ansehnlich. Zwar ist SOUNDS OF THE UNIVERSE ein normales Album erneut produziert von Ben Hillier, aber als für Fans gemachtes Box-Set mit vier Silberscheiben, zwei Bildbänden, Poster, Postkarten, Anstecker etc. ein ganz großes Highlight.
Auch diesmal wieder steuert Gahan drei Songs bei. Auf der einen Bonus-CD sogar der erste gemeinsam mit Martin Gore geschriebene Song OH WELL. Und genau dieser Bonus CDs machen diesmal die Qualität aus. Martine Gore hat im Internet Dutzende analoge Synthesizer aus den 80er ersteigert und deren Klänge in dieses Album mit einfliessen lassen. Das Analog Revival will nicht so ganz gelingen, dafür haben sich die Zeiten eben doch zu sehr geändert. Der Song GHOST aber ist so ein gelungenes Beispiel. Dumpfe, analoge Samples dominieren von Beginn an. Schon bei den Appetizern der Studio Sessions machen diese Klänge Lust auf mehr. Eben genau davon hätten sich viele Fans noch mehr gewünscht. Die Single WRONG ist vermutlich der beste DEPECHE MODE Song der letzten Dekade, die Studio Version von COMEBACK ein analoger Schmachtfetzen von echten Könnern. PERFECT ist tatsächlich perfekt – der perfekte Popsong, als Single aber nur in den USA erschienen.
Das Boxset liefert aber noch mehr. Gahan und Gore haben alte Demo Tapes zu älteren Songs ausgekramt und auf eine eigene CD gepackt. Dieses Demos spielen sich die Bandmitglieder vor und bekommen so den ersten Eindruck von neuem Songmaterial. Da dieser Eindruck aus der tiefen Intention hinter den Songs entstehen muss, sind diese Demos bereits sehr ausgereift. Obwohl ein Song wie CLEAN erst durch die rabenschwarze Stimme von Gahan seinen genialen Charakter bekommt, öffnen sich mit der ersten Demo von Gore wahrlich neue Horizonte. Was für ein genialer Zufall, dass sich hier zwei kongeniale Talente gefunden haben.
Das Doppelalbum oder das Triple-Album haben sich DEPECHE MODE noch aufgespart. Für kommende Jahre. 2012 oder 2013 gibt es etwas neues. Und derzeit wollen die Gerüchte nicht verstummen, dass Alan Wilder zurückkommt…

Wrong (Echo, Premiere 2009)

REMIXES 81-11 (2011) * * *

Ich bin ja nicht unbedingt intolerant, aber auch das zweite Remix-Album verspricht nicht das, was man sich erhofft hatte. Besonders wenn man sich an die vielen bunten Vinylscheiben der 80er Jahre erinnert. Depeche Mode haben eine Remix-Kultur etabliert, die sich leider auch nicht auf dem zweiten Remix-Album wiederfindet. Wo sind die legendären Remixe von SHAKE THE DISEASE, wo ist der Highland Mix von STRIPPED? Nur zwei Beispiele. Stattdessen blubberndes Gefiepe für irgendwelche Clubs, in die ein normaler Depeche Mode Fan niemals gehen würde und deren Besucher diese Musik eher als Lückenfüller wahrnehmen dürften.
Es gibt auch andere Meinungen zu diesen Remixen, die sehr viel positiver ausfallen, denn einige Depeche Mode Fans hören sehr gerne Minimal-Electro. Da hat sich zweifellos eine Gruppe innerhalb der Fangemeinde gefunden, die bei sehr viel mehr Tracks etwas Brauchbares heraushören. Diesen Fans rufe ich zu, dass ich keine Ahnung von dieser Variante elektronischer Musik habe und dem nichts abgewinnen kann – sorry. Ich enthalte mich diplomatisch zu den minimalen Varianten der Songs.
Highlight ist der Alan Wilder Remix von IN CHAINS. So würden DEPECHE MODE also klingen, wenn Wilder noch Bandmitglied wäre. Ich bekenne mich – ich gehöre zu der Fan-Fraktion die sofort eine Petition für die Rückkehr von Wilder unterschreiben würde. Ausserdem ganz OK: WORLD IN MY EYES (“Dub In My Eyes”). Aber auch hier die berechtigte Frage, warum nicht lieber der Oiltank Mix von einer beiden Maxis? Sehr schön auch die Interpretation von FRAGILE TENSION auf der zweiten CD oder der Tim Simenon/Mark Saunders Mix von STRANGELOVE. Ebenfalls positiv zu erwähnen – eher unbeachtete Songs wie die Instrumentalstücke SLOWBOW und FREESTATE kommen zu neuen Ehren. Selbst LEAVE IN SILENCE ist mit einer Remix-Version vertreten. Aber kein Highlight wie LIE TO ME von dem ersten Remix-Album.
Entsetzlich: die beiden Remixe von NEVER LET ME DOWN AGAIN. Der Digitalism Remix und der Eric Prydz Remix ziehen diesen genialen Song ins absolute Nichts. Auch die Single PERSONAL JESUS finde ich sehr schwach.
Fazit: aus den sechs CDs der beiden Remix-Alben hätte man die Perlen allesamt auf eine einzige CD packen können. Das wäre dann ein richtig geniales Remix-Album geworden.
Die Bandmitglieder waren bei der Auswahl nur am Rande involviert. Das Album ist also eher eine kommerzielle Sache, die sicher viel Geld für die Plattenfirma einspielen wird. Die Fans warten also weiter auf neues Futter. Wie es weitergeht sollte in Kürze von der Band bekanntgegeben werden. MARTIN GORE und VINCE CLARKE veröffentlichen in diesem Jahr ein gemeinsames Album – über Soloaktivitäten von DAVE GAHAN ist nichts bekannt.

PERSONAL JESUS 2011


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