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Glaubwürdige Selbstreflexion im amerikanischen TV?

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Über die amerikanische Serie “The Newsroom”

Erstaunlich: wir können noch so sehr amerikanische Befindlichkeiten kritisieren, kopfschüttelnd die Tea-Party Bewegung in den USA zur Kenntnis nehmen. Wir können sagen, dass Unterhaltung immer oberflächlicher wird, die Gesellschaft immer egozentrischer. Und wir können behaupten, dass diese Oberflächlichkeit über den Atlantik zu uns rüberschwappt. Aber egal wie kritisch wir auch sein mögen – es ist beinahe paradox, dass die Kritik, die am meisten Substanz hat, aus Amerika selbst kommt.

Vor einigen Wochen hatte ich zwei Rezensionen über zwei amerikanische Fernsehserien geschrieben. “House Of Cards” mit Kevin Spacey als diabolischem Strippenzieher in Washington und “The Wire” welches die wahren Verbrechen und ihre Hintergründe aus der Gosse Baltimores sogar in deutsche Wohnzimmer trägt. Diese beiden Serien müssen um eine weitere Serie ergänzt werden. “The Newsroom” von Oscarpreisträger Aaron Sorkin ist mindestens genauso überragend. Aus der Feder von Sorkin stammte bereits die preisgekrönte Serie “The West Wing” und das Drehbuch zu “Social Network”.

Die Serie spielt in dem fiktiven News-Channel “ACN Networks” und handelt von dem Kampf des Anchorman Will McAvoy (gespielt von Jeff Daniels) und seines Teams um die Etablierung des wahrhaftigen Nachrichtenformats im quotenumkämpften Markt des News-Entertainment. Mit der idealistischen MacKenzie McHale (gespielt von Emily Mortimer) als Produzentin will man “News 2.0” etablieren und entgegen der Profitgier der großen Chefin im Hintergrund (gespielt von Jane Fonda) wieder auf Fakten statt auf Entertainment setzen.

Der Start dieses neuen News-Teams steht jedoch unter denkbar schlechten Vorzeichen. McAvoy hat in einer Talk-Show mit Studenten seine Meinung über die USA als “großartigstes Land der Welt” kundgetan und die naiven Studenten auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt – seine Popularität ist auf einem Tiefstand. Außerdem ist seine Producerin seine Ex-Freundin, die ihm einst das Herz gebrochen hat und sein Team besteht aus unerfahrenen Anfängern, die nicht selten von verstörenden Beziehungskonflikten untereinander von der Arbeit abgehalten werden. Als das Team aber ins kalte Wasser geschmissen wird und eine Nachrichtensendung improvisieren muss, zeigt sich, dass das Team eine Zukunft hat. ACN ist der einzige Fernsehsender, der sofort die Katastrophe der “Deep Water Horizon” im Golf von Mexiko richtig einschätzt. Das Team im Newsroom hat sich gefunden. Allerdings läuft der Alltag im Newsroom nicht immer so glatt.

Neben den Protagonisten sind es gerade auch die Nebenfiguren, die die Episoden so unterhaltsam machen. Die tapsige und überaus knuddelige Maggie Jordan (gespielt von Alison Pill) oder die unterforderte Sloan Sabbith (Olivia Munn, selbst Moderatorin einer News-Sendung), die in der freien Wirtschaft viel mehr verdienen könnte, aber aus purem Idealismus in dieser Redaktion mitarbeitet – da ist viel Raum für eine Entfaltung dieser Charaktere, die gegen Ende der Staffel bereits sehr weit fortgeschritten ist.

Die Handlung wird immer wieder mit realen aktuellen Ereignissen als rotem Faden angetrieben, manchmal allerdings mit sehr viel Patriotismus, was aber der extrem kritischen Sichtweise auf die politische Kultur nicht schadet. Die Dialoge sind geistreich, teilweise sehr amüsant und durch die sehr gut ausgewählten Charaktere glaubhaft verkörpert.

Die Serie spielt in einem perfekt nachgestellten Newsroom – die Staffel endet mit einem eindeutigen Verweis auf eines der wichtigsten Themen der zweiten Staffel, die derzeit im amerikanischen Fernsehen läuft. Ein Informant der NSA deckt auf, dass das Team elektronisch von eigenen Konzern überwacht wird. Am Ende der ersten Staffel schliesst sich der Kreis zu dem Beginn der Serie. Eine dritte Staffel wird die Serie wohl abschliessen, allerdings hat sich Sorkin noch nicht endgültig zu einer abschliessenden Staffel geäussert.

Es ist wirklich erstaunlich – die eindringlichste Kritik an Amerika kommt aus Amerika selbst. Dass diese Kritik glaubhaft und unterhaltsam ist, überrascht nicht mehr. “The Newsroom” reiht sich in eine ganze Sammlung von kritischen Darstellungen amerikanischer Politik ein. Sehr sehenswert.

Exemplarisch hierfür eine besondere Szene darüber, wie eine Schlagzeile entsteht. Es geht um den Anschlag auf die Kongressabgeordnete Gabby Giffords, auf die 2011 ein Anschlag verübt wird. Diese Meldung platzt als “Breaking News” in die Redaktion von “The Newsroom”. Schauen Sie, was passiert: