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Immaterieller Strukturwandel – Warum wir eine Kultur-Flatrate brauchen

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Den Anfang machte Napster 1999. Der Download von Musik im MP3 Format war der Anfang einer Umwälzung vom konventionellen Musikvertrieb hin zu Online-Vertriebs-Modellen. 2001 folgte dann Wikipedia. Wissen wurde von der Gemeinschaft in einer Enzyklopädie verfasst und stand nicht mehr unter der Obhut der Redaktionen von Brockhaus oder Britannica. In demselben Jahr erschien ITunes. Beginnend 2007 erreicht der Verkauf von eBooks dank des Kindle eine kritische Masse. Das sind kleine Revolutionen. Jetzt sind wir an einem Punkt angelangt der sich als “immaterieller Strukturwandel” beschreiben lässt.

Die einzige etablierte Partei, die vor der Bundestagswahl dieses Thema in ihre Agenda mit aufgenommen hat, waren DIE GRÜNEN. Sie haben ausrechnen lassen, wie viel – je nach Umfang – eine Kultur-Flatrate kosten würde. Nun, da dieses Thema so gar nicht auf der Agenda steht, wird es auch vorläufig noch keine breiten Diskussionen zu dem Thema geben. Dazu muss noch mehr passieren.

Was Ende der 90er Jahre bei Napster begann und sich bis heute zu einer halbwegs etablierten marktwirtschaftlichen Struktur im Musikmarkt entwickelt hat, wiederholt sich derzeit beim Medium Buch. Der eBook Anteil, der dieses Jahr vermutlich deutlich über 10% des Buchmarktes ausmachen wird, hat eine Masse erreicht, wie Ende der 90er der Anteil über MP3 konsumierte Musik. Jetzt treten Portale auf den Plan, die sich in eine gesetzliche Grauzone begeben und eBooks kopierbar machen. Schließlich könne man ja auch Bücher in einer Bibliothek ausleihen oder Musik aus dem Radio mitschneiden.

Mit Napster wurde das Problem “gelöst”, in dem kommerzielle Musik-Portale geschaffen wurden. Und – ganz entscheidend – der Preis wurde angepasst. Elektronische Medien haben keine konventionellen Produktionskosten oder Vertriebswege mehr. Sie dennoch zu konventionellen Preisen anzubieten ist eine Frechheit.

Beim eBook passiert dies aber derzeit immer noch. Die Preise der konventionellen Verlage für die eBook Ausgabe eines neuen Buches liegen nur unwesentlich unter denen eines Buches auf Papier. Bekommen die Autoren mehr Geld? Sicher nicht. Dieses “Skimming” wird die Verlage auf lange Sicht teuer zu stehen kommen.

Die Zeiten, in denen Verlage Autoren aufgebaut und sie betreut haben, sind vorbei. Verlage schaffen keine Kultur mehr, sondern sind profitorientierte Unternehmen. Wie Hohn kommt es dann sicher den Self-Publishern vor, wenn ihnen Masse statt Klasse vorgeworfen wird. Und das in Zeiten der bereits 2. Autobiographie eines Boris Beckers (wie viele werden da noch kommen?) dem gefühlt hundertsten “Shades Of Grey” Abklatsches oder den dummen Weisheiten einer Frau Kubitschek.

Es tun sich Nischen auf. In die Grauzone fehlender Qualität rücken von übergeordneten Institutionen vorgeschlagene Werke vor. Die Autoren des Bachmannpreises oder des Deutschen Buchpreises verirren sich durchaus zwischendurch auf die Bestsellerlisten. Und es entstehen die kleineren Verlage, die ePublisher, die es derzeit noch schwer haben, sich zu etablieren. Ihnen gehört die Zukunft.

Was meine ich aber nun mit “immaterieller Strukturwandel”?

Die Musik oder das Buch entwickeln sich von einem materiellen zu einem immateriellen Medium. In wenigen Jahren werden wir Musik bereits nicht mehr downloaden, sondern “streamen”. Musik, so viel man will, gegen eine monatliche Gebühr. So etwas gibt es schon längst und wird sich mit steigenden Mobilfunkdatenraten weiter etablieren. Da ist das Streaming dann Teil des Handy-Vertrages. Auch die Verlage müssen eine Flatrate für das Lesen von Büchern einführen. Ich suche mir aus dem gesamten Angebot des Buchhandels beispielweise 20 Bücher aus, die ich gegen eine Gebühr lesen kann. Auch hier gibt es nicht Materielles mehr. Nicht mal mehr eine Datei, die ich physisch herunterladen muss.

Aber es geht noch weiter. Erinnern sie sich noch, wie Wikipedia einst belächelt wurde? Die Redaktion von Brockhaus unterstellte mangelnde Qualität, pauschal. Das hat sich als grundsätzlich falsch erwiesen, denn welche Qualitäten eines Brockhaus-Redakteurs sollen denn denen eines Wikipedia-Users, der zu ganz speziellen Fachthemen schreibt, überlegener sein? Und außerdem – wer hat denn überlebt? Der gedruckte Brockhaus oder das immaterielle Wikipedia?

Immateriell bezieht sich also auf das Medium selbst. Aber auch auf den Antrieb, der dahinter steckt. Viele Autoren schreiben für pure Aufmerksamkeit und nicht für eine monetäre Entlohnung. Das hat etwas mit den sich verändernden Paradigmen unserer Gesellschaft zu tun. Jeder, der ein bisschen Verstand hat, wird merken, dass materielle Zielsetzungen ganz schnell ihren Reiz verlieren. Eine satte Generation sieht in der Selbstverwirklichung nicht mehr länger ein prall gefülltes Bankkonto. Ausnahmen bestätigen sicher die Regel. Abr ausnahmslos erklärt sich so der Erfolg eines Mediums wie die Huffingtonpost, bei der Blogger und Kommentatoren unentgeltlich Artikel veröffentlichen. Es ist in den USA das wichtigste Alternativmedium und gleichzeitig Kontrapunkt für etablierte Journalisten – die FAZ schrieb zum Deutschlandstart der Huffingtonpost sogar: Hier schreiben Unbezahlte für Gelangweilte. Dabei ist ganz anders. Der Lohn ist die Aufmerksamkeit und damit die Bestätigung von individueller Berufung.

Damit wäre die Bezeichnung “immateriell” geklärt. Was aber sind die Sturkturen, die sich ändern müssen? Nun, diese Schlußfolgerung ist zwangsläufig. Niemand kann auf Dauer hauptberuflich für lau Kultur produzieren. Weder als Autor, noch als Verleger. Von irgend etwas müssen die Kulturschaffenden leben. Und das funktioniert nur über eine Kultur-Flatrate im Sinne einer allumfassenden GEMA und GEZ kombinierenden Institution. Die Portale, in denen die Medien angeboten werden, verdienen mit Kleinstbeträgen – ein Großteil des Preises besteht in einer Abgabe an diese Institution. Die Entlohnung selbst erfolgt über – und das ist der schwierige Teil – eine Struktur der Aufteillung gemessen an “Impressions”. Das Interesse an Kultur ist messbar. Bekommt ein Autor Aufmerksamkeit, durch Klicks, Verlinkungen, Darstellungen seiner Person und seines Werkes in verschiedenen Medien, dann bekommt er einen entsprechenden Anteil.

Diese Kulturflatrate ist also kein planwirtschaftlicher Schwachsinn – sie ist die Übertragung tief-kapitalistischer Prinzipien auf die Kultur. Der Kulturschaffende mit Aufmerksamkeit bekommt einen größeren Anteil als der, dessen Kunst gar keine Kunst ist oder der verkannt bleibt. Schicksal. Am Schicksal ändert eine Kultur-Flatrate nichts.

Wofür dann überhaupt eine Kultur-Flatrate? Um schlicht die immaterielle Struktur dessen, was in Zukunft mehr und mehr Sinn geben wird, in unserem Leben greifbar machen zu können. Es ist eine von einem Medium unabhängige Vergütungs-Instanz, um kulturelle Vielfalt in der Zukunft zu gewährleisten.