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KRAFTWERK – Die unautorisierte Biographie

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Das Wort “unautorisiert” überrascht nun wirklich nicht. Wann werden die Mitglieder von KRAFTWERK schon jemals etwas autorisieren? Als das ehemalige KRAFTWERK-Mitglied Wolfgang Flür seine Biographie “Ich war ein Roboter” im Jahre 2002 veröffentlichte, war ein langer Rechtsstreit mit seinen ehemaligen Bandkollegen die Folge. 2004 durfte das Buch dennoch erscheinen und ist der bis heute einzige Einblick in das Innenleben von KRAFTWERK. Und was gibt es da noch? Pascal Bussy´s Buch über KRAFTWERK galt bisher als das Referenzwerk. Aber jetzt verspricht eine Neuerscheinung des Autors David Buckley mit dem Titel “KRAFTWERK – Die unautorisierte Biographie” diesen Mangel zu beheben. Hat das Buch das Zeug zum Referenzwerk über KRAFTWERK?

Das Vorwort zu diesem Buch schrieb kein geringerer als Karl Bartos, neben Flür das zweite ehemalige Mitglied von KRAFTWERK, welches nicht so gut auf die ehemaligen Kollegen zu sprechen ist. Flür und Bartos waren im Streit mit den Gründern Ralf Hütter und Florian Schneider aus der Band ausgeschieden … Jedenfalls spricht das Vorwort von Bartos für dieses Buch. Erst war er abgeneigt, Fakten und Story zu bestätigen. Dann, als er mit dem fertigen Manuskript konfrontiert wurde, lobte Bartos Buckleys Buch. Das will etwas heissen.

Buckley unterteilt sein Buch in acht große Teile. Die Teile entsprechen mehr oder weniger chronologisch dem KRAFTWERK-Katalog der acht großen Studioalben, die vor knapp drei Jahren remastered erschienen sind. Abgerundet wird das Buch mit einer Discographie und interessanten Fakten über den Erfolg allseits bekannter KRAFTWERK-Songs. Buckley spannt dabei einen gekonnten sozio-kulturellen Bogen – KRAFTWERK im Kontext ihrer Zeit. Das Ergebnis ist banal und doch verblüffend zugleich. Eben wie ein KRAFTWERK Konzert.

Ich habe KRAFTWERK selbst einmal live in Köln gesehen (das ist auch schon wieder zehn Jahre her). Da standen vier ältere Herren 2 1/2 Stunden hinter ihren Notebooks und machten Musik. Die Symbiose mit den Videos und die durchaus vorhandene Improvisation, machen so ein Konzert trotz seiner Schlichtheit und seiner Statik zu einem unglaublich dynamischen Erlebnis. Den KRAFTWERK Mythos gibt es wirklich. Das beginnt für mich 1977 als Vierjähriger der zu “Die Roboter” tanzt und wird 2014 mit einer Rezension zu einer KRAFTWERK Biographie längst noch nicht vorbei sein. Erst mussten ganze LKWs das Equipment für die Konzerte heranschaffen, dann waren es nur noch Notebooks (“Die Hardware ist jetzt so weit, wie die Software in unseren Köpfen”) und seit knapp zwei Jahren gibt es die Konzerte nur noch in 3D.

KRAFTWERK, die Musikarbeiter, waren und sind ihrer Zeit voraus.

Buckley gelingt es anhand seiner chronologischen Vorgehensweise, diese Eckpfeiler der Biographie herauszuarbeiten. Zwischen dem letzten Studioalbum 1986 und der äußerst produktiven Phase mit den meisten Konzerten der Bandgeschichte, gab es beispielsweise den legendären Auftritt beim Tribal Gathering 1997 in Luton. Es war der Startschuss zu einer zweiten Phase der Bandgeschichte, die aus dem Mythos KRAFTWERK eine Legende machten. Ein ganz neuer KRAFTWERK Song wurde gespielt und das Line-Up auf der Bühne war zukunftsweisend. Buckley zitiert hier Konzertbesucher und anerkannte Musik-Journalisten. Ein neues Album stehe kurz vor der Veröffentlichung hiess es damals. Aber es dauerte dann noch fast sieben Jahre, bis “TOUR DE FRANCE SOUNDTRACKS” erschien. Buckley nährt die vielen Gerüchte um die Band. Bei EMI in London sei die Band Ende der 90er Jahre gewesen und man habe dort ein Album vorgestellt. Das aber wurde nie veröffentlicht.

Folgt man den Ausführungen Buckleys dann war diese Entwicklung zum Mythos nicht vorhersehbar. Buckley bettet die KRAFTWERK – Chronologie in die Musikgeschichte der Zeit ein. Es ist wirklich überraschend, dass KRAFTWERK trotz allem Synthiepop der 80er Jahre und unzähligen Bands bis heute wegweisend sind. Vielleicht weil die vielen Bands der 80er KRAFTWERK nur zu gerne kopieren. Wie oft zogen KRAFTWERK vor Gericht, weil ihre Ideen geklaut (Sabrina Setlur) wurden? Und große Bands verneigen sich vor KRAFTWERK, wie etwa Coldplay mit ihrem Song “TALK”, dessen Melodie das Thema von “Computerliebe” ist. Oder U2, die auf ihren offiziellen Tonträgern ausser den Beatles nur KRAFTWERK gecovert haben.

Das Buch ist ein unterhaltsamer Querschnitt eines Mythos ohne Inneneinsicht. Die Referenzen auf das Buch “Ich war ein Roboter” des ehemaligen KRAFTWERK Mitglieds Wolfgang Flür sind offensichtlich. Ansonsten ist das Buch eine lückenlose Vorstellung von Fakten im Mantel des musikalischen Zeitgeistes. Die fehlende Inneneinsicht kann man jedoch dem Autor nicht vorwerfen. Die beiden Gründungsmitglieder, die den Mythos sicher nicht entzaubern wollen, geben diesen Einblick nicht. Sie, die einzigen Konstanten über mehr als vier Jahrzehnte, verweigern sich jedem ernsthaften Journalisten.

Aber vielleicht ist es ja wirklich so, dass dieser Mythos sein Wurzeln in dieser Unbestimmtheit hat. Wollten wir – eingefleischte KRAFTWERK Fans oder nicht – denn eine Biographie über die vielleicht sehr gewöhnlichen Bandmitglieder lesen? Sicher nicht. Die Musikarbeiter schaffen Fakten. Und Fakten auf über 350 Seiten unterhaltsam zusammenzutragen – das ist eine beachtliche Leistung.
Taugt dieses Buch als Referenzwerk zu KRAFTWERK? – Ganz sicher. Erfahren wir hier viel Neues, Enthüllendes? Nein, ganz und gar nicht. Aber das ist eh kein Merkmal für ein gutes Buch. Und für ein Buch über KRAFTWERK schon mal gar nicht.

Über den Autor: David Buckley, geboren 1965, lebt und arbeitet seit 1992 in München. Er war mehrere Jahre Lehrbeauftragter für Popkultur an der Ludwig-Maximilian-Universität. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a. Biographien von David Bowie, R.E.M, The Stranglers.