Start Essays Nichtwissen ist keine Option mehr

Nichtwissen ist keine Option mehr

171
0

Eine Analyse über die Bedeutung der “Information” in unserer Gesellschaft.

Es ist nur ein paar Wochen her, da saß einer von der Piratenpartei in Jesus-Sandalen bei einer großen deutschen Fernsehtalkshow und twitterte, während er in Redebeiträgen seine Meinung kundtat. Was zunächst auf den Zuschauer eher lächerlich wirken musste, offenbarte sich während der Diskussion – die Piraten waren politisch zu diesem Zeitpunkt erfolgreich – als Botschaft, die über das Politische hinausgeht. Diejenigen, die den immateriellen Strukturwandel richtig einschätzen müssten, also die etablierten Politiker, sind nicht in der Materie verankert. Und diejenigen, die Ahnung haben, die Piraten, wirken so unstrukturiert, dass man sie nicht ernst nehmen kann. Beides muss sich dringend ändern.

Damit sind auch die Kernprobleme definiert: Unwissenheit und fehlende Struktur. Obwohl das ja gar nicht so einfach ist. Das Zeitalter der Information ist ein Zeitalter des Undefinierten. Für den Begriff “Information” gibt es unzählige Definitionen – ich konzentriere mich auf eine bestimmte Definition.

Die philosophische Definition der Information

Information ist eine semantische Form von Energie – diese Definition ist recht schlicht. Das Prädikat “semantisch” ist hierbei entscheidend. Es impliziert ein Sender -> Empfänger Verhältnis, wird aber nicht genauer definiert. Das ist nämlich auch gleichzeitig der Knackpunkt. Konzentriert sich die Semantik auf den Umstand, dass eine Information von jemandem empfangen sein muss, um als solche zu gelten, so blende ich diesen Schritt in meiner Interpretation dieser Definition komplett aus.

Eine Information ist nämlich auch dann vorhanden, wenn niemand sie ausliest. Stellen sie sich vor, es gäbe keine Festplatten, auf denen Informationen auch dann erhalten bleiben, wenn keine Energie anliegt. Oder klassischer: als man die ägyptischen Hieroglyphen fand, war wohl jedem klar, dass dies Information ist. Nur ihren Gehalt kannte man nicht.

Information existiert also unabhängig von ihrem Gehalt und vom Verständnis eines Rezipienten. Natürlich kann man jetzt argumentieren, welchen Sinn Information ohne Gehalt und ohne Verständnis macht. Dieses Argument ist sicher sehr wichtig, aber eine Wissenschaft für sich. Für die pure Definition von Information sind Verständnis und Gehalt unwichtig.

Was ist mit “Form” gemeint? Nun, die Form der Information ist wichtig, denn sie macht die Information sichtbar. Bleiben wir bei dem Beispiel mit den Hieroglyphen. Es ist klar, dass die Symbolform die Information selbst sichtbar macht. Eine Wahrnehmung der Information läuft über ihre Form.

Damit dann verbunden der dritte Begriff in der Definition: “Energie” bedeutet, dass die Information einen beliebigen Träger haben kann. Information ist immer gespeicherte Energie, die direkt als Energie sichtbar sein kann, zum Beispiel durch Lichtsignale oder die festgeschrieben ist und damit von der Zeit unabhängig ist.

Und die nächste Schlussfolgerung: Information braucht einen Träger, der als zeitunabhängiges Speichermedium fungiert. Dieser Träger kann mit der Form der Information identisch sein, muss er aber nicht. Beispiel hierfür ist ein Morsecode, der transcodiert erst verständlich wird. Eine Information, die von ihrer Form separiert werden kann, ist eine kodierte Information. Eine Information existiert so lange, wie ihr Träger existiert.

Noch mal zusammengefasst:

Information ist eine Form von Energie.

Der semantische Kontext, der die Energie zu einer Information macht, wird durch Codierung hergestellt.

Die Definition einer Information ist unabhängig von Verständnis oder ihrem Gehalt.

Eine Information ist zeitunabhängig und existiert so lange, wie ihr Träger existiert.

Der Träger einer Information ist das, was der Information eine Form verleiht.

Eine Information wird nur über ihre Form erkannt – niemals als Energie selbst.

Und noch ein wichtiger Aspekt: Information ist überall. Die Information ist Beweis für die Existenz einer immateriellen Substanz. Dafür spricht auch ein weiterer Gedanke – Rezipient einer Information muss kein menschliches Hirn sein. Auch ein Algorithmus eines Computerprogramms kann eine Information aufnehmen. Schlimmer noch: wir sind bei der Transcodierung von Information den Computern mittlerweile ausgeliefert. Konnte früher ein Postbeamter einen Morsecode noch mit seinem Kopf verarbeiten, so sind elementare Informationen, die uns umgeben, ohne Computer gar nicht mehr zu transcodieren. Die Gefahr lauert also immer bei dem Übergang von Energie als Form in einen semantischen Kontext, also bei der Sichtbarwerdung der Information für einen Menschen.

Sicher muss das alles noch viel gründlicher dargestellt werden, aber für den Moment soll das reichen.

Was hat diese Definition nun mit einer eher praktischen Überlegung wie die Schaffung eines Informationsministeriums zu tun?

Die politische Bedeutung der Information

Ministerien werden geschaffen, um politische Leitlinien für fundamentale gesellschaftliche Elemente zu koordinieren. Diese Leitlinien orientieren sich an abstrakten Normen wie Bildung, Gesundheit, Verteidigung, Diplomatie usw. – meine These ist, dass die Information ebenso ein fundamentales gesellschaftliches Element ist. Mit “Element” meine ich einen normativen Baustein, ohne den ein soziales Miteinander nur erschwert, vielleicht gar nicht, möglich ist.

Es gibt aber noch ein weiteres Kennzeichen eines solchen Elementes: die Vernetzung. Diese fundamentalen Strukturen erstrecken sich auf alle möglichen Bereiche der Gesellschaft. Energie, Bildung, Gesundheit – das alles spielt überall eine primäre oder sekundäre Rolle im ständigen Miteinander. Die “Information” ist nicht mehr länger nur durch einen Datenschutzbeauftragten oder eine Behörde abgedeckt. Das entspricht der Erkenntnis in den 80er Jahren, dass Umwelt nicht nur Landwirtschaft bedeutet, sondern viel weitreichender ist, als man es lange Zeit wahrhaben wollte. Vernetzung bedeutet auch Wechselwirkung. Umweltschutz beispielsweise wirkt sich auf Ökonomie aus, auf Gesundheit sowieso und wird auch Teil von Bildung sein. Also wurde ein Umweltministerium geschaffen.

Die Information ist überall. Sie vernetzt uns, hat eine Wechselwirkung zu allen Teilbereichen der Gesellschaft – sie bringt auch politische Strömungen hervor. In den 80er Jahren waren es “Die Grünen”, heute sind es die “Piraten”. Die Frage drängt sich auf, ob sich beide politischen Strömungen miteiander vergleichen lassen. Die “Piraten” sind Chaoten. “Die Grünen” waren sicher auch Chaoten, aber sie hatten klare Ziele.

So stellt sich die naheliegende Frage – was hat die philosophische Definition von Information mit Politik zu tun? Sie ist schlicht notwendig, damit Ziele formuliert werden können. Waren die 68er in der Formulierung von politischen Zielen noch geübt (ich lasse bewusst offen, ob diese Ziele gänzlich erstrebenswert waren) so ist die Generation der Piraten eine, die aus der “Null-Bock-Generation” hin zur “Generation X” offensichtlich notwendige Veränderungen nicht mit der Formulierung konkreter Ziele verknüpft. Stattdessen – so wirken Menschen mit Jesus-Latschen in TalkShows – dominiert eine ambitionierte, weitestgehende Willkür.

Zur Verteidigung der Piraten muss aber gesagt werden: die etablierte politische Klasse zeichnet sich nicht durch Willkür aus, sondern durch schlichtes Nicht-Wissen. Einen Shitstorm zu twittern ist immer noch besser, als gar nicht zu wissen, was Twitter überhaupt ist. Leider ist es häufig so, dass sich Menschen trotz fundamentalem Nicht-Wissen dazu befähigt sehen, Politik zu machen. Aber das ist kein Problem, dass auf den Themenkomplex “Information” beschränkt ist.

Wir brauchen also schlaue Köpfe, die sich mit dem Thema “Information” auseinandersetzen, die Leitlinien definieren, diese in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext setzen können. Es gibt diese Köpfe – und sie tragen nicht nur Jesus-Latschen.

Marina Weisband (Piraten), Constanze Kurz (Chaos-Computer-Club) oder Kathrin Passig (Bloggerin, Bachmanpreisträgerin) fallen mir spontan ein. Es gibt auch eine ganze Reihe von Professoren, die sinnvolle Dinge zu sagen haben. Aufgabe eines Informationsministeriums wäre, neben dem Datenschutz, die Einordnung politischer Aktivitäten jeglicher Art in einen gesellschaftlichen Prozess. Viele dringend notwendige Leitlinien brauchen gesetzliche Strukturen oder sind noch gar nicht definiert.

Information ist der Rohstoff, der eine Gesellschaft als abstraktes Moment zu einem Verbund greifbarer Individuen macht. Information ist nicht mehr nur Wissen, Information formt unsere Gesellschaft. Sie bringt Individuen in Formation. In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts war das Waldsterben Anlass zur Befürchtung, dass wir alle, jeder Einzelne, irgendwann keine saubere Lauft mehr atmen. Heute sind die Offenbarungen der letzten Wochen und Monate Anlass, die Information, die die normativen Werte einer Gesellschaft formt, zu schützen, zu definieren und ihr einen Rahmen zu geben.

Das Einrahmen normativer Ansprüche ist nur durch ethische Instanzen (die Kirche) oder durch die Politik möglich. Da wir nicht ins Mittelalter zurück wollen und die Information zum Kulturgut der Religion machen wollen – man stelle sich Server in Klöstern vor, die von Nonnen und Mönchen bewacht werden – muss es Aufgabe der Politik sein, diesen Anforderungen des Informationszeitalters nachzukommen.

Globalisierung bedeutet Individualisierung. Und Nicht-Wissen ist keine Option mehr.