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Das Leben nach dem Tod

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Ein rational denkender Wissenschaftler, der das Bewusstsein des Menschen im Gehirn verankert sieht und der keinerlei Hinweise ernst nimmt, dass es außerhalb der Zeitspanne zwischen Geburt und Tod noch mehr gibt, was den menschlichen Verstand ausmacht – so ein Wissenschaftler erkrankt eines Tages schwer und wird von den Menschen um ihn herum schon aufgegeben. Dann kehrt er ins Leben zurück und hat eine Botschaft – ist das mehr als nur ein Marketing-Gag?

Eine Frage, die jeden Menschen bewegt – was kommt danach? Gibt es da etwas? Es gibt zahllose Bücher von Menschen mit Nahtoderfahrungen. Wie sieht das aber aus, wenn ein Mensch über längere Zeit in einem Koma lag, von einigen Medizinern schon als tot abgeschrieben war, weil keine Hirnaktivität festgestellt wurde und dann doch ins Leben zurückkehrt? Es geht noch interessanter: was, wenn dieser Mensch ein angesehener Hirnchirurg ist, jede religiöse Mutmaßung rational als Unsinn abgetan hat? Das kann man nachlesen – “Blick in die Ewigkeit” heißt das Buch und kann nicht einfach so als esoterischer Unfug abgetan werden, auch wenn es gerade die Esoteriker sind, die sich diese Art der Literatur auf die Fahne schreiben.

Denn der Autor ist ein sehr rational denkender Mensch. Eben Alexander heißt dieser Mensch. Eine Meningitis (Hirnhautentzündung) hat ihn in wenigen Stunden vom Leben in einen todesähnlichen Zustand versetzt. Seine Kollegen sagten ihm später, seine Hirnaktivität sei quasi nicht mehr messbar gewesen. Sein Hirn sei “in Eiter geschwommen”. Aber er überlebt. Völlig unerwartet und kurz bevor Ärzte und Familie ihn aufgeben wollten, erwacht er aus dem Koma und beginnt sich selbst neu zu finden. Und er fängt an aufzuschreiben, was er in den zwei Wochen erlebt hat.

Rationalität als Ausgangsbasis

Blick in die EwigkeitDas ist natürlich ein hochinteressanter Ansatz. Ein rational denkender Mensch, der den Glauben an ein Leben nach dem Tod vor seinen Patienten insgeheim immer belächelt und als Unwissenheit abgetan hat, erlebt nun etwas, was wahrhaftig einen religiösen Charakter hat. Seine Erlebnisse passen nicht zu einer fehlenden Hirnaktivität und lassen sich auch nicht mit Endorphinen oder sonst irgend etwas wissenschaftlichem erklären.

Er beschreibt mehrfach den Übergang von einer, wie er es nennt “Wurmperspektive” in eine Welt voller Wärme und Licht, in der Zeit und Raum keine Bedeutung mehr im herkömmlichen Sinne haben. Er tut sich schwer mit einer genauen Beschreibung, denn jeder Versuch dieser Beschreibung sei so, als schreibe man ein Buch und habe nur die Hälfte der Buchstaben eines Alphabetes zur Verfügung. Besonders durchdringend sei ein Gefühl von Gewissheit. Dort sei alles frei von Last, alles erfüllt von Liebe und als dort existierendes Wesen gäbe es nicht, was falsch sei oder was man falsch machen könnte. Immer wieder beschreibt er “Lichtwesen” und man hat den Eindruck, dass er krampfhaft das Wort “Engel” zu vermeiden sucht.

Das Buch lässt den Leser mit einem zwiespältigen Gefühl  zurück. Ich kann nicht sagen, ob dieses Buch einfach nur ein genialer Marketing-Coup ist. Von jemandem, der eine Lücke entdeckt hat und diese intelligent und rational auszufüllen weiß. Jemand der erkannt hat, wie viel Bestseller-Potenzial in dem Thema Nahtod, verbunden mit einer wissenschaftlichen Perspektive steckt. Wenn das eine Strategie war, dann ist sie in kommerzieller Hinsicht aufgegangen.

Was ich mich allerdings frage: Warum hat sich so ein Mensch eine derartige Darstellung ausgedacht? Sie wirkt beinahe kindlich naiv, religiös angehaucht – das aber als roten Faden einer Marketingstrategie zu verstehen, ist inkonsequent. Zumindest ist es inkonsequent umgesetzt. Wenn sich jemand so etwas zum Zwecke der Monetarisierung ausgedacht hat, dann sind die gewählten Beschreibungen reine Fantasieprodukte, die dann unausgegoren wirken.

Naiv oder philosophisch?

Des Weiteren sucht Alexander nach rationalen Erklärungen und findet sie in der Philosophie und in einigen großen Fragen nach dem Bewusstsein und nach den rationalen Elementen in den Antworten großer Philosophen, die allesamt – sofern sie ihre Wurzeln in der Naturwissenschaft haben (Kant, Leibniz) – an Antworten außerhalb des menschlichen Bewusstseins geglaubt haben. Den wichtigsten Gedanken – und das macht dieses Buch tatsächlich sehr lesenswert – ist die Antwort, die Alexander auf die Frage der Theodizee gibt. Diese uralte Frage kennt philosophische und theologische Antworten. Die rationalen Antworten sind eher rar.

Theodizee fragt nach dem Sinn der Annahme, dass es einen allmächtigen Gott gibt, der aber das subjektive Leid des Menschen oder schlicht das Böse in dieser Welt zulässt. Wenn ein Gott allmächtig ist, warum hat er dann den Holocaust zugelassen? Nietzsche würde jetzt sagen “Gott ist tot” und hat damit eine allumfassende Antwort geliefert. Aber würde die Allmacht nicht auch das absurd erscheinen lassen? Alexander gibt eine hochinteressante Antwort, die sowohl religiöse Motive als auch atheistische, existenzialistische Gedanken einschließt. Die Wahlmöglichkeit des Menschen zwischen Gut und Böse sei der Motor der Entwicklung von Allem. Wäre alles Gut oder alles Böse und gäbe es kein eigenständiges Handeln des Menschen, der Mensch selbst, die Gesellschaft, ja vielleicht das Dasein von Allem, hätte keinen Motor, der diese Entwicklung voranbringt.

Ein interessanter Gedanke, der weder Religion, noch pure individuelle Verantwortlichkeit ausschließt. Auch über einen Endzweck sagt er nichts aus – aber vielleicht ist es wirklich so einfach.

Lesen Sie hier ein Interview mit Eben Alexander auf der Seite seines Verlages.