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Das Ohrenmerk Archiv

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Vor beinahe 20 Jahren, als Teil des ersten Kultur-Magazins, habe ich viele Kritiken für Alben geschrieben, die ein Mischung aus Hörspiel, Tondokumenten und Soundstories waren. Es ging unter anderem um Werke von Andreas Ammer und FM Einheit, dem Vinyl-Künstler Philip Jeck aber auch um historische Soundcollagen wie etwa dem Weekend Remix gewidmet Walter Ruttmann (Sinfonie der Großstadt etc.)

Ich habe mich dafür entschieden, meine Eindrücke zu den Alben von damals, die nach wie vor als einige der wenigen CDs, die ich noch besitze, gehütet werden, hier nochmal zu veröffentlichen.

Es gibt noch einige weitere Rezensionen aus dieser Zeit. Die müssen allerdings zuvor noch ihren Weg aus dem Archiv finden. Es ist tatsächlich so, dass nach einigen Jahren die CDs nicht mehr so funktionieren, wie sie sollten. Da muss dann noch eine weitere Kiste ausgegraben werden, die dann das Backup vom Backup beinhaltet.

Audiolounge

Inhalt:
CD 1:
Robert Lippok: “Callanetics”, Ammer & Console: “Heimat und Technik” – Das Heidegger Bootleg
CD 2:
Merdzo / Kullukcu: “not a question of balance”, Laar/Zeitbloom: “hypersound concrete”

Produktion: BR / HR / WDR und Deutschlandradio Berlin / Intermedium

Dieses Album hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits überzeugt es durch seine Bandbreite – vier völlig unterschiedliche Künstler und ihre Performance – und doch wäre hier ein bisschen weniger wohl mehr gewesen. Die Akademie der Künste hatte geladen und vier namhafte Künstler waren dieser Einladung zu einer Soundperformance im Rahmen des Medienkunstfestivals mit dem Titel “Audiolounge” gefolgt. Das Ergebnis liegt nun auf diesem Doppelalbum vor.

Den Anfang machte Robert Lippok mit seiner Performance “Callanetics”. Sanfte digitale Klänge versuchen knapp 30 Minuten lang eine Stimmung zu erzeugen. Würde dies gelingen, dann könnte man diese Stimmung beschreiben. Schon nach kurzer Zeit stellt sich jedoch ein träges, nichtssagendes Sammelsurium aus Vinyl-Samples ein, die im besten Fall an Philip Jeck erinnern können. Hin und wieder verstärken trance-artige Klänge dieses Gefühl der Langeweile.

Die zweite Performance hingegen ist der Höhepunkt dieses Albums. Hier werden Bruchstücke eines Vortrages des Philosophen Martin Heidegger als konzeptionelles Motiv der Performance in die Klänge eingebunden. Spricht Heidegger die Zuhörer seines Vortrages mit “Liebe Landsleute” an, dann glaubt man für einen Moment das Anstimmen der Nationalhymne zu hören. Diese Performance ist vielleicht der einzige Grund der leiernden Stimme dieses umstrittenen Philosophen zu zuhören.

Auf der zweiten CD dieses Albums zeigen Robert Merdzo und Bülent Kullukcu wie technoide Klänge variiert werden können, ohne in ein peinliches Discotheken Gedudel zu verfallen. Die beiden Künstler räumen hier mit einem Klischee auf. Absolut überflüssig erscheint mir hingegen die letzte Perfomance von Kalle Laar und Georg Zeitbloom. Beide versuchen durch Unterlegen einer Melodie einem künstlichen Frequenzrauschen musikalische oder wenigstens atmosphärische Qualität abzugewinnen. Das Ergebnis ist leider nur penetranter Krach, mit dem keiner etwas anfangen kann.

Fazit: Hätte man die zwei gelungenen Perfomances dieses Abends auf einem einzelnen Album zusammengefasst würde das Urteil durchweg positiv ausfallen. Diese rechtfertigen aber allemal den Kauf dieses Albums.

Das Warheads-Oratorium


Texte: Romuald Karmakar / Michael Farin
Music by Laar/Zeitbloom
Stimmen: Manfred Zapatka, Günter Aschenbrenner, Karl Penta

Produktion: Bayerischer Rundfunk / Hörspiel und Medienkunst

(c) 2000, Intermedium records.

Romuald Karmakar scheint ein Faible für extreme Persönlichkeiten zu haben. Bevor der Regiesseur mit “Der Totmacher” (Hauptrolle: Götz George) einem grösseren Publikum bekannt geworden ist, gab es bereits den Film ´Warheads´ (1992), der die Erzählung zweier Lebenswege beinhaltet. Günter Aschenbrenner und Karl Penta gehören zur Französischen Fremdenlegion. Ihr Job ist die Gewalt, das tägliche Aushalten und Erleben von Extremsituationen. Ein ´Warhead´ ist nicht nur die Spitze eines Raketensprengkopfes, sondern auch das für Aussenstehende unzugängliche Wirrwarr im Kopf eines Menschen auf diesem Lebensweg eines Legionärs. Bei Intermedium ist nun eine Hörspielfassung dieses Dokumentarfilms erschienen.

Hören statt Sehen hat manchmal Vorteile. Während die markante Stimme des bekannten Schauspielers Manfred Zapatka die Erzählungen der beiden Originalstimmen der Protagonisten auktorial in Szene setzt, werden die von Michael Farin bearbeiteten Texte von technoiden Klängen begleitet, mal mechanisch und leise im Hintergrund, dann wieder nervös und aufwühlend. Im Hintergrund Artillerieangriffe. Die kalte Atmosphäre des Hörspiels gibt die kalten gedanklichen Zusammenhänge der Protagonisten wider. Vielleicht war es die strenge Erziehung, die Tatsache, dass der Vater in Stalingrad gefallen ist oder es waren viele traumatische Faktoren im Leben eines Legionärs, der sich vom Söldner dahingehend unterscheidet, dass er mal für die eine, dann wieder für die andere Seite kämpft. Ein Legionär scheint ein Mensch ohne Überzeugungen und ohne ein Mindestmass der Fähigkeit, Vertrauen zu fassen, zu sein. Eine kalte Erwartungslosigkeit verschlägt den Legionär nach Sri Lanka, in den Libanon oder als Versuchskaninchen zu Atombombentests auf das Murora Atoll. Dieses dokumentarische Hörspiel nimmt den Zuhörer mit auf eine unwirkliche Reise. ´Warheads´ führt den Zuhörer zu Denkansätzen, die bisher unbekannt waren. Dieses Hörspiel ist ein Einblick in die abstruse Welt fremder Gedanken.

ROSA – Die Akte Rosa Peham


Bearbeitung: Michael Farin
Regie: Bernhard Vogel
Komposition: Helga Pogatschar

Produktion: Bayerischer Rundfunk / Westdeutscher Rundfunk

&copy 2001 Intermedium Records

Die deutsche Vergangenheit bietet eine schier unerschöpfliche Quelle für literarische, speziell biographische Aufarbeitungen, die Jahr für Jahr als Neuerscheinung auf dem Büchermarkt und in der deutschen Literaturkritik ihren Platz finden. Abseits von pädagogisch zwar wertvollen, in erster Linie aber nur für die Autoren quantitativ erfolgreichen Werken wie “Hitlers Helfer”, “Hitlers Frauen”, demnächst wahrscheinlich auch “Hitlers Hunde” etc … sind dann da noch die persönlichen Aufbereitungen von Betroffenen und Hinterbliebenen zu finden, die nicht selten eine literarische Sensation darstellen:

Der Roman “Rosa” des 1929 geborenen Autors Thomas Harlan ist so ein Zeitdokument, das als gutes Beispiel dafür steht, warum auch nach Jahrzehnten derartige Werke eine neue Perspektive auf die deutsche Vergangenheit eröffnen. Harlan, Sohn des Nazipropagandaregiesseurs Veit Harlan (“Jud Süss”) und der Schauspielerin Hilde Körber, hat seine eigene Vergangenheitsbewältigung verfasst. Sein Roman beweist: das Erinnern ist nicht selbstverständlich. Nicht, wenn eine Person, die einzige Überlebende einer Massenerschiessung ist, weil man die Opfer gezwungen hat, sich selbst zu töten, nicht dann, wenn diese einzige Person geistig völlig am Ende nur noch ein wissenschaftlich nicht fassbares, psychologisches Objekt darstellt. Oder: wie können die Konturen einer Vergangenheit erkennbar gemacht werden, wenn die dunkle Seite des Lebens keine Schatten sichtbar sein lässt?

Dieser Roman, der in der Literaturkriitk grosse Beachtung gefunden hat (siehe nachfolgende Verweise) ist komplex, hat keinen roten Faden und ist perfekt für eine Vertonung geeignet. Allerdings kann auch ein Hörspiel die Verwobenheit zwischen Erinnerungsschüben, psychologischen und juristischen Protokollen und dem eigentlichen Thema, der Vergangenheitsbewältigung, nicht aufheben. Die Menschen, die dies mit ihrer Interpretation versuchen und der Menge aus realen und fiktiven Persönlichkeiten mit ihrer jeweils ganz eigenen Vergangenheit ihre Stimmen leihen sind unter anderem Sophie von Kessel, Karin Anselm und Manfred Zapatka.

Für eine weitergehende Auseinandersetzung mit diesem Roman möchte ich auf nachfolgende Rezensionen verweisen:
“Gefühl in falscher Tonart” von Charlotte Brombach – literaturkritik.de, 12.12.2000
“Todesursache Kameradschaft” von Friedhelm Rathjen – DIE ZEIT 47/2000

RADIO INFERNO


Hörspiel nach Dantes Inferno

Realisation: Andreas Ammer, FM Einheit
Produktion: Bayerischer Rundfunk, Hessischer Rundfunk
Text & Konzept: Andreas Ammer

Literarische Vorlage: “La Divina Commedia” (“Die göttliche Komödie”), “L´Inferno” (“Inferno”) von Dante Alighieri (1265-1321)

Dante: Blixa Bargeld – Vergil: Phil Minton – Beatrice: Yvonne Ducksworth – Das Radio: John Peel.

“So ich zum Schatten von Vergil … und als er aufgebrochen, hab´ ich den wilden hohen Gang begonnen.” Infernalisch ist die Reise von Dante und Vergil mitten durch die Höllenkreise der griechischen Sagenwelt. Ammer und Einheit schlagen 34 Kapitel (hier “Canto”) auf und konfrontieren uns mit den ganzen finsteren Gestalten der Hölle – der dreiköpfige Höllenhund Cerberus, der Fährmann Charon, Geryon, der Drache oder Nimrod, der Gigant dürfen nicht fehlen.

Ammer und Einheit kennen auf ihrer Reise kein Pardon: im vierten Höllenkreis, dort wo auf ewig Steine aneinandergerollt werden werden natürlich die Stones gecovert, an anderer Stelle ist es ein brutales, verfremdetes Riff von Slayer, das gesampelt wird oder man bedient sich einer berühmten Filmszene des legendären Regiesseurs Luis Bunuel (“… eine leichte Wolke zieht am Himmel vorbei. Das Messe fährt durch das Auge des jungen Mädchens und scheidet es inzwei …”), um gekonnt Atmosphäre zu erzeugen. Schön und gut.

Die ganze Geschichte wird im Stile einer Radiosendung erzählt. “Listen. Here we go … Dante and Vergil just arrieved at the gate of hell.” Wie ein roter Faden ziehen sich chorale, italienische Gesänge mit den Protagonisten durch die Hölle. Wer kein italienisch kann, hat wirklich ein Problem. Und leider – eine wirkliche Schwachstelle – das Genuschel von Yvonne Ducksworth ist stellenweise nicht zu verstehen. Steigt man schliesslich mit Dante wieder der Hölle hinweg, dann stellen wir gemeinsam fest: der Himmel ist ein Meer von Frequenzen.

Wenn die Hamletmaschine der erste Versuch war, die Dramatik einer grossen literarischen Vorlage zu vertonen, dann ist “Radio Inferno” hierbei auf dem EGO-Plattenlabel – trotz der erwähnten Kritik – der erste gelungene Versuch. Blixa Bargeld ist hier wie immer unschlagbar. Fast erinneren die verschiedenen Tonlagen an das Stück “Sie” von dem Neubauten Album “Tabula Rasa”. 50% Ammer/Einheit und 50% Bargeld – obwohl von dem nicht mehr als die Stimme hier dazugehört. Die Mischung machts und damit lässt sich sagen: eine interessante Interpretation griechischer Mythologie.

“… the whole thing´s coming out of the dark”

Samuel Becket – words / sounds & moving images


Idee & Konzept: Klaus Buhlert, Gaby Hartel
Produktion: Bayerischer Rundfunk, Hörspiel & Medienkunst, Intermedium Records, ORF, Deutschlandradio, Kunsthalle Wien, ZKM Karlsruhe.
Regie: Klaus Buhlert

Stimmen: Raymond Federman, Barry McCovern, Natasha Perry, u.a.

Ich muss zugeben: die Literatur von Samuel Beckett ist Neuland für mich, auch wenn der Name vertraut ist. Beckett, 1969 bekam er den Literaturnobelpreis, ist eben in erster Linie für seine Nähe zu James Joyce und zum französischen Existentialismus bekannt. Diese hier vorgestellte Performance mit dem Titel “the whole thing´s coming out of the dark” ist ein interessanter Zugang für diese Literatur.

Von mehreren verschiedenen Stimmen werden hier die ´Moving Images´ vorgetragen. “rule – company – molloy” sind die dialektischen Eckpfeiler dieser von Klaus Buhlert und Gaby Hartel zusammengestellen CD und greifen auf die Textvorlage gleichnamiger Werke Becketts zurück. Dabei geschieht zunächst – jenseits der Formeln, die wir in den Literaturlexika finden und die Beckett immer mit dem Begriff “Absurdität” in Verbindung bringen – schon mit den ersten Minuten die Einteilung von Betrachtung, Betrachter und dem Faktum, um das es geht. Letzteres ist hier nicht, wie man literaturhistorisch im allgemeinen Beckett zuordnen würden, die menschliche Existenz (dieser Begriff ist für diese beweglichen Bilder viel zu abstrakt), sondern es ist die Triebfeder der Kreativität oder das Kultur erzeugende Moment des menschlichen Sozialverhaltens.

Mal ist es der Mond, der sich durch das Fensterkreuz bewegt und einen Schatten wirft, dessen Frage nach der Ursache für seine Bewegung den Gedanken vom Objekt löst oder: “Ich sage, ich sehe mich im Spiegel und während ich sage ICH sehe mich im Spiegel meine ich ihn, den ich sehe.”. Und so wird diese nicht greifbare Diskrepanz hörbar: Der Instrumentalist auf dieser CD (Uwe Dierksen) bekommt seine Komposition aus einem bekannten Roman Becketts (“Molloy”, 1951), in dem der Autor seinen Protagonisten in drei Varianten das Lutschen von 16 Kieselsteinen lehrt. Aus diesem “grotesken” Bild leiten sich die drei ´rules´ ab und geben den blick frei auf die entscheidende Frage, die sich wohl ein Beckett-Rezensent zu stellen hat: was unterscheidet den nach diktierten Regeln handelnden Menschen vom frei schaffenden Menschen, was unterscheidet Spontanität und Rezeptivität (was schon die Leitfrage des kantischen Idealismus war) voneinander. Beckett würde wohl sagen es ist das Absurde oder: es ist das Dunkel, aus dem alle Dinge kommen.

Philip Jeck – Vinyl Coda I-III


Vinyl Performance, 2 CD´s

Produziert von Intermedium, Bayerischer Rundfunk
Vinyl Coda 1 vom 17.02.1999 (BR, Studio Performance), Vinyl Coda 2 vom 19.02.1999 (BR, Studio Performance), Vinyl Coda 3 vom 19.11.1999 (Live, Akademie der Künste).

Es gehört wohl ein gewisses Mass an Idealismus zu dem Vorhaben, ausgediente Filmprojektoren, alte Vinylplatten und 180 Kofferplattenspieler aufzubauen und eine Performance zu kreieren, in der digitale Techniken und Klangbilder keine Bedeutung haben. Der in Liverpool lebende Soundperformer Philip Jeck ist so ein Idealist. Seit Mitte der 80er Jahre arbeitet Jeck mit diesem im Zeitalter der CD und der DVD nostalgischen Material und schafft Klänge die nun, auf CD gebannt, wie Klänge aus einer anderen Sphäre, aus einer anderen Zeit klingen. Vorläufiger Höhepunkt dieses Unterfangens war “A Vinyl Requiem” von 1993.

Jeck kommt den Vinylfetischisten entgegen, jenen Liebhabern, die glauben, dass sich eine Platte bei jedem Abspielen anders anhört, das das ´Knacken´ des Analogen zum akkustischen Genuss gehört und die akkustischen, angeblich fühlbaren Schwingungen von einem Laser gar nicht erzeugt werden können.
Tatsache ist, dass Jeck mit seinen Vinyl-Coda Performances einen Variantenreichtum schafft, der den Zuhörer immer wieder auf´s neue überrascht. So entwickelt sich eine schier endlose Schleife langsam und allmählich zu einem beiläufigen Klangteppich, um in einer weiteren Schleife zu münden. So wie die Performance anfängt hört sie aber nicht auf – sie ist auf Endlosigkeit, auf Zeitlosigkeit angelegt.

Vinyl Coda besteht aus zwei CD´s. Vinyl Coda 2 ist dabei alleine über eine Stunde lang. Geeignet ist diese Kunst für träumerische Ausflüge, niveauvolle Untermalung eines Abends oder für bereits erwähnte Liebhaber der zufällig (auch) einen CD-Spieler besitzt und schon immer mal hören wollte, wie ein Gleichgesinnter die gemeinsame Leidenschaft zu Kunst stilisiert.

 

Ammer / FM Einheit – Crashing Aeroplanes

Eine Auftragsarbeit der European Broadcasting
Union in Produktion des WDR und dem
Deutschlandradio Berlin.

 

Dieses Hörspiel ist ein Meilenstein deutscher Hörspielkunst und kann eben deswegen nur von dem wohl mittlerweile renomiertesten Duo dieses künstlerischen Genre´s kommen – das neue Werk von FM Einheit und Andreas Ammer ist ein Erlebnis.
CRASHING AEROPLANES benutzt unter anderem die letzten Minuten durch den obligatorischen Voicerecorder aufgezeichneten Gespräche im Cockpit abgestürzter Flugzeuge als dramaturgischen Pfaden, den die Künstler mit Leichtigkeit aufgreifen und mit gewohnt sicherer Hand zu einem Kunstwerk verweben.
Am Anfang ist es der Radioreporter, der live von der fehlgeschlagenen Landung des Luftschiffs Hindenburg in Lakehurst berichtet. Die in Tränen ausbrechende Stimme wird hier beinahe melodisch benutzt. Es folgt der sachliche, aber aussichtslose Dialog zwischen Tower und dem Cockpit einer Verkehrsmaschine, die nach Ablauf des 349 Sekunden “Restlebens” der Crew mitten auf ein Wohnhaus in Amsterdam stürzt. Dann wieder hören wir die letzten Worte aus dem Cockpit der PanAm 103 kurz bevor sie über Lockerbie von der Bombe zerfetzt wird.
Man hört gebannt zu und stellt sich schnell die Frage, um die alles kreist. Dieses Hörspiel ist eine Provokation. Wenn die deutschen Stimmen, die in einigen Passagen die teilweise unverständlichen Cockpit Konversationen übersetzen, anmerken, dass man in den wenigen Sekunden “Restleben” noch den Ausblick auf Amsterdam geniessen könne, dann kann man durchaus die Frage stellen, ob dies nicht angesichts der Opfer makaber ist. Dies ist in der Tat der erste Eindruck und das ist von den Künstlern offensichtlich so geplant. Die Künstler bauen aber darauf, dass eben dies nicht gelingt. Der Schuss soll nach hinten losgehen. Die Zwischensequenzen können noch so sachlich, noch so melodisch oder noch makaber kommentiert sein – der Kern des Hörspiels verliert dadurch nichts von seinem Schrecken. Im Gegenteil. Jeder Versuch, solche Tragödien künstlerisch mit allen Mitteln fassbar zu machen, kann immer nur das Grauen kompensieren. Es ist niemals so, dass die Ästhetik einer Katastrophe im Widerspruch zu ihrer Grausamkeit steht. Ästehtik wird hier zu einem wertfreien Mittel, das nicht nur formvollendete Schönheit sondern eben auch gnadenlose Grausamkeit konserviert. Auf diese Idee aber kommen nur die wenigsten und wenn, dann können es nur die allerwenigsten umsetzen. Mal wieder ein phantastisches Hörspiel von Ammer/Einheit.

soundstories / materialmeeting

Künstler: Thomas Meinecke, Hans Platzgumer, Caroline Hofer, Stefan Schneider u.a.

(c) 2000 Intermedium records, Produktion: Bayerischer Rundfunk.

“Handlung lenkt ab. Von guten Texten. Und schlechte Texte sind eh nicht zu retten.” – So – sinngemäss – das Statement von Thomas Meinecke, einer der Künstler, der auf einem neuen Release des intermedium Labels vertreten ist. “soundstories/materialmeeting” ist eine Compilation eines Projektes, das das Hörspiel Genre bereichern sollte.In sechs Arbeiten haben die Künstler aus den schier unerschöpflichen Archiven deutscher Hörspielproduktionen Bruchstücke entnommen, verfremdet und zu einer neuen akkustischen Gesamtheit verdichtet. Im Vordergrund steht dabei ein Erzählcharakter, der keiner ist. Es wird in den einzelnen Stücken keine Geschichte erzählt, sondern eine Momentaufnahme reflektiert. Oberflächlich – und das ist nicht negativ zu verstehen, weil diese Oberflächlichkeit das Stilmittel ist – zeigt sich bespielsweise die Arbeit “Ein Riesen Abgang” von Hans Nieswandt und Kathrin Röggla. Der Börsenkurs – das ´Thema´ in diesem Stück – wird mit immer wiederkehrenden leeren Wortphrasen dargstellt. Das künstlerische Moment dabei: die Macher variieren so geschickt mit ihrem Material dass ein akkustischer Oszillograph entsteht. Mal beschleunigt, mal in Zeitlupe – und dem Zuhörer bietet sich der Anblick von den vielen aus dem Fernsehen bekannten Fratzen, die den Überblick über das Thema der Worte suggerieren wollen. Wie nichtssagend sind da Worte wie ´Reingeströmt´ oder ´Die Börse reagiert´ oder ´es relativiert sich, wenn wir uns den Chart angucken´ – die Musik entblösst die Unwissenheit als unbewusst gewälte Abstraktion des Sprechers. Oder: so einfach zeigt sich, dass wir nichts wissen können.
Herausragend ist die letzte Performance auf dieser CD ´Links in Boxen´ von Laar/Zeitblom/Schlotmann – “Gangbang in Superslomo” oder “Die WC Ente unter den Longdrinks”. Die Halbsätze aneinandergereiht zeigt sich hier das, was bereits gesagt wurde. Hier werden gute Texte, gute Sätze, Bilder, die man aufgesogen hat plötzlich zum ersten Mal bewusst. Da hat einer das Mikro beim Einschlafen an den schwingenden schmalen Grad zwischen Traum und Wirklichkeit gehalten. Ob gewollt oder ungewollt wirkt gerade hier die Compilation urkomisch und als Zuhörer können sie hier die Antwort auf die Frage bekommen, die sie sich schon immer gestellt haben: “Können Jungfrauen überhaupt kalben?” … Hörenswert.

 

WALTER RUTTMANN – WEEKEND REMIX 2000.

Künstler: Ernst Horn, DJ Spooky, Mick Harris, Klaus Buhlert, to rococo rot, John Oswald

(c) 2000, Intermedium records.

Kunst ist die Differenz zwischen Natur und dem technischen Vermögen des Künstlers – dieser Leitsatz des Schriftstellers Arno Holz, verfasst am Beginn des letzten Jahrhunderts ist die unsichtbare Überschrift für diese Compilation und macht Walter Ruttmann (1887-1941) zum Vollstrecker des Naturalismus. Vollstreckt wird das technische Vermögen des Autors und das Material sind nicht mehr die fiktiven Worte, sondern alles Hörbare. Das Ergebnis ist ein Hörfilm Ruttmanns, der – als Kopie erst 1978 in New York wiederentdeckt wurde – nun von zeitgenössischen Künstlern interpretiert, digitalisiert, kopiert oder ironisiert wird.

Das Original, sowie sechs Remixe finden sich auf dieser CD und spannen einen Bogen zwischen Komik und Avangarde, Nostalgie und Pathos. Das werden die Sprachfetzen aus der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts digital aufbereitet und melodisch verfremdet oder der zeitgenössiche Künstler greift gerade das so markante Rauschen und Knacken des Originals auf, filtert es eben nicht raus, sondern nutzt es als tragendes Leitmotiv. So wird nicht nur dem Klang selbst, sondern auch dem daraus entstehenden Bild vor dem geistigen Auge der Transport ins Jetzt erlaubt; aus dem damals noch hintereinander hörbaren Grossstadt-Durcheinander wird eine monotone, graue Lärmkulisse, so als hätte jemand heute ein Mikrophon an den Strassenrand gestellt.

Entstanden ist das Original 1930. Es knüpft an die Erfahrungen Ruttmanns als Regiesseur (“Berlin – Die Sinfonie der Großstadt” und “Melodie der Welt”) an.

Eingeladen vom Bayerischen Rundfunk waren hier neben Ruttmann Ernst Horn, DJ Spooky That Sublimal Kid, Mick Harris, Klaus Buhlert, to rococo rot und John Oswald am Werk.