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Ansichten eines Nerds

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Einige Dinge, die in naher Zukunft aufgrund technologischer Weiterentwicklung passieren werden, sind absehbar. Für andere brauchen Sie Autoren wie mich — stets am Puls der Zeit und nerdig-philosophisch einen noch weiteren Ausblick wagend. Kurz: Was sie hier tun, einen Text lesen, Buchstaben linear aneinandergereiht, ist bald völlig oldschool. Die Schrift wird in wenigen Jahrzehnten als Kommunikationsform völlig verschwinden … .

Es werden nur noch die Software-Entwickler sein, die in semiotischer Hinsicht so etwas wie Schriftzeichen brauchen werden. Und selbst das werden keine Buchstaben sein. Es werden Low-Code Makros sein, erzeugt von einer Handvoll Spezialisten, die Hardware mit Editoren codieren, deren Zeichen sich in Binärcode übersetzen lassen. Das Coding wird kein Tastaturanschlag mehr sein — mittels Sprachsteuerung und Touchscreens werden komplexe oder weniger komplexe Elemente zusammengefügt.

Aber zunächst erst einen Blick in die nahe Zukunft: 5G wird kommen. Und es wird flächendeckend kommen. Damit werden erstmals Bandbreiten möglich, die keine Redundanzen mehr verursachen, selbststeuernde Autos, Drohnen, Fluggeräte, U-Bahnen, Züge werden in zwei Jahrzehnten Alltag sein und allmählich unser derzeitiges Weltbild verändern. Da bin ich ganz sicher. Der Individualverkehr geht auf in einem effizient organisierten, von Gefahren größtenteils freien Mobilitätsfluss, der uns viele Freiheiten geben wird.

Die Medien verschmelzen

Mit dieser Bandbreite wird es keine Notwendigkeiten mehr für lokale, periphere Datenträger mehr geben. Alles wird in der Cloud sein. Alles wird von dort in Echtzeit gestreamt und bearbeitet werden, egal von welchem Ort aus. Musik, Videos, Computerspiele. Google hat das bereits mit seiner neuen Streamingplattform angekündigt. Schon die Playstation 5 wird ihr eigener Anachronismus sein. Es gibt keine Notwendigkeit mehr für lokale Geräte wie PCs mit Grafikkarten oder Festplatten. Es wird pro Individuum nur wird ein Device geben — wir nennen es heute noch Smartphone — das in einheitlichen Dockingstationen in alle Monitor integriert werden kann. Über das Smartphone identifizieren wir uns, über dieses Device partizipieren wir sozial, politisch, ökonomisch. Über eine Blockchain (die kontrolliert sein muss, da sie sonst ungeniert und katastrophal die verkommene menschliche Natur widerspiegeln würde — aber das ist ein eigenes Thema) — wird unsere Existenz quantifizierbar sein. Bits, heute noch mit dem Zusatz “Coin” versehen als Währung, genährt durch den Lohn, der beim Einchecken am Eingang des Arbeitgebers mit dem Smartphone bis zum Auschecken oder im Homeoffice über ein virtuelles Netzwerk in Echtzeit ausgezahlt, ersetzt das, was wir heute “Konto” nennen.

Wir lesen nicht mehr, denn literarische Motive werden nicht mehr zeitaufwendig getippt, sondern gesprochen. Je nerdiger der Autor desto verquickter die mediale Umsetzung seiner Idee. Eine Serie, ein Podcast, ein Hörbuch — die Grenzen sind fließend, qualitativ und quantitativ. Größere Konglomerate stehen zur Finanzierung größerer Projekte mit größerem Aufwand bereit, wenn dieses auf den Smartdevices große Chancen zum Abgreifen von Bits hat. Ja, je mehr Bits wir verdienen, desto mehr können wir in virtuelle Inhalte investieren. Noch ist das alles jenseits der Vorstellung, denn der Wert dessen, was das Leben ausmacht, wird derzeit noch als Konsum kapitalistisch verklärt. Die Bits werden aber so massig allseits präsent sein, dass sie wie kleine Spiegelbilder gefüllter Hirnzellen genauso ungreifbar und genauso elementar unseren Alltag bestimmen werden.

Polarisierung und Eigenverantwortlichkeit

Vielleicht ist die derzeit aufbrechende Polarisierung der Weltbilder und der Beginn einer Vereinfachung der Ausdruck eines Wunsches nach Standardisierung. Genau das wird passieren. Es wird völlig egal sein, welche Computersprache der Nerd zum Programmieren nutzt, da jede Logik identische Kontrollstrukturen einschließt. Es wird egal sein, in welcher Sprache Menschen kommunizieren werden, worin kulturelle Unterschiede bestehen, denn der Google Translator und die mit der Individualisierung einhergehende Abstraktion, werden eine Vereinheitlichung bedeuten. Ja, wir werden gar nicht mehr wissen, was ein Translator ist. Wir werden nicht mal mehr wahrnehmen, dass es unterschiedliche Sprachen und Kulturen gibt.

Hier verschwimmen dann Ursache und Wirkung. Glauben die einen, dass hinter dieser Vereinheitlichung der Gleichschaltung der Kulturen ein Plan steckt, die Individualität abzuschaffen und dem Deutschen Wesen zu schaden (hier könnte man beliebig jede Form von Nationalismus einfügen, diese Tendenz ist ja nicht nur in Deutschland zu erkennen) — so haben andere die Entwicklungen unserer Zeit und ihre Rückkopplung auf die Kultur verstanden. Man kann einen Artikel schreiben und ihn in einem Kultur-Magazin publizieren — egal, wie viele Menschen ihn lesen, man wird Teil der Kultur.

Oder man schaut anderen Menschen bei der Kakerlakenfresserei im Dschungelcamp zu. Wie man die knapp bemessene freie Lebenszeit verwendet, ist individuelle Verantwortung. Globalisierung ist Individualisierung und die eigene Nase ist immer näher, als die des Anderen. Wenn es etwas gibt, was in Zeiten wie diesen besonders hervortritt, dann ist es die Eigenverantwortlichkeit, die sich auch nicht mit dem Fingerzeig auf das Andere verflüchtigt. Wir steuern auf eine Zeit zu, in der die inneren Widersprüche nach außen treten.