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Der Autor als Prophet

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Über die Essay-Sammlung “Im Vulkan” von Martin Amis

Martin Amis ist einer der angesehensten Autoren der Gegenwart. Ein Bestseller folgt dem Anderen. Es gibt aber noch eine andere Facette seines Schaffens. Amis war ursprünglich Autor bei der “Times”, dem “Observer” und “The NewYorker” – vor seinem Durchbruch als Autor und auch später, eigentlich bis heute. Seine Essays sind jetzt in einem Sammelband mit dem Titel “Im Vulkan” zu haben – und sie sind absolut lesenswert.

Martin Amis - Im VulkanEs ist ein geschickter Schachzug des Herausgebers (Daniel Kehlmann) dieses Buches, das Datum der ursprünglichen Veröffentlichung der jeweiligen Essays ans Ende des Textes zu setzen. Roman Polanskis Sichtweise auf besonders junge Mädchen erscheint so – zusammen mit den seit Jahren bestehenden Vorwürfen gegen ihn – in einem ganz anderen Licht. Würde der Artikel heute erscheinen, er hätte immer noch Sprengkraft. Der weltberühmte Filmemacher sagt “Jeder will junge Mädchen ficken” – als sei es eine Selbstverständlichkeit, so zu denken. Und Amis quittiert dies, in dem feststellt: “Der aktive Pädophile raubt Kindheiten. Polanski hat niemals auch nur versucht, diesen Zusammenhang zu begreifen.” Gleichzeitig schafft es Amis aber auch, diesen biografischen Moment in einer Hotellobby richtig einzuordnen. “Das Leben, das er lebt”, so der Titel dieses Artikel über Polanski, zeigt einen Menschen, der eigentlich mehrere Leben lebt. Filmemacher, Ehemann einer von der Manson-Bande bestialisch ermordeten Sharon Tate, Sohn einer Familie, die unendlich im Holocaust gelitten hat – und dann auch noch mutmaßlich pädophil. Amis gelingt es, in diesem schon 1980 im “Tatler” erschienenen Artikel, ein Porträt zu zeichnen, dass diese verschiedenen Leben als Verschmelzung möglich erscheinen lässt.

Aber das ist bei Weitem nicht alles. Er setzt sich mit einem beinahe naiven Salman Rushdie auseinander, kurz nachdem der Chomeni die Todesstrafe für die “Satanischen Verse” gegen ihn verhängt hat, trifft ihn, als er ohne Polizeischutz eine Kirche betritt. Oder er trifft auf den Meister der pittoresken Selbstinszenierung, Truman Capote, residierend im New Yorker – Amis erkennt und entlarvt, wie er ein oberflächliches Spiel mit ihm spielt. Das Abfertigen der notwendigen Journalisten als Bindeglied zum Publikum, das doch jeder Künstler braucht. Oder – mein Favorit – sein Besuch bei der Witwe und dem Sohn von Vladimir Nabokov, seinem Lieblingsautor, der eine bizarre Verklärung eines großen Autors zeichnet. Irgendwo zwischen Marketing und einer daran angeknüpften Heiligsprechung. Nabokov ist selbst für seine eigene Familie ein Mythos, der sie auch nach seinem Tod ernährt. Entrückt und unfassbar – es wird ganz eindeutig klar: man muss sich von Menschen entfernen, auch dann, wenn man sie geliebt hat, um sie zum eigenen Vorteil zu verklären. Amis schafft es, diesen Eindruck dem Lesen nahezubringen. Er scheint wie besessen von Nabokov zu sein – er taucht immer wieder in seinen Artikel auf. Manchmal sehr überraschend in seltsamsten Zusammenhängen.

Und da gibt es auch die oftmals bittersüssen Eingebungen zu Donald Trump – aktualisiert in den Kontext der Präsidentschaft eingebettet. Oder zu Steven Spielberg, den er 1982 zu Beginn seiner großen Karriere trifft. “Der Bart sieht wie ein nachträglicher Einfall aus, rasch aufgeklebt, wie ein Versuch, erwachsen zu wirken.”

Amis beobachtet eindringlich. Auf einer Lesereise durch Europa (Deutschland, Österreich, Tschechien) erinnert es sich an seine Begegnungen mit Tony Blair oder Angela Merkel. Es ist das Jahr 2015 – Anschläge, Flüchtlinge. Er schreibt in diesem sehr eindringlichen Artikel einen Absatz, den man heute, wenige Jahre später, als eine Art Prophezeiung deuten kann: “Und bereits jetzt war es, als hätte eine tektonische Kraft Europa ergriffen und hätte es – mit aller Kraft mit den Fingernägeln – hochgehoben und politisch gekippt, sodass eine große Schlammlawine in die Richtung alter Illusionen, alter Träume von Reinheit und Grausamkeit rutscht.”

Bildgewaltig. Ein großer Autor, ein großer Essayist. Und ich mag mich zu dem Urteil hinreißen: Jeder gute Essayist ist ein guter Beobachter und damit zwangsläufig ein Prophet.