Start Literatur Bunt. Vielfältig. Kreativ. – Comics als Kultur in Reinform

Bunt. Vielfältig. Kreativ. – Comics als Kultur in Reinform

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Welches kulturelle Genre ist ihrer Meinung nach die pure Inkarnation von Kultur? Was ist gelebte Kultur in Reinform? Zu welchem Medium greifen wir, wenn wir uns entspannen oder uns in wirklich abgrundtiefe Fantasiewelten begeben wollen? Richtig! Die Antwort lautet : Comics! – Von mir schon in den 80er Jahren gelesen, aber immer nur sporadisch, denn das knappe Taschengeld musste auch für andere Sachen ausgegeben werden. Jetzt kann sich der gealterte Nerd die richtigen Comics leisten. Hier mein Bericht über das Eintauchen in die zwei tonangebenden Comic-Universen der letzten Jahrzehnte.

Die zwei Mainstream Universen der kommerziellen Comicwelt

Auch wenn ich jetzt den Hass aller Liebhaber des Indiependent Comics, der Manga-Fans und der exklusiven Graphic Novels auf mich ziehe – die gemeine Comicwelt können wir in zwei Kontinente unterteilen: “DC Comics” und “Marvel”. Diese beiden Universen repräsentieren die kommerzielle Comic-Welt, sichtbar in unzähligen Verfilmungen in den letzten Jahren. Gerade in diesem Jahr haben “Avengers: Endgame” und “X-Men: Dark Phoenix” durch ihren kommerziellen Erfolg genau das belegt. Aber wie ist der normale Ablauf? Erst die Comics lesen und dann den Film schauen? Ich vermute, dass viele Menschen die Comics gar nicht kennen und diese nicht gelesen haben. Selbst meine Wenigkeit dürfte zu der Minderheit gehören, die die unter dem CONDOR Verlag in den 80er und 90er Jahre erschienenen Comics gelesen haben. “Der Eiserne” statt Ironman oder “Die Spinne” statt SPIDERMAN. Bunte, jugendliche Comics, die viele der heute verfilmten Geschichten vorweggenommen haben. Dahinter steckt aber mehr.

Die beiden Verlage wurden in den USA gegründet und hatten ihre erste sehr erfolgreiche Phase in den 30er und 40er Jahren gehabt. Speziell bei Marvel lässt sich konstatieren, dass die Superhelden ein Produkt der Nachfrage nach Heldengeschichten rund um den 2. Weltkrieg sind. “Captain America” als Verkörperung einer nationalen, unbesiegbaren Identität oder der HULK als Nebenprodukt des Atomzeitalters. Nach einer Durststrecke in den 50er Jahren, die übrigens mit der politischen eher konservativen Stimmung zusammenhing, welche Comics per se als etwas Minderwertiges abstempelte, gab es Ende der 50er Jahre ein Comeback. Das trifft für beide Verlage gleichermaßen zu. In diese Zeit fällt auch die erste von drei Phasen, in denen man versuchte, den internationalen Markt zu erobern. Das misslang – deutsche Erstausgaben von “Der Eiserne” (eingedeutschter IronMan) aus dieser Zeit haben heute hohe Sammlerwerte. In den 80er Jahren dann eine zweite Phase – lokale Verlage veröffentlichen die Comics in Lizenz und diesmal mit Erfolg. An nahezu jedem Kiosk waren die Hefte und Taschenbücher verfügbar. Das war auch die Zeit, in der ich diese Geschichten gelesen habe.

Erfolg seit der Jahrtausendwende

Mit dem Erfolg von Comicverfilmungen zur Jahrtausendwende beginnt eine dritte Phase, die sich speziell in den letzten Jahren in zahlreichen Neu- bzw. Wiederveröffentlichungen zeigt. Zwei davon möchte ich hier vorstellen. Zunächst aber noch eine Abgrenzung zwischen den beiden Comic-Universen:

Das Marvel-Universum ist deutlich größer. “Avengers”, “X-Men”, “HULK”, “Daredevil”, “Thor”, “Spiderman”, “Iron Man” und auch zahlreiche Serien wie “Defenders”, “Agents of S.H.I.E.L.D” oder “Punisher” gehören in dieses Universum, wohingegen DC zwei spezielle Helden hat: “Superman” und “Batman”. Aber auch “Wonder Woman” oder “Aqua Man” gehören dazu. Es gibt übrigens auch eine Verbindung zwischen beiden Verlagen: Stan Lee. Der führende Kopf hinter Marvel (verstorben 2018) hat zeitweise auch für DC Comics gearbeitet und seinen Stil auf die DC Welt angewendet. Mit mäßigem Erfolg. Ich erinnere mich, in meiner frühen Jugend mal eine Batman Variante gelesen zu haben, bei der Peter Parker alias Spider-Man irgendwo durch Gotham City turnt. Und ich erinnere mich ebenfalls, dass das ziemlich albern war. Beide Universen sind also getrennt erfolgreicher. Mittlerweile stehen hinter beiden Verlagen große Global Player. Warner Bros ist der Mutterkonzern von DC Comics und Marvel steht unter der Kontrolle von Disney.

Arkman Asylum CoverBatman – Arkham Asylum

Jetzt aber zu den Comics selbst. Ich habe zwei Bände exemplarisch herausgesucht, die beide Welten ganz gut repräsentieren. “Batman: Arkham Asylum” ist das Aushängeschild aller Comics, die Batman zum Thema haben. Und hier muss man wirklich sehr genau unterscheiden. Die gleiche Unterscheidung wie bei den Verfilmungen – von der albernen Serie aus den 60er/70er Jahren mit Batman in Strumpfhosen, über die monumentalen Fantasy-Schinken, in denen selbst George Clooney als Batman glänzen konnte, bis hin zu der Dark Knight Trilogie von Christopher Nolan. Kurz und knapp lässt sich sagen, dass es als Gegenstücke zu diesen Verfilmungen auch die passenden Comics gibt. “Arkham Asylum” ist düster, sehr düster – kein Comic für Kinder. Es ist DER Klassiker der Comics überhaupt und schafft perfekt das, was einen Comic auszeichnet: eine Atmosphäre, die eben nur in einem Comic aufgebaut werden kann.

“Arkham Asylum”, die Irrenanstalt, in der sämtliche Gegenspieler von Batman inhaftiert sind, ist unter der Kontrolle des Jokers. Der verlangt nach Batman. Batman solle dahin kommen, wo er hingehört – in die Irrenanstalt. Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, tötet der Joker eine junge Angestellte, während er mit Batman und Commissioner Gordon telefoniert. Batman hat keine andere Wahl – er muss sich stellen. Und er wird selbst zu einem Opfer – “Ich will, dass er erfährt, wie es ist, wenn klebrige Finger in den schmutzigen Ecken seines Geistes herumstöbern”, sagt der Joker.

Die Geschichte selbst macht einen Spagat zwischen Naivität und Psychologie. Es werden Dinge wie Missbrauch und Persönlichkeitsstörungen angeführt – wie gesagt, kein Comic für Kinder. Manche Zeichnungen sind dabei beinahe fotorealistisch. Der Zusammenschnitt der Bilder, wie abgekapselte Kamerafahrten, der stets düstere Hintergrund, die Schemenhaftigkeit von Batman und die spitze Überzeichnung des irren Jokers. Seite für Seite wird man in den Sog dieser ganz eigenen Welt hineingezogen. Dieser Comic gilt als “genrebildend” – die Mutter der Graphic Novel. Im Original ist er im Jahr 1989 erschienen und basiert der 1974 zum ersten Mal erwähnten Irrenanstalt von Gotham City. Der Titel “Arkham Asylum” ist eine eigene Marke und war unter anderem Titel für ein sehr erfolgreiches Computerspiel.

Christopher Nolan hat mit seinen drei Batman Filmen versucht, genau diese Stimmung einzufangen. Aber das ist – wenn man diesen Comic gelesen hat – nur zum Teil gelungen. Als Batman etwa im Verhörraum auftaucht und sich den Joker schnappt. Dabei es ist völlig egal, was Batman tut. Noch so viel Kraft, noch so viel rohe Gewalt können Batman nicht zum Ziel führen. Er hat genauso zwei Facetten wie sein Kontrahenten.

Die neuen X-MenDie neuen X-Men

Hat in Gotham City eigentlich niemand wirklich Superkräfte – Bruce Wayne alias Batman kann sich jeden heißen Scheiß leisten und damit sein technisches Arsenal verbessern – haben die X-Men aus dem Marvel Universum sehr wohl Superkräfte. Ihre Daseinsberechtigung folgt einer inneren Logik, die, wenn man sie akzeptieren mag, auch diese Comicreihe in einem gewissen Realismus leben lässt: es gibt Menschen und es gibt Mutanten. Die Mutanten habe eine bestimmte Eigenschaft. Sie können fliegen, sich teleportieren, ein Element beherrschen oder Telepathen sein. Sie sind klassifiziert nach diesen Kräften. Und die können gigantisch sein.

Die X-Men sind innerhalb dieser Mutanten eine besondere Gruppe. Sie haben sich zusammengeschlossen, um eine friedliche Koexistenz mit den Menschen zu garantieren und kämpfen daher für sie und mit ihnen gegen die Mutanten, die in der Menschheit eine aussterbende Spezies sehen. Auch bei den Menschen gibt es Individuen, die die Mutanten loswerden wollen und sie bestenfalls für Gen-Experimente missbrauchen. Hinter diesen jeweiligen Gruppen stehen zwei besondere Anführer. Professor Charles Xavier ist Kopf der X-Men. Als Professor für Genetik ist er selbst ein mächtiger Mutant, der als Telepath alle Menschen und alle Mutanten der Welt erreichen kann. Sein Gegenstück ist “Magneto”, eigentlich Eric Lensherr, dessen Biografie sehr tragisch und dramatisch abläzft. Als Junge wird er Opfer der Nazis, die seine Kräfte missbrauchen wollen. Er verliert seine Eltern und später auch seine Familie, als er versucht, seine besonderen Kräfte zu ignorieren: er kann Metall manipulieren und als Waffe einsetzen. Der Idealismus von Xavier und der von Rache und Enttäuschung getriebene Magneto – das sind die beiden Pole, zwischen denen die X-Men wandern.

Ich möchte hier exemplarisch den ersten Band der “Die neuen X-Men – Gestern und Heute” vorstellen. Ich kann allerdings diesen Band und diese Reihe nicht genau einordnen. Vielleicht findet sich unter den Leserinnen und Lesern des Kultur-Magazins jemand, der sich auskennt und in den Kommentaren für Klarheit sorgen mag. Es gibt nämlich noch eine weitere Reihe die sich “Neustart” nennt und ebenfalls Geschichten der X-Men umfasst. Diese hier vorgestellte Reihe ist ein wenig an den Film “Gegenwart ist Vergangenheit” angelehnt, allerdings ist es Hank McCoy (alias “Beast”) der in die Vergangenheit reist und es ist Scott Summers alias “Cyclops”, der die Position von Magneto eingenommen hat. Xavier und Lensherr sind tot. Es wirkt wie eine Zeitreise basierend auf dem Ende der eigentlichen “X-Men” Filmtrilogie. Die X-Men einer düsteren Zukunft versuchen die Zeitlinie zugunsten einer besseren Zukunft zu verändern und suchen die Hilfe ihrer jüngeren Ichs. Was hier auffällt ist die Verbindung zu anderen Comicreihen, die bei den X-Men der Verfilmungen so nicht auftaucht. Während Iron Man zu den Avengers gehört, gibt es zwischen “X-Men” und den anderen Reihen eigentlich keine Verbindungen. Das ist in dieser Reihe anders. Hier werden Tony Stark (Iron Man) und auch Reed Richards (Fantastic Four) erwähnt. Wie also diese Reihe verglichen mit den “klassischen” X-Men zu lesen ist, kann ich im Moment noch nicht sagen. Ich werde mich aber auch der “Neustart-Reihe” bei Gelegenheit widmen und mir dort einen Einblick verschaffen.

Fazit

Vergleiche ich die X-Men mit “Arkham Asylum” so ist das schon eine andere Art von Comic. Ich glaube dieser Vergleich würde passen: “Arkham Asylum” entspricht “Schweigen der Lämmer” und X-Men entspricht “Matrix” – beides spannende Unterhaltung mit einem düsteren Background. Das eine psychologisch tiefgründig morbide, das andere Science-Fiction orientiert und realistisch wenn man die Grundprämisse akzeptiert. Das ist etwas, zu dem man generell bereit sein muss. Wer Comics als bunte dumme Bildchen und als Zeitverschwendung ansieht, wird mit meinen Ausführungen hier nichts anfangen können. Wer aber sowieso die Comicverfilmungen mag, der wird an dieser Art Comics – das gilt für beide hier vorgestellten Werke gleichermaßen – sein Freude haben. Ähnlich wie die Faszination, die man als Kind empfunden hat, ist es jetzt auch ein künstlerisches Vergleichen. Man kann fast eine gewissen Zeitlosigkeit, eine die Biografie begleitende Affinität erkennen. Die gipfelt in der Frage, wo ich zum Beispiel diesen Artikel einordnen soll – welche Rubrik passt zu diesem Artikel? Liest man Comics, dann ist es Literatur. Schaut man sich Comics an, dann ist es etwas Visuelles. Oder sind diese Ausführungen, mit denen der Nerd eine Brücke von seiner Jugend in die Gegenwart baut gar ein “Essay”. Gar nicht so einfach. Vielleicht schauen Sie sich mal die Batman Trilogie an und lesen “Arkham Asylum”. Oder die neuen X-Men Filme. Es ist ein grandioser Zeitvertreib, der Horizonte öffnet. Und dafür gibt es letztlich nur eine Bezeichnung: Kultur.