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Literarische Klassiker – Teil 1

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Sie möchten eigentlich viel mehr lesen und wissen nicht, wo Sie anfangen sollen? Wir stellen Ihnen in diesem Artikel einige Klassiker vor, die absolut lesenswert sind. Sie werden feststellen, dass viele der Bücher noch gar nicht so alt sind. Aber doch sind es Klassiker. Wie etwa “Vaterland” von Robert Harris. Ein Thriller, der Maßstäbe gesetzt hat und für viele aktuelle Bücher und Autoren dieses Genres Vorbild sein dürfte.

Es sind aber auch biografische Texte dabei. Die Tagebücher des Kurt Cobain, die zwischen genialen Einfällen, Depression und Unsinn wandeln. Oder der Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und ihrem Verlobten an der Ostfront. Sie entschließt sich zum Widerstand, aber dem Mann, den sie liebt, darf sie in der kontrollierten Feldpost nur andeutungsweise mitteilen, was sie denkt.

Und sie sollten die Geschichte von Christopher McCandless kennen lernen – eine erfolgreiche berufliche Laufbahn vor Augen entschließt er sich, seine Ausweispapiere und sein Geld zu verbrennen und einen Traum von unabhängigem Leben in der Natur Realität werden zu lassen …

 

Robert Harris VaterlandROBERT HARRIS – VATERLAND, erschienen 1992

Robert Harris ist mittlerweile einer der größten Thriller-Autoren der Gegenwart. Mit seiner Mischung aus historischen Fakten und Fiktion sind seine Bücher ein eigenes Sub-Genre. VATERLAND war sein erster Welterfolg und ist bis heute unerreicht.
Die Geschichte spielt im April 1964. Deutschland hat den 2. Weltkrieg gewonnen und GERMANIA, die Reichshauptsstadt macht sich für den 75. Geburtstag Hitlers bereit. Der amerikanische Präsident Joseph Kennedy hat seinen Besuch angekündigt, um einen Friedensvertrag mit dem Deutschen Reich zu unterzeichnen. Wenige Tage zuvor findet der Berliner Kriminalkommissar Xaver März die Leiche eines hohen SS-Funktionärs. Er war der letzte Überlebende der “Wannseekonferenz”. Und bisher wusste die Welt nicht, was auf dieser Konferenz beschlossen worden war … .
Ein Thriller, der Maßstäbe setzt.

 

 

Kurt Cobain TagebücherKurt Cobain TAGEBÜCHER, erschienen 2002.

“Das hier sollte nicht ernst genommen werden.
Das hier sollte nicht als Meinungsäußerung gelesen werden.
Das hier sollte als Poesie verstanden werden.”

Wie auch seine Songtexte selbstverständlich als Poesie durchgehen könnten, so auch die Tagebücher von Cobain. Sie sind hingerotzter Zeitgeist. Es sind keine “Bücher” sondern Notizhefte, die als Faksimile mit abgedruckt sind.
Cobain ist mit der Zeit, in der er lebt, schlichtweg nicht einverstanden. Ressentiments, falsche Schwerpunktsetzung, zu wenig Auflehnung gegen die Elterngeneration. Cobain sagt von seinen Eltern, dass er sie über alles liebt, obwohl es nichts gibt, in dem er mit ihnen übereinstimmt.
Aus diesem Dilemma, aus diesem Hass an den Zeitgeist, der sich kaum ikonifiziert, der für Cobain kein Gesicht hat, entstehen diese Notizen – aus vielen dieser Gedanken entwickeln sich die Songtexte, die eine ganze Generation beeinflusst haben.
Eine Mischung aus Poesie und dokumentiertem Zeitgeist. In Verbindung mit der Musik von Nirvana eine teuflisch gute Dokumentation.
Ich für meinen Teil mag von Cobain heute nur noch die Musik. Die Tagebücher zeigen einen Reifeprozess, der bei Cobain niemals einen Abschluss gefunden hätte. Als Künstler ein Genie, als Mensch ein Idiot. Zu diesem einfachen aber faszinierendem Urteil führen diese Tagebücher.

 

Sophie Scholl Fritz HartnagelSophie Scholl / Fritz Hartnagel – DAMIT WIR UNS NICHT VERLIEREN – Briefwechsel 1937-1943, erschienen 2005.

“Als gestern der Russe ein recht heftiges Feuer auf unsere Stellungen legte und ringsherum der Kriegslärm tobte, saß plötzlich ein Vöglein am Rande meines Schützenlochs und piepste vergnügt, als ob sich darum gar nicht kümmern würde. Ich weiß nicht was mich dazu bewegte in diesem Moment so sicher anzunehmen, dass dies nur ein Gruß von Dir sein könnte.”

Das schreibt der Oberleutnant Fritz Hartnagel am 09.12.1942 in der Nähe von Stalingrad an seine Freundin zu Hause, die jungen Studentin Sofie Scholl. Bis März 1943 bleibt er in Stalingrad und wird mit Erfrierungen mit einem der letzten Flugzeuge ausgeflogen.
Hartnagel hat sich immer gegen eine Veröffentlichung dieser Briefe gewehrt. Er wollte sich nie im Ruhm der “Weissen Rose” sonnen – er sei schließlich selbst nicht im Widerstand gewesen, hat sich aber nach dem Tod der Geschwister Scholl bis zu seinem Tod 2001 für einem ihm eigenen, sehr bodenständigen Pazifismus engagiert. Eine Lesung dieser Briefe, die im Besitz seine Ehefrau, Elisabeth Scholl, eine Schwester von Sophie Scholl sind, anlässlich des 60. Jahrestag der Hinrichtung der Geschwister Scholl, hat dann doch zu einer Veröffentlichung geführt. Was für ein Glück für die Nachwelt.
Die Briefe haben durch die Kenntnis von uns Nachgeborenen einen besonderen Wert. Sophie Scholl durfte niemals ihren Verlobten in Gefahr bringen – Fritz Hartnagel ahnte bis zuletzt nichts von ihrer Zivilcourage. Auch die Berichte, die von der Ostfront kamen, zeigten niemals die ganz Bandbreite des Grauens dort, denn die Feldpost wurde stark zensiert.

Dennoch lässt sich an der Tiefe der Worte erkennen, was zwischen den Zeilen ungeschrieben bleiben musste. Besonders im Hinblick auf das Schicksal dieser beeindruckenden jungen Frau.

“So hart und schrecklich diese Tage sind, sie machen mich frei von irdischen Wünschen.” – (Fritz Hartnagel)

“Du weißt, wie schwer ein Menschenleben wiegt, und man muss wissen, wofür man es in die Waagschale wirft.” – (Sophie Scholl)

Sofies WeltJostein Gaarder – SOPHIES WELT, erschienen 1991.

Das erfolgreichste Buch der Nachkriegszeit in Europa. Gaarder, der jahrelang als Autor von seiner Frau durchgefüttert wurde und die immer an den literarischen Durchbruch geglaubt hat, legt mit dieser als Kinderbuch konzipierten Geschichte einen umfassenden Einstieg in die Philosophiegeschichte vor. Als Einstieg ins wahrhaftige Denken ebenso geeignet, wie als tatsächliches Kinderbuch. Das Buch sollte Pflichtlektüre an jeder Schule sein.

Es ist ein einzigartiges Buch. Auch wenn alle nachfolgenden Bücher von Gaarder immer in den Bestsellerlisten aufgetaucht sind, so ist so ein Jahrhundertwerk ist einzigartig. 45 Millionen mal verkauft und in 65 Sprachen übersetzt ist dies zwar ein Kinder- oder Jugendbuch. Aber wer die wichtigsten Stationen der Philosphiegeschichte einfach erklärt haben möchte, findet hier den perfekten Einstieg. Es könnte am Anfang jeder Lesereise in die Philosophie stehen.

 

Ausweitung der KampfzoneMichel Houellebecq – AUSWEITUNG DER KAMPFZONE, erschienen 1994.

Mit Abstand das bedeutendste Buch der letzten Jahre. Houellebecq, leider immer wieder auf sein Buch ELEMENTARTEILCHEN reduziert, ist ein großer Romancier, der literarische Chronist unserer Zeit.
Zwei Männer in einer Midlife-Crisis, lebend in einer stereotypen Welt, in einer Tretmühle, reflektieren ihr Dasein, reflektieren ihre Welt, ihre Triebe, ihre Wirkung auf Frauen. Und wir, die Leser, finden uns wieder. Wir leben nur Möglichkeiten um Möglichkeiten zu haben. Wir erweitern unsere Kampfzone, aber wir kämpfen nicht.

Die permanente Jagd des Menschen nach Bedeutung und nach Selbstoptimierung wird hier der nackten Realität ausgesetzt. Ein Spiegel der Zeit, Absatz für Absatz Momente, in denen sich jeder Mensch wiederfinden kann.

 

Into The WildJon Krakauer – INTO THE WILD, erschienen 1996

Der Journalist Jon Krakauer liest 1992 per Zufall eine Randnotiz in einer Zeitung über den Fund einer Leiche eines jungen Mannes in der Wildnis von Alaska. Er beginnt zu recherchieren und findet die Story seines Lebens. Christopher McCandless war ein junger Mann, den es radikal in die Wildnis zog. Er spendete sein Vermögen, brach alle Kontakte ab, vernichtete seine Ausweispapiere und zog durch ganz Amerika. Im Kanu durch den Grand Canyon, als Holzfäller im Norden und schließlich, als Ziel seiner Reise, ein einsames und abgeschiedenes Leben in Alaska. Seine Naivität und Fahrlässigkeit kosten ihm 1992 das Leben.
Krakauer, freier Journalist und Autor, zeichnet die Reise von McCandless nach und begibt sich auf eine detaillierte Spurensuche. Das Buch war Vorlage für den tollen gleichnamigen Film, bei dem Sean Penn Regie führte und Eddie Vedder (Pearl Jam) den Soundtrack beisteuerte.

 

 

Die verlorene Ehre der Katharina BlumHeinrich Böll – DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM, erschienen 1974

Im Januar 1972 hatte Böll für den SPIEGEL einen Essay geschrieben, der wohl in der Geschichte des Nachrichtenmagazins einmalig war. “Will Ulrike Meinhof Gnade oder Freies Geleit” war der Titel. Es ging um die Baader-Meinhof Bande bzw. um den deutschen Boulevardjournalismus der BILD-Zeitung, den Böll wegen dummer Vorverurteilungen von Menschen massiv angreift. Spätestens seit den Recherchen von Günter Wallraff wissen wir, wie Recht er hatte.
Die Folge waren Drohungen gegen Böll. Ein anderer Kölner, der ebenfalls Heinrich Böll hieß, mit dem Schriftsteller aber nicht gemeinsam hatte, brauchte Polizeischutz.
Um zu illustrieren, wie sehr die Rufmord-Kampagnen einer Zeitung einen Menschen zerstören können, erfindet Böll die dokumentarische Geschichte der Katharina Blum, die einen One-Night-Stand mit einem ihr nicht bekannten Terroristen hat und so in das Fadenkreuz der Medien gerät. Nicht nur ihr Leben, das Leben einer völlig unpolitischen Person, ein Mauerblümchen, sondern auch das der Menschen in ihrem nächsten Umfeld wird beeinträchtigt oder gar zerstört. Am Ende verliert die Blum ihre Ehre und begeht einen Mord. Einen Mord, den man sich als Leser geradezu herbeisehnt.
Eine minutiös zusammengetragene dokumentarische Geschichte, bei der wirklich jeder Handlungsstrang in den anderen greift und auch die kleinsten Puzzleteile ein tief verwobenes Gesamtbild ergeben. Eine mutige Geschichte, die sicher auch den Ausschlag für den Nobelpreis für Böll geliefert hat.

 

 

 

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