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Literarische Klassiker – Teil 2

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Im zweiten Teil unserer Literaturklassiker liegt der Schwerpunkt auf historischen Büchern. Neben dem erfolgreichsten deutschsprachigen Buch der Nachkriegszeit liegt der Fokus in den 70er Jahren. Die Studentenbewegung radikalisiert sich und das Land taumelt in den Terror der RAF. Der Journalist Stefan Aust hat hierzu mit “Der Baader-Meinhof-Komplex” das Referenzwerk dieser Zeit geschrieben. Es liefert chronologisch alle Hintergründe, die man allerdings mit den Details seit der Wiedervereinigung ergänzen müsste.

Einer der Gründe für den Protest in den 70er Jahren war sicher die fehlende Aufarbeitung der Deutschen Vergangenheit. Ein Meilenstein dafür ist die HITLER Biografie von Joachim Fest, die nicht unumstritten war, aber sprachlich und didaktisch ein echtes Meisterwerk ist. Ein absoluter Lesegenuss, der ebenso viele Fragen beantwortet, wie er neue Fragen aufwirft.

 

Douglas Coupland Amercian PolaroidsDouglas Coupland – AMERIKANISCHE POLAROIDS, erschienen 1996.

Kurt Cobain hat sich im März 1994 eine Überdosis gesetzt. Aber er überlebt. Und er geht in eine Entzugsklinik. Ein junger Amerikaner ist erleichtert, ist Cobain doch eine Ikone, ein Vorbild für ihn. Er schreibt ihm einen Brief und ist dankbar dafür, dass Cobain sich ändern will.
Der Leser aber, der in den 90er Jahren erwachsen wurde, weiß, wie die Geschichte ausgeht. Cobain flieht wenige Tage später aus der Entzugsklinik und bringt sich um. Nur eine Geschichte von vielen. Coupland nennt sie “Reportagen”. Er fängt den amerikanischen Zeitgeist ein. Es ist das Begleitwerk zu “Generation X”.

 

 

Patrick Süskind - Das ParfümPatrick Süskind – DAS PARFÜM, erschienen 1985

Es ist das erfolgreichste Buch eines deutschsprachigen Autors nach dem Zweiten Weltkrieg. Patrick Süskind, Sohn eines angesehenen Germanisten, hatte zunächst “Der Kontrabass” veröffentlicht. Ein Ein-Mann Theaterstück – bis heute das meist aufgeführte Theaterstück auf deutschen Bühnen. Sein Romandebut wurde belächelt und zunächst mit einigem Wohlwollen besprochen. Dann aber wurde es zum Selbstläufer, der jahrelang auf den Bestsellerlisten stand.
Jean Baptiste Grenouille, in die Gosse Mitte des 18. Jahrhunderts hineingeboren, hat ein besonderes Talent: er hat die sensibelste Nase, die je ein Mensch gehabt hat. Er kann die Nuancen von Parfums erriechen, ihre Zusammensetzung, aber er kann auch die Gerüche des Alltags exakt auseinanderhalten. Seine Schwäche für junge, schöne Frauen machen ihn zum Mörder. Denn er ist auf der Suche nach dem perfekten Parfum.
Süskind kann unglaublich spannend und treffend erzählen. Auch die wenigen anderen Werke des Autors oder seine Drehbücher (“Kir Royal”, “Monaco Franze”) zeugen vom unglaublichen erzählerischen Talent. Mit dem Welterfolg “Das Parfum” hat er ausgesorgt – vielleicht geniesst Süskind das Leben lieber, anstatt noch mehr zu schreiben.

 

Baader Meinhof KomplexStefan Aust – DER BAADER-MEINHOF KOMPLEX, erschienen 1985

Stefan Aust, Chefredakteur von so unterschiedlichen Blätter wie “St. Pauli Nachrichten” und “Der SPIEGEL” war mittendrin im heissen Herbst. Er kannte Ulrike Meinhof, war sogar an der Rückführung ihrer beiden Töchter nach Deutschland mit beteiligt.
Die Beschäftigung mit der Baader-Meinhof Bande, aus der später die RAF entstanden ist, wird zu seinem “opus magnum”. Der BAADER-MEINHOF-KOMPLEX ist ein detaillierter Abriss der Geschichte der RAF, Grundlage für so viele Dokumentationen und dem gleichnamigen Spielfilm von Bernd Eichinger.
Wer sich als Kind nach an die ausgehenden 70er Jahre erinnern kann, der wird hier erfahren, warum sich viele Dinge genau so zugetragen haben. Einziges Manko dieses Buches: viele Dinge, besonders in Bezug auf Vermutungen zu Tatbeteiligten (Wer hat Schleyer erschossen?) gründen auf den Angaben des Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock, der nachweislich gelogen hat und dem sämtliche seiner Mitstreiter Geltungssucht unterstellen. Dennoch ist dieses Buch ein Echolot der BRD mit vielen Fakten, die die Radikalisierung junger Menschen ausgehend vom Mord an Benno Ohnesorg, beschreiben.

 

DürrenmattFriedrich Dürrenmatt – DER RICHTER UND SEIN HENKER / DER VERDACHT, erschienen 1950/51

Das sind die beiden Kriminalromane mit dem todkranken Kommissar Bärlach. Ich musste “Der Richter und sein Henker” in der Schule lesen und habe es gehasst. Dann habe ich den Roman noch mal gelesen, sehr viel später, die Verfilmung gesehen, die Fortsetzung mit den Titel “Der Verdacht” und schließlich viele andere Bücher von Dürrenmatt. Ein scharfsinniger Denker, der ganze Passagen weglässt und dem Leser die Schlussfolgerungen überlässt. Wir wissen, wie der Richter Bärlach seinen Henker Tschanz überführt hat, auch wenn Dürrenmatt es gar nicht erwähnt.
Ich vertrete ja die These, dass noch nie ein gutes Buch deswegen geschrieben wurde, weil sein Autor damit Geld verdienen wollte. “Der Richter und seine Henker” ist die einzige Ausnahme, die diese Regel bestätigt. Dürrenmatt hat die Geschichte in acht Folgen in einer schweizerischen Zeitung veröffentlicht, nicht ahnend, dass dies mal ganz große Weltliteratur werden würde.
Dürrenmatt nannte sich selbst einen “Gedankenschlosser” – sein Schreiben ist akribisches Handwerk, spannend noch dazu. Mit den Geschichten um den Kommissar Bärlach hat er die Referenzwerke für gelungene Kriminalromane geschrieben.

 

Der SteppenwolfHermann Hesse – DER STEPPENWOLF, erschienen 1927

Vermutlich gibt es kaum ein Buch, bei dem sich so viele Menschen wieder erkennen. Das Traktat des Steppenwolfs beschreibt den Menschen, als einsam suchendes Individuum. Die Gedanken, die einen jeden von uns umtreiben, sind in diesem Klassiker gebündelt vereint. Aber nicht philosophisch hochtrabend oder schwer zugänglich – im Gegenteil. Von Hesse kann man alles einfach herunterlesen.
Ich habe Hesse mal als besten Kompromiss zwischen Unterhaltung und Tiefgründigkeit bezeichnet. Neben “Homo Faber” von Max Frisch und “Stoner” von John Williams gibt es eben nur noch den Steppenwolf, der uns den allgemein gültigen existenziellen Fragen des einfachen Menschen näher bringt. Wer diese drei Bücher nicht kennt, der wird das Menschsein niemals wirklich begreifen…

 

 

Briefe an SartreSimone De Beauvoir – BRIEFE AN SARTRE (1930-1939), erschienen 1997.

Eigentlich sollte dieser Briefwechsel bereits kurz nach Sartres Tod Anfang der 80er Jahren unter der Regie von Simone de Beauvoir erscheinen. Das geschah aber nicht, weil Beauvoir ihre Briefe an Sarte nicht mehr finden konnte und vermutete, sie seien bei einem Brand vernichtet worden. Erst bei einem Umzug fand die letzte Lebensgefährtin von Beauvoir die Briefe und sie wurden so erst in den 90er Jahren veröffentlicht.
Was erzählt uns die Korrespondenz der Wegbereiterin des Feminismus und des vielleicht wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts? – In diesem Fall ist der Briefwechsel einseitig (einen Band mit den passenden Briefen Sartres gibt es ebenfalls) und zeigt viel Banales, Alltägliches. Aber ab und an offenbaren sich ganz neue Wesentlichkeiten der Feministin. Und die haben es in sich.
Die Briefe werfen ein ganz neues Licht auf die Feministin. Wenn Sie Sartre “Kleines, liebes Geschöpf” nennt und Sartre wohl der Einzige für sie war, der die für Frauen so typische, aber für die Feministin untypische Seite zum Vorschein bringt: “… meine Liebe zu ihnen hat alles verwüstet … ein richtiger Feuerstoß …”
Ich bin sicher: ohne Sartre hätte Beauvoir niemals ihr Werk erschaffen können. Und die zentralen Thesen des Feminismus sollten im Kontext dieser Briefe endlich mal neu bewertet werden. Vielleicht werden sich viel mehr Frauen ihrer eigentlichen Weiblichkeit bewusst und leugnen nicht mehr länger biologische Bestimmungen.

 

Joachim Fest HitlerJoachim Fest – HITLER – Die Biographie, erschienen 1973

Deutschland Anfang der 70er Jahre. Die Republik erholt sich von den Studentenunruhen. Die Jugend aber begehrt weiter auf und will die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Bahnbrechend für die intellektuelle Aufarbeitung ist der Bestseller “Hitler” der Historikers Joachim Fest.
Das Buch ist eine Mischung aus Biographie, Soziogramm und Geschichtsbuch. Ein sprachlich unerreichter Geniestreich, der es tatsächlich schafft, selbst für Nachgeborenen, die Person “Hitler” aus der Verwobenheit von Tatsachen und Mythos heraus zu schälen. Ein Lesegenuss sondergleichen. Jede Biographie, die sich an diesem Maßstab orientiert und ihn auch nur ansatzweise erreicht, wird zu einem Referenzwerk.
Die Biographie war monatelang auf den Bestsellerlisten. Sie war Grundlage für den Film “Der Untergang” und machte Fest zu einem gefragtesten Historiker der Republik.

 

 

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