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Die neuesten Beiträge. Die besonderen Beiträge im Kultur-Magazin.

Pressemitteilung: PEN fordert Lesepakt

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News

Zum Jahrestag der „Hamburger Erklärung“ am 15. August wiederholt der deutsche PEN die Forderung nach einem „Lesepakt“ und einem breiten gesellschaftlichen Bündnis vieler Akteure in Bildung, Kultur, Gesundheitswesen, Wirtschaft und Politik zur Förderung der Lesefähigkeit unserer Kinder.

Dass knapp ein Fünftel der Zehnjährigen in Deutschland nicht so lesen kann, dass der Text zugleich auch verstanden wird, und dass Deutschland im internationalen Vergleich unter dem EU- wie auch dem OECD-Durchschnitt liegt, ist ein Skandal, der nicht hingenommen werden darf. Hier sind alle aufgerufen gegenzusteuern, denen die Zukunft unseres Landes und der Zusammenhalt unserer Gesellschaft am Herzen liegen. Es gefährdet die Demokratie, wenn ein beträchtlicher Teil der Bürger nur noch unzureichend oder gar nicht mehr sinnentnehmend lesen und somit gar nicht oder nur unzureichend mitreden kann.

Ob eine Aktion wie die der Stiftung Lesen, die zum Weltkindertag am 20. September gemeinsam mit Amazon, Thalia und Hugendubel 1 Million Märchenbücher verschenken will, wirklich dem Ziel der Leseförderung dient, mag freilich bezweifelt werden.

Hierzu sagte PEN-Präsidentin Regula Venske, die zu den Erstunterzeichnerinnen der von PEN-Mitglied Kirsten Boie initiierten und am 15.8.2018 veröffentlichten „Hamburger Erklärung“ zählt und die Erklärung mit 110.000 weiteren Unterschriften gemeinsam mit Kirsten Boie sowie Vertretern des Börsenvereins des deutschen Buchhandels am 6.12.2018 in Berlin an Bundesbildungsministerin Anja Karliczek und den Präsidenten der Kultusministerkonferenz überreichte:

„Wer ernsthaft Leseförderung betreiben will, muss die betroffenen Kinder und ihre Familien dort abholen, wo sie sind. Dazu ist viel Hingabe im Kleinen notwendig, in Kitas und Schulen, in Stadtteilbibliotheken oder Buchhandlungen in manchmal schwierigem Umfeld, die derzeit massiv gegen drohende Schließungen kämpfen müssen, nicht zuletzt dank der Konkurrenz der großen Akteure, mit denen die Stiftung Lesen jetzt kooperiert. Die Kollegin Kirsten Boie moniert zurecht, dass die kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen, die sich für Lesefeste und -nächte einsetzen, Vorlesewettbewerbe veranstalten und ein zielgerichtetes Angebot machen, mit dem sie die Kinder persönlich und altersgerecht ansprechen, in diese Aktion nicht einbezogen worden sind (siehe ZEIT vom 1.8.2019). So stellt sich die Aktion der Stiftung Lesen vor allem als PR- und Marketing-Aktion von Amazon, Hugendubel und Thalia dar. Es wäre besser gewesen, wenn die Stiftung Lesen und ihre Mitstreiter den Betrag, den sie für diese Aktion aufgewandt haben, solchen Projekten zur Verfügung gestellt hätten, die sich längst in der Leseförderung engagieren und denen es in der Regel an Geld fehlt! Und noch etwas: Dass der Etat für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2020 um 533 Millionen gekürzt werden soll und dass bis 2023 sogar ein Minus von 2,3 Milliarden Euro geplant wird, muss in diesem Zusammenhang hochgradig empören.“

Bisher unveröffentlichte Manuskripte von Franz Kafka vorgestellt

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Franz Kafka

Was für ein sensationeller Festtag für alle Kafka-Freunde! Das Ende eines jahrelangen Rechtsstreites um einen Teil des Nachlasses von Franz Kafka, hat endlich zu sichtbaren Ergebnissen geführt. Die Nationalbibliothek in Israel hat die ersten Fotos von Manuskripten, Zeichnungen und Korrespondenz von Kafka, bisher verborgen in einem Bankschließfach in Zürich, veröffentlicht. Bis Ende des Jahres soll alles im Internet katalogisiert verfügbar sein. Insbesondere die kleinen Zeichnungen, oftmals nicht mehr als Kritzeleien, sind sehr aufschlussreich.

Franz KafkaUpdate: Als Antwort auf meine Anfrage bei der Israelischen Nationalbibliothek haben wir einige Bilder der Manuskripte erhalten und auch die Erlaubnis, diese veröffentlichen zu dürfen. Der Artikel wurde daher mit einigen Fotos ergänzt. Ein ganz herzliches Dankeschön an die Nationalbibliothek in Jerusalem! 

Der Kampf um das Erbe von Kafka gleicht einem Krimi. Eigentlich sollte Max Brod, bester Freund von Franz Kafka, den gesamten Nachlass verbrennen, was dieser nicht getan hat. Viele Manuskripte, die heute zur Weltliteratur zählen, wurden so überhaupt erst veröffentlicht. Die Originale, sowie einige unveröffentlichte Texte, blieben bei Max Brod. Brod selbst blieb kinderlos und vermachte den gesamten Nachlass seiner Sekretärin Ester Hoffe. Deren Erbinnen wiederum, hielten die Manuskripte in Privatwohnungen unter Verschluss, in denen aus diesem Grund des öfteren eingebrochen wurde. Denn spätestens seit 1988, das Jahr in dem das Original-Manuskript von “Der Prozess” bei Sothebys versteigert wurde (heute ist das Manuskript im Besitz des Literaturarchivs in Marbach), wusste die Öffentlichkeit: da ist noch mehr. Wie viel verschwunden ist oder anderweitig verkauft wurde – darüber gibt es nur Spekulationen. Fakt ist, dass immer mal wieder Manuskripte auftauchten, weil die Hoffe-Töchter diese zu Geld machen wollten.

Franz Kafka - Manuskripte1
Unverkennbar die Handschrift von Franz Kafka. Einige der vielen Seiten, die jetzt aus einem Züricher Bankschließfach geholt wurden. Mit freundlicher Genehmigung (c) Israelische Nationalbibliothek.

Die Hoffe Töchter wollten dann 2008 den weiteren Nachlass ebenfalls nach Marbach verkaufen, woraufhin sich aber der Staat Israel einschaltete. Es ging schlicht um die Frage: Wem gehört Kafka? Kafka war Jude, wobei dieser Aspekt in seiner Literatur kaum zur Geltung kommt, er lebte in Prag und schrieb in Deutsch. In Prag gibt es bereits einige Manuskripte, Museen und Pilgerstätten, Deutschland besitzt mit dem “Prozess Manuskript” bereits einen wichtigen Teil aus dem Nachlass und es ist eigentlich nur gerecht, dass “der Rest” jetzt in Israel bleibt. Zumal der Nachlass für die Öffentlichkeit im Internet zugänglich sein wird. Jetzt wurden zunächst nur ein paar Fotos veröffentlicht, die auf einer Pressekonferenz gemacht wurden – es ist von tausenden Seiten die Rede, viele Briefe, Skizzen und u.a. drei verschiedene Varianten der Geschichte “Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande”.

Frank Kafka - Zeichnungen
Der Nachlass zeigt eine ganze Reihe von Zeichnungen Kafkas. Bisher waren nur wenige Zeichnungen von ihm bekannt. Die Ähnlichkeit mit diesen bekannten Zeichnungen ist offensichtlich. Mit freundlicher Genehmigung (c) Israelische Nationalbibliothek.

 

Franz Kafka Signature

Etwas sensationell Neues – also ein gänzlich neues Manuskript oder ein Theaterstück, an dem Kafka gearbeitet haben soll – ist nicht zu erwarten. Es soll jedoch einige autobiografische Notizen geben. Und auch die Korrespondenz dürfte interessant sein. Viele Aspekte des Kafakaesken haben sich nach dem Tod des Autor durch die Tagebücher und die Briefe ergeben. Das könnte auch diesmal der Fall sein.

Kafka Manuskripte
Bei diesen Seiten handelt es sich um eine Maschinenschrift des “Brief an den Vater”. Die Originalhandschrift ist bereits seit längerem im Besitz des Literaturarchivs in Marbach, ebenso wie das Manuskript zu “Der Prozess” und zahlreiche Brief Kafkas. Mit freundlicher Genehmigung (c) Israelische Nationalbibliothek.

Es stellen sich jedoch einige wichtige Fragen, die auch heute noch unbeantwortet sind. Vielleicht erfahren wir in den nächsten Wochen und Monaten mehr. So ist zum Beispiel nicht klar, an welchen längeren Texten Kafka nach “Der Prozess” geschrieben hat. Dass er aber literarisch aktiv war, ist bekannt – nur die Ergebnisse fehlen, sind verschollen oder verteilen sich in diesen tausenden Seiten. Man muss außerdem bedenken, dass diese vielen Seiten nicht direkt der Nachlass von Kafka sind, sondern der Nachlass von Max Brod. Wie viele der Seiten gänzlich Kafka zugeschrieben werden können, wird die Auswertung zeigen.

Kafka Manuskripte
Weitere Dokumente aus dem Nachlass. Dies ist aber offensichtlich nicht die Handschrift von Franz Kafka. Vermutlich handelt es sich hier um ergänzende Texte von Max Brod. Mit freundlicher Genehmigung (c) Israelische Nationalbibliothek.

Das Kultur-Magazin wird sie zu diesem Thema auf dem Laufenden halten.

Das nachfolgende Video wurde auf der Pressekonferenz gedreht und zeigt einige der Manuskripte. Man erkennt sofort die typische Handschrift von Franz Kafka.

Hier noch einige Links mit weiteren Infos und Fotos. Jedem Kafka-Kenner geht da das Herz auf … .

Hintergrundinfos bei den Kollegen von SPIEGEL.DE

Bisher unbekannte Zeichnungen von Franz Kafka

Das blaue Notizbuch

 

 

D.A. Pennebaker (1925-2019)

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D.A. Pennebaker
Foto: David Shankbone

Einer der wichtigsten Dokumentarfilmer der Gegenwart ist im Alter von 94 Jahren am 1. August gestorben: Donn Alan Pennebaker. Schon seit den 50er Jahren war er im Filmgeschäft. Er hat die Kennedys porträtiert und für die wohl einflussreichsten Musiker-Dokumentationen der letzten Jahrzehnte gesorgt.

“Ich kannte nicht viel von Dylan”, hat er mal in einem Interview gesagt und drehte mit und über ihn im Jahr 1967 einen seiner wichtigsten Filme – “Don´t Look Back”. Er erweckt “Ziggy Stardust” zum Leben, verewigt Jimi Hendrix, Suzanne Vega, Alice Cooper oder Jerry Lee Lewis. Auch mit Marius Müller Westernhagen hat er zusammen gearbeitet.

Eine der wohl bekanntesten von Pennebaker gedrehten Szenen

1988 bekommt er einen Anruf und wird gefragt, ob er einen Dokumentarfilm über Depeche Mode machen möchte – “Depeche Mode – Was ist das?”, soll er gefragt haben. Er dreht “101” einen Dokumentarfilm, bei dem das Casting von Depeche Mode Fans gezeigt wird, die den Abschluss der “Music For The Masses” Tour der Briten begleiten sollen. Der Dokumentarfilm selbst hat erst nach Jahren und einer Wiederveröffentlichung auf DVD echten Kultstatus erreicht – das gefilmte Konzert in der Pasadena Rose Bowl ist bis heute das größte Live-Highlight der Band.

Depeche Mode – Aus dem Film “101” – Beginn des legendären Konzerts in der Pasadena Rose Bowl

In den letzten Jahren hat er einige seiner Filme neu aufgelegt und technisch auf den neuesten Stand gebracht. Seit den 80er Jahren immer dabei – seine Ehefrau Chris Hegedus.

Nachruf bei den Kollegen von SPIEGEL.DE

Nachruf bei den Kollegen von ZEIT.DE

 

 

Literarische Leckerbissen im August 2019

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Literarische Leckerbissen 2019 08

In unseren “Literarischen Leckerbissen” stellen wir Ihnen besondere, ausgewählte Bücher vor – handverlesen sozusagen. Dabei sind Neuauflagen, Klassiker und hoffentlich ein paar echte Entdeckungen. Bitte klicken Sie auf die Cover oder die Autorenfotos für weitere Informationen.

Backcatalogue

Schlink - Der VorleserBeginnen wir unsere literarischen Leckerbissen im August 2019 mit einigen angekündigten oder bereits erschienenen Büchern. Ein Klassiker – und neben “Das Parfüm” von Patrick Süskind übrigens das erfolgreichste deutschsprachige Buch der Nachkriegszeit – erscheint zum 75. Geburtstag seines Autors als Neuauflage:  “Der Vorleser” von Bernhard Schlink. Unter anderem lesen Sie ein Nachwort von Jürgen Kaube (Herausgeber der FAZ).

Hermann MelvilleDer 200. Geburtstag von Herman Melville wird gleich mit mehreren Neuauflagen gefeiert. Neben dem wohl bekanntesten Werk “Moby Dick” gibt es für Sammler auch neue Editionen von “Billy Budd” (mit einem Essay von Albert Camus) und den “Meistererzählungen”.

Brecht Notizbücher Band 4Wer Faksimiles mag, also exakte Abbildungen eines Tage- oder Notizbuchs mit zusätzlicher Transkription und Erläuterungen, der wird sich den 4. Band der Notizbücher von Bertolt Brecht nicht entgehen lassen dürft. Er umfasst die Zeitspanne 1921-1923. Es ist die Zeit der ersten großen Erfolge von Brecht und auch privater Veränderungen. Brecht geht nach Berlin, er wird Vater … . Das ist sicherlich eine spezielle Serie, geeignet für Brecht-Fans, die das Leben des Autors im Detail nachempfinden wollen.

“Orpheus” Reloaded

Orpheus von Jalih SamalEs gibt literarische Stoffe, die sind zeitlos. Manchmal werden sie in das Hier und Jetzt überführt. Und immer schwingt das Vorurteil mit, etwas Altbackenes, etwas längst Auserzähltes vor sich zu haben.

Nicht so bei dem Roman “Orpheus” von Salih Jamal. Die Geschichte von “Orpheus und Eurydike” ist einer der Klassiker wenn es um unerfüllte Liebe geht. “Orpheus” ist in dem Roman von Salih Jamal jedoch keine Sagengestalt, sondern ein “Rock- und Bluessänger”, der sich mit Nebenjobs über Wasser hält. Er verliebt sich in Nienke, eine Anwältin, die Im Unternehmen seines Großvaters Zeus arbeitet. Der ist wie ein despotischer Patriarch und offensichtlich in einige miese Geschäft verwickelt. Sie können erahnen, in welche Richtung das geht – Salih Jamal transformiert den Klassiker in einen neuzeitlichen Roman, beinahe in einen Thriller. Viele der agierenden Personen in seiner Geschichte haben jeweils ein Pendant aus der Sagenwelt. Aus dem Fährmann “Charon” wird ein Chauffeur und “Hera” ist die intrigante Ehefrau des Zeus.

Jalih SamalMich hat diese Idee ein wenig an den Klassiker “Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui” von Brecht erinnert. Das ist zwar ein Theaterstück und kein Roman – aber auch hier werden deckungsgleiche Figuren übereinander gelegt – dieser literarische Kniff erfordert vor allem eines: sprachliche Präzision. In dem einleitenden Gedicht schreibt der Autor

Wir kämpfen um Seelenheil, Sonderangebote, gegen Störung
jeglicher Art. Wir kämpfen verzweifelt und hart.

Wir kämpfen gegen Krankheit, Kollegen und Krieg.
Um unseren Punkt. Mit Gier für den schmutzigsten Sieg.

Das zielt sehr treffend auf den Zeitgeist. Salih Jamal hat echt Ahnung von seinem Handwerk und beherrscht diese sprachliche Präzision. Auf der Homepage des Autors finden Sie Lese- und Hörproben, die Lust auf mehr machen.

 

Lebenslauf mal anders

LebenslaufDieser Leckerbissen kommt aus dem Bereich Selfpublishing. “Lebenslauf – Kein Wettkampf” von Lutz Balschuweit und ist weder eine Biografie, noch ein Ratgeber und schon gar kein ´Lebenslauf´, wie man meinen könnte – der Autor schildert einen Lebensabschnitt, der erst mit den 40. Lebensjahr beginnt. Das Laufen verändert das Leben, aber auch die Verhaltensweise, die Werte an sich, die Kommunikation – es zeigt, wie eine Affinität im Leben sich auf nicht-sportliche Bereiche ausdehnt und damit eine ganz besondere Form der Motivation bedeutet.

 

Das Glück in der Logik

ParadiesbaumChristiane Killian wiederum findet das Glück in der Logik. Was sich wie ein Widerspruch anhört ist ein für die Philosophen sehr bekannter Gedanke und eine Art “Beiklang” der Deutschen Idealismus. Schon Immanuel Kant hat in der “Kritik der reinen Vernunft” die Verstandeskategorien und letztlich das ethisch-moralische Verhalten des Menschen aus den naturwissenschaftlichen Begebenheiten und den idealen Konstanten “Raum” und “Zeit” abgeleitet.

Christiane Killian geht das sehr viel pragmatischer, greifbarer und individueller an. Sie nutzt einen “Paradiesbaum”, der ausgehend von grundlegenden Fragen zu einer Art Selbstreflexion anregt. Positive Aspekte des eigenen Lebens werden zu Fragen umformuliert, negative Gedanken in positive Affirmationen umgesetzt (die Autorin wandelt diesen Begriff in “Afformation” um). Dieses Prinzip hat etwas individuelles, ist sicherlich eine Bereicherung für jede Persönlichkeitsentwicklung und hat eben – was ich für das Wichtigste halte, da es damit etwas Substanzielles bekommt – eine sehr logische Struktur. Bäume kommen auch in der Mathematik vor, die Grundlagen basieren auf “Theory of Contraints” – eine Methode, die zum Beispiel auch in Software zum Thema “Outlining” angewendet wird – und sie ist eben sehr pragmatisch.

20 Jahre Zoff um 2 Sekunden Sound

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Ist Sampling Diebstahl?

Sage und schreibe 20 Jahre dauert ein Rechtsstreit zwischen der Band KRAFTWERK und dem Musiker Moses Pelham. Es geht in diesem Rechtsstreit um eine sehr grundsätzliche Frage: ist “Sampeln”, also das Kopieren eines Teiles eines Songs zur Verwendung in einem eigenen Song eine Urheberrechtsverletzung? Kläger sind KRAFTWERK, die Moses Pelham schlicht für einen Dieb halten. Der europäische Gerichtshof als vorläufig letzte Instanz hat dazu jetzt ein salomonisches Urteil gefällt. Recht haben beide Parteien, Feinheiten werden individuellen Einschätzungen überlassen – Wir versuchen einfach mal das zu entwirren.

Die Konstellation dieses Konflikt könnte ausgefallener nicht sein. KRAFTWERK, das Sinnbild deutscher Musikkultur, vertonte Starrheit, verpackt als melodische Zeitlosigkeit auf der einen Seite. Und auf der anderen der Rapper, immer am Rande des Legalen, der kultivierte Verbrecher, der sich einfach das nimmt, was er will. Soweit die Klischees. Und man sagt ja, an jedem Klischee ist etwas Wahres.

Jenseits aller Klischees

Im Falle von KRAFTWERK weiß man, dass die beiden verbliebenen Gründern Ralf Hütter und Florian Schneider richtige Divas sein können. Der Musiker Wolfgang Flür, einst selbst Mitglied von KRAFTWERK, beschreibt dies eindringlich in seinem Buch “Ich war ein Roboter“. Nicht nur um das Erbe der Ära der 70er und 80er Jahre von KRAFTWERK wurde gerungen, sondern auch um das Buch von Flür selbst. Flür befand sich mit seinen ehemaligen Bandkollegen selbst jahrelang im Rechtsstreit. Da ging es um ein mit Alufolie umwickeltes elektronisches Schlagzeug oder um die Formulierungen im Buch von Flür, das einen tiefen Einblick in den KRAFTWERK-Kosmos versprach. KRAFTWERK sind sehr um ihren Mythos besorgt und keine noch so kleine Feder der Federboa mag man abgeben.

Andererseits sind KRAFTWERK auch sehr für ihre Kulanz bekannt. Solange sie gefragt werden akzeptieren sie die Übernahme ihrer Melodien. So geschehen beim Cover von “Das Modell” durch RAMMSTEIN, die Hommage von U2, die “NEON LIGHTS” als B-Seite ihrer Single “CITY OF THE BLINDING LIGHTS” traumhaft gecovert haben und vor allem COLDPLAY, die aus der Melodie von “COMPUTERLIEBE” einen ganz eigenen Song namens “TALK” gemacht haben. All das war kein Problem – die Künstler haben zuvor gefragt und KRAFTWERK haben das wohl als Aufwertung ihrer Musik gesehen. Sie wurde in andere Genre transformiert. Pelham, der nicht gefragt hat und der das auch nicht für nötig hielt, gehört mit seinem HipHop nicht zu den Künstlern, die KRAFTWERK hofieren dürfen. So scheint es zumindest. Denn auch die auf den Rapper anwendbaren Klischees haben einen wahren Kern – er hat vor einigen Jahren dem Entertainer Stefan Raab die Nase gebrochen. Er ist also einer von den bösen Jungs.

Seit 20 Jahren kein abschließendes Urteil

Die Urteile in dieser Auseinandersetzung gingen Hin- und Her. Der EuGH hat jetzt eine bisherige Regelung neu definiert. Nicht die Länge eines Soundschnipsels verleiht dem Sample den Status eines geklauten geistigen Eigentums, sondern seine Unverwechselbarkeit. Das bedeutet im Klartext, dass ein Künstler so viel sampeln kann, wie er will, solange ein neues Kunstwerk entsteht, das keine Ähnlichkeit mehr mit dem Original hat. Entsteht aus dem Sample ein eigenständiges Kunstwerk, dann ist Samplen erlaubt. In diesem konkreten Fall geht es um knapp zwei Sekunden des Stücks “Metall auf Metall” (hier anhören), dass in einem von Moses Pelham für die Sängerin Sabrina Setlur produzierten Song namens “Nur mir” (hier anhören) auftaucht.

Mit diesem Urteil, dass von vielen Medien als salomonisch und im Sinne der Kunst gefeiert wird, wird ein neuer Schwerpunkt in der Bewertung zur abschließenden Urteilsfindung an die deutschen Gerichte zurück adressiert. Diese waren sich nicht einig. Während der Bundesgerichtshof zugunsten von KRAFTWERK urteilte, hob das Bundesverfassungsgericht dieses Urteil zugunsten der künstlerischen Freiheit wieder auf. Jetzt präsentiert der Europäische Gerichtshof kein eindeutiges Urteil, setzt aber neue, interessante Rahmenbedingungen. Das Urteil gibt nämlich nicht vor, wann ein eigenständiges Kunstwerk, erschaffen aus einem Sampling ein solches ist. Und es schließt auch die mögliche Lizenzierung nicht aus.

Es ist noch nicht vorbei

Mit diesem Urteil ist die Posse aber noch nicht vorbei. Das Ganze geht jetzt zurück an den Bundesgerichtshof, der nun aus den Vorgaben des EuGH ein Urteil zu fällen hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass KRAFTWERK hier als Sieger hervorgehen, ist groß, denn Pelham muss jetzt nachweisen, dass “Nur mir” ein Song mit einer eigenständigen Qualität ist und als eigenständiges Kunstwerk betrachtet werden muss. Das mag jeder anders sehen – bilden Sie sich bitte selbst ein Urteil anhand der oben verlinkten Videos. Pelham hat aber das Problem, das er in den Instanzen zuvor “Sampling” mit “Zitieren” gleichsetzen wollte. Diese Argumentation spricht gegen die Eigenständigkeit und es wird schwer, diese nun anhand des Urteils zu revidieren.

Wahrlich ein salomonisches Urteil – Kunst verlangt nach künstlerischen Beweggründen. Auch wenn die Welt größere Probleme hat – selbst in Zeiten wie diesen kann die Welt noch in Ordnung sein.

EDITORIAL – Neues aus der Redaktion

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Editorial

29. Juli 2019

Feedback erwünscht – Schreiben Sie an feedback@kultur-magazin.de

In unregelmäßigen Abständen möchte ich Sie, liebe Leserin, lieber Leser, über das Kultur-Magazin informieren – was gibt es Neues, wohin geht die Reise und was ist in naher Zukunft zu erwarten.

Im Moment geht es immer noch um den Aufbau der Seite und das Gewinnen einer Leserschaft. Das braucht einiges an Geduld.

Das Kultur-Magazin ist jetzt seit gut einem Monat online. Davon zu sprechen, dass es fertig ist, ist mehr als übertrieben. So eine Seite ist nie fertig und benötigt viel Zeit und Pflege. Ich habe das vergangene Wochenende damit verbracht, sämtliche SEO Texte und Schlüsselwörter zu optimieren und diese in den diversen Tools zu prüfen. Ich bin immer noch weit davon entfernt, auch nur in die Nähe von guten Platzierungen bei Google zu kommen. Das hat damit zu tun, dass kulturelle Themen untereinander um die wichtigsten Keywords konkurrieren. Nehme ich meinen letzten Artikel zu der neuen Veröffentlichung von SOUNDGARDEN als Beispiel, dann wird es hunderte Seiten geben, die ebenfalls mit den Keywords “SOUNDGARDEN”, “KONZERT”, “VERMÄCHTNIS” punkten wollen. Das sind nicht selten etablierte Seiten, mit viel Substanz – ein Ranking muss man sich erst noch erarbeiten. Mein Ranking bei Google ist im Moment noch sehr unterdurchschnittlich. Im Klartext: der größte Teil der Leserschaft ist wiederkehrend, kommt über Links bei Facebook/Instagram/Twitter und nur der kleinste Teil, knapp 10% findet die Inhalte der Kultur-Magazins derzeit auf “organischem” Weg, d.h. als Suchergebnis in einer Suchmaschine.

An einem Sonntag im Juli ...
An einem Sonntag im Juli – Arbeit am Kultur-Magazin

 

Dennoch wächst die Anzahl der Leserschaft. Die sogenannte “Absprungrate” ist nahezu nicht existent,. d.h. kommt jemand ins Kultur-Magazin, dann schaut man sich um. Und bleibt. Das spricht für den Aufbau der Seite. Ich muss also Geduld haben. Und eigentlich ist erst seit diesem Wochenende die Seite für Suchmaschinen vernünftig optimiert.

Ein wichtiges Thema ist der Hinweis auf einen AdBlocker. Den hatte ich zunächst so eingestellt, dass ein Aufrufen einer Seite nur möglich war, wenn man den AdBlocker komplett deaktiviert. Das habe ich geändert – der AdBlocker Hinweis erscheint jetzt immer noch auf jeder Seite, kann aber einfach geschlossen werden. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, da ich eine Anfangsphase komplett ohne Werbung um dann später, wenn genug Leserinnen und Leser da sind, diese dann einzuführen, für falsch halte. Sicher ist das auch einer der Gründe für die gute Absprungrate. Wiederkehrende Leserschaft hat den AdBlocker für das Kultur-Magazin sicher bereits deaktiviert.

Dann noch Hinweis an diejenigen, die Rezensionsexemplare oder E-Mails mit Hinweisen gesendet haben. Es kann schon einige Zeit dauern, bis die Inhalte erstellt werden. Wenn Sie also eine Mail oder eine Nachricht erhalten haben, dann bekommen Sie auch garantiert ein Feedback. Das dauert nur manchmal ein wenig.

Der erste offizielle Kultur-Magazin Newsletter ist erstmal auf den 1. September verschoben worden. Es gibt bisher zu wenig Abonnenten – und Newsletter ohne Abonnenten nennt man “Spam” 🙂

Herzlichst, Ihr Peter Killert.

Feedback erwünscht – Schreiben Sie an feedback@kultur-magazin.de

SOUNDGARDEN – Das Vermächtnis

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Soundgarden Live

Diese Woche ist das Vermächtnis einer der wichtigsten Bands der letzten Jahrzehnte erschienen. “Live From The Artists Den” von SOUNDGARDEN ist ein Konzertmitschnitt vom 17. Februar 2013. Es war der Abschluss einer Tour im “The Wiltern” in Los Angeles – SOUNDGARDEN hatten zuvor nach 16 Jahren Ruhe ein Album mit dem Namen “King Animal” veröffentlicht.

GRUNGE hat Anfang der 90er Jahre viele Band hervorgebracht. Neben den ganz großen NIRVANA sind sicherlich PEARL JAM und eben SOUNDGARDEN zu nennen. Wer mit GRUNGE groß geworden ist, hat vielleicht einen Favoriten unter diesen drei Bands – aber es gibt vermutlich niemanden, der die anderen beiden Bands ablehnen würde.

Soundgarden VermächtnisDieses Konzert ist am 27.07.2019 in diesen Formaten erschienen:

2CD
BLU-RAY
Ltd. Super Deluxe Box
Ltd. 4LP 180-GRAM BLACK
Ltd. 4LP COLOR VINYL D2C
DIGITAL AUDIO

Besonders die limitierten Ausgaben dürften schnell ausverkauft sein.

Man hört das ja immer wieder. Von Amy Winehouse werden Jahre nach ihrem Tod noch unveröffentlichte Songs gefunden. Prince ist schon ein paar Jahre tot, aber aus seinen Archiven sprudeln die Neuerscheinungen. Und Chris Cornell, der Sänger von SOUNDGARDEN, ist nun auch schon seit zwei Jahren nicht mehr unter uns. Ist das jetzt etwas Richtung Leichenfledderei, die ordentlich Geld abwirft?

Eindeutig nein. Würde Chris Cornell noch leben, diese Veröffentlichung hätte den gleichen Status. Es ist das Vermächtnis von SOUNDGARDEN. Eine Bühne ohne viel Schnickschnack, tolle differenzierte Perspektiven und purer handgemachter Grunge mit Routine und ganz viel Spaß. “This live show was really special, and I know how much fun Chris had that night. The idea of giving fans the opportunity to experience it in its entirety is something I’m proud to share with them.”, sagte Vicky Cornell, die Witwe des Sängers.

“Artists Den” ist übrigens eine Serie bei der “geheime” Auftritte von Künstlern aufgezeichnet werden. Nicht selten in intimer Club Atmosphäre. Viele Künstler nutzen dieses Format, um Ihre Musik in einem passenden Umfeld zu präsentieren. Es wirkt ungezwungener und zugleich müssen sich die Musiker auf den Sound selbst konzentrieren – spektakuläre Bühnenshows gibt es nicht.

U2 haben “Rattle & Hum”, Talk Talk haben “London 1986”, Nirvana “Unplugged” – und da reiht sich nun “Live From The Artists Den” ein. Ein schönes, zeitloses Tondokument.

Hier aus dem Konzert ein Ausschnitt mit einem der bekanntesten Songs von SOUNDGARDEN:

KAMPFBEREIT! – Comebacks statt Mottenkiste

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Kampfbereit

In der jüngeren Vergangenheit gab es von drei großen Bands der 90er Jahre, die jedem Fan von EBM ein Begriff sind, große Comebacks. In der Szene haben diese Comebacks durchaus Beachtung gefunden. Zeit, diese Meisterwerke auch einem breiteren Publikum vorzustellen. Die Rede ist von den Comeback-Alben von Nitzer Ebb, Haujobb und Front Line Assembly. Nitzer Ebb knüpfen an ihre Wurzeln an – Haujobb und Front Line Assembly lieferten sogar die besten Alben ihrer Karriere ab.

NITZER EBB – Industrial Complex (2010)

Nitzer Ebb - Industrial ComplexBeginnen wir mit der wohl bekanntesten Band: Nitzer Ebb. Die wurden Ende der 80er Jahre als Vorband von Depeche Mode Konzerten bekannt. Zusammen mit Front 242 gelten Sie als die Band des Genres EBM (Electronic Body Music). Höhepunkt ihrer Karriere war 1991 das von Flood und Alan Wilder produzierte Album “Ebbhead”. Seit 1995 hatte man nur von Solo-Aktivitäten der Bandmitglieder gehört. Dann 2010 das überraschende Comeback. Nitzer Ebb kündigten ein neues Album, eine Tour und einen neuerlichen Live-Support für Depeche Mode an. Das Comeback heißt “Industrial Complex” und ist in meinen Ohren mehr als gelungen. Nitzer Ebb knüpfen an alte Stärken an.

Martin Gore (Depeche Mode) jault mit bei “Once You Say”. Höhepunkte sind aber bei einem ersten Durchhören “Payroll” und “Kiss Kiss Bang Bang” – verspätete Klassiker. Beim zweiten Durchhören ragen meiner Meinung nach zwei Songs besonders heraus: “I´m Undone” und “My Door Is Open”. Sie sind nicht ganz so martialisch wie die anderen Songs, sondern haben eine gewissen Spannungskurve, die für EBM mit durchgehenden, monotone Rhythmen eher untypisch ist. Ich bekenne mich aber schon seit langem zu genau dieser untypischen Facette von Nitzer Ebb. Das letzte Album vor dem Comeback “Big Hit” war voll von Songs mit dieser Seite von Nitzer Ebb, was mir persönlich sehr gut gefallen hat. Mit dieser Auffassung stehe ich allerdings ziemlich allein da.

Nitzer Ebb haben dann auch Depeche Mode bei Ihrer Tour in Deutschland unterstützt. Douglas McCarthy, der Sänger (zwischenzeitlich auch auf Solopfaden) hält auch zu Recoil (Alan Wilder) engen Kontakt. Man darf froher Hoffnung sein, dass in naher Zukunft weitere Kooperationen folgen.

Nitzer Ebb – Getting Closer (Live 1989, Technoclub Frankfurt)

HAUJOBB – New World March (2011)

Haujobb - New World MarchIm Gegensatz zu Nitzer Ebb sind Haujobb eher gediegen, ruhiger, manchmal gar minimalistisch. Mit “New World March” offenbaren Haujobb so etwas wie eine Botschaft. „New World March“ ist ungewohnt kritisch. Die Vorab-Single „Dead Market“ kann man als Persiflage auf aktuelles politisches Gebaren verstehen: „Identity is safe – The content is nothing – Deconstruction of form – We will always follow“. Ja, das ist beinahe philosophisch. Was Haujobb schon immer gut konnten ist eine gewisse Dramaturgie in ihren Songs aufzubauen. So beim Opener „Control“, der sanftmütig daherkommt und dann in geilen Samples ausartet. Meine persönlichen Favoriten sind „Soulreader“ (dürfte auf entsprechenden EBM Parties extrem tanzbar sein) und der Song „Membrane“. Letzterer ist wie eine Visitenkarte für alles, was Haujobb auszeichnet.

Abgerundet wird dieses Comeback mit einem extrem genialen Coverartwork, sowohl bei der EP „DEAD MARKET“ als auch bei dem Album selbst. In einer trostlosen Trümmerwüste hält jemand Ausschau nach der neuen Welt, die uns erwartet. Wollen wir hoffen, dass Haujobb keine prophetischen Gaben besitzen. EBM / Industrial passt von seiner Grundstimmung eben eher zu düsteren, epischen Szenarien – Haujobb geben mit „New World March“ dafür die perfekte Blaupause.

Hier das Video zu „Dead Market“, übrigens das bisher einzige offizielle Musikvideo der Band seit ihrem Bestehen.

FRONTLINE ASSEMBLY – Improvised Electronic Device

FLA Improvides Electronic DeviceHammer! Seit fast 30 Jahren im Business haben Frontline Assembly mit I.E.D. das beste Album ihrer Karriere abgeliefert, besser noch als GASHED SENSES AND CROSSFIRE oder TACTICAL NEURAL IMPLANT.

Die Band kann man nur noch bedingt zum EBM Genre rechnen. Mittlerweile lässt sich die Musik sehr viel eher dem Industrial Genre zuordnen. Mehr noch – sie haben dieses Genre begründet, lange bevor Ministry oder Nine Inch Nails es geprägt haben. So ist die Zusammenarbeit mit Al Jourgensen, dem Godfather of Industrial, nur zwangsläufig. Jourgensen, der Mastermind hinter MINISTRY, leiht FLA seine Stimme in dem martialischen Wutausbruch “STUPIDITY”. Das ist wie “BURNING INSIDE” auf Speed. Gerade dieser Track ist aber untypisch für das Album. Bei FLA sind alle Alben Konzeptalben. Der Opener, der Titletrack macht sie kampfbereit – es folgt der “Angriff!” – dass FLA sich militärischem Jargon bedienen ist nicht nur ihrem Namen geschuldet. Die Musik ist so martialisch – einen tieferen Sinn kann es nur mit der Durcherxerzierung solcher Begriffe geben. Gewaltverherrlichend – naja, wer FLA hört ist vermutlich eh ein abgestumpfter End-Dreissiger, der es nicht anders verdient hat. Bill Leeb ist als einziges Gründungsmitglied dabei – der Rest des Line-Ups wurde verjüngt. Genialer Übergang in eine neue Generation.

Endometriose – Mutmachen statt Klischees

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Katy Buchholz

Manchmal kann ich wohl ganz froh sein, dass ich ein Mann bin. Ich kann mir dann im Alltag weiterhin denken, dass manche Damen einmal im Monat halt etwas unpässlich sind. Und als Mann tut man das – sind wir mal ehrlich – eigentlich immer einfach so ab. Die Dame hat halt sowas wie Migräne und kombiniert das dann einfach mit einem allgemeinen Unwohlsein. So sind sie halt – die Frauen. Frauenkrankheit allmonatlich. Kennt Mann ja. Und sie sind da alle gleich.

Jetzt habe ich aber zum ersten Mal die Bezeichnung “Endometriose” gehört. Es ist das Thema eines “Mutmachbuches” von Katy Buchholz . Und ich denke, jetzt ist es an der Zeit, mal mit Unwissenheit und Klischees aufzuräumen. Der passende Platz dafür ist sowieso immer das Kultur-Magazin 🙂

Katy Buchholz
Katy Buchholz, Foto: Kerstin Glacer

Das Anschauungsmaterial des Wikipedia-Eintrags zu “Endometriose” gibt visuell einen Eindruck davon, wie das Leid der betroffenen Frauen zu einer echten Qual werden kann. Und “Endometriose” betrifft nicht wenige Frauen. Mit dem ersten Regelzyklus kann die Krankheit beginnen und begleitet die betroffenen Mädchen und Frauen dann als chronische Krankheit ein Leben lang. Die Krankheit betrifft ca. 10-15% aller Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter.

Katy Buchholz ist selbst betroffen. Die 1968 geborene Autorin aus Delmenhorst schreibt Krimis und Thriller – “Endometriose – Der Feind in meinem Körper” ist jedoch ein Sachbuch, eine Chronologie einer Betroffenen. Zugleich aber auch ein “Mutmachbuch”, wie die Autorin betont.

Schon das erste Auseinandersetzen mit der Krankheit gibt einen Einblick in das Leiden. Und ich bin sicher, dass sich so manche Frau dort wiederfindet: “Seit dem zwölften Lebensjahr kämpfe ich mit den Symptomen von Endometriose. Es dauerte aber fünfundzwanzig Jahre, bis die Krankheit bei mir diagnostiziert wurde.”, schreibt die Autorin. Man fragt sich, wie jemand so eine lange Zeit mit dieser Krankheit lebt – neben den Schmerzen und der eingeschränkten Lebensqualität vermutlich auch noch mit den eingangs erwähnten Klischees konfrontiert.

“Auch bekommt nicht jede Frau Endometriose im IV. Stadium und gleichzeitig eine sechs Zentimeter große Zyste. Als sich dann noch ein inoperables Myom von fünf Zentimeter Durchmesser in der Gebärmutterwand einnistete, wurden die Blutungen immer unkontrollierter. Ich traute mich ohne Wechselwäsche keinen Schritt mehr vor die Haustür.” Endometriose - Der Feind in meinem Körper

Warum nicht einfach die Gebärmutter entfernen? Hört sich leicht gesagt an, aber wenn der Kinderwunsch da ist, beginnt bei vielen Frauen ein zusätzlicher Kampf. In 30%-50% aller Fälle kann eine Frau mit dieser chronischen Krankheit keine Kinder bekommen – und wenn es doch klappt, dann bedeutet die Krankheit ein erhöhtes Risiko für Frühgeburten.

Katy Bucholz hat ein “Mutmachbuch” geschrieben – mit ihren Erfahrungen und ihren Tipps. Ich als Mann kann sicher nicht beurteilen, wie wichtig das Mutmachen in diesem Fall ist. Ich kann es mir nur theoretisch vorstellen, wie sich eine Frau fühlen muß, die unter dieser Krankheit leidet. Ich weiß aber jetzt, dass es bei einem großen Teil der Frauen mehr gibt, als monatliche “Unpässlichkeit”, über die Mann dann bei Krankmeldungen nur vordergründig nachdenkt.

So habe ich zunächst tatsächlich darüber nachgedacht, wie dieses Thema überhaupt in ein Kultur-Magazin hineinpasst. Das ist eigentlich ganz einfach, denn Kultur ist schlicht alles jenseits von Klischees und Vorurteilen.

Betroffene Frauen finden weitere Informationen unter diesen Links – schauen sie mal rein und lassen Sie sich Mut machen.

“Meine Geschichte” 

Leseprobe des Buches

Homepage von Katy Buchholz

 

 

Literarische Klassiker – Teil 2

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Literarische Klassiker 2

Im zweiten Teil unserer Literaturklassiker liegt der Schwerpunkt auf historischen Büchern. Neben dem erfolgreichsten deutschsprachigen Buch der Nachkriegszeit liegt der Fokus in den 70er Jahren. Die Studentenbewegung radikalisiert sich und das Land taumelt in den Terror der RAF. Der Journalist Stefan Aust hat hierzu mit “Der Baader-Meinhof-Komplex” das Referenzwerk dieser Zeit geschrieben. Es liefert chronologisch alle Hintergründe, die man allerdings mit den Details seit der Wiedervereinigung ergänzen müsste.

Einer der Gründe für den Protest in den 70er Jahren war sicher die fehlende Aufarbeitung der Deutschen Vergangenheit. Ein Meilenstein dafür ist die HITLER Biografie von Joachim Fest, die nicht unumstritten war, aber sprachlich und didaktisch ein echtes Meisterwerk ist. Ein absoluter Lesegenuss, der ebenso viele Fragen beantwortet, wie er neue Fragen aufwirft.

 

Douglas Coupland Amercian PolaroidsDouglas Coupland – AMERIKANISCHE POLAROIDS, erschienen 1996.

Kurt Cobain hat sich im März 1994 eine Überdosis gesetzt. Aber er überlebt. Und er geht in eine Entzugsklinik. Ein junger Amerikaner ist erleichtert, ist Cobain doch eine Ikone, ein Vorbild für ihn. Er schreibt ihm einen Brief und ist dankbar dafür, dass Cobain sich ändern will.
Der Leser aber, der in den 90er Jahren erwachsen wurde, weiß, wie die Geschichte ausgeht. Cobain flieht wenige Tage später aus der Entzugsklinik und bringt sich um. Nur eine Geschichte von vielen. Coupland nennt sie “Reportagen”. Er fängt den amerikanischen Zeitgeist ein. Es ist das Begleitwerk zu “Generation X”.

 

 

Patrick Süskind - Das ParfümPatrick Süskind – DAS PARFÜM, erschienen 1985

Es ist das erfolgreichste Buch eines deutschsprachigen Autors nach dem Zweiten Weltkrieg. Patrick Süskind, Sohn eines angesehenen Germanisten, hatte zunächst “Der Kontrabass” veröffentlicht. Ein Ein-Mann Theaterstück – bis heute das meist aufgeführte Theaterstück auf deutschen Bühnen. Sein Romandebut wurde belächelt und zunächst mit einigem Wohlwollen besprochen. Dann aber wurde es zum Selbstläufer, der jahrelang auf den Bestsellerlisten stand.
Jean Baptiste Grenouille, in die Gosse Mitte des 18. Jahrhunderts hineingeboren, hat ein besonderes Talent: er hat die sensibelste Nase, die je ein Mensch gehabt hat. Er kann die Nuancen von Parfums erriechen, ihre Zusammensetzung, aber er kann auch die Gerüche des Alltags exakt auseinanderhalten. Seine Schwäche für junge, schöne Frauen machen ihn zum Mörder. Denn er ist auf der Suche nach dem perfekten Parfum.
Süskind kann unglaublich spannend und treffend erzählen. Auch die wenigen anderen Werke des Autors oder seine Drehbücher (“Kir Royal”, “Monaco Franze”) zeugen vom unglaublichen erzählerischen Talent. Mit dem Welterfolg “Das Parfum” hat er ausgesorgt – vielleicht geniesst Süskind das Leben lieber, anstatt noch mehr zu schreiben.

 

Baader Meinhof KomplexStefan Aust – DER BAADER-MEINHOF KOMPLEX, erschienen 1985

Stefan Aust, Chefredakteur von so unterschiedlichen Blätter wie “St. Pauli Nachrichten” und “Der SPIEGEL” war mittendrin im heissen Herbst. Er kannte Ulrike Meinhof, war sogar an der Rückführung ihrer beiden Töchter nach Deutschland mit beteiligt.
Die Beschäftigung mit der Baader-Meinhof Bande, aus der später die RAF entstanden ist, wird zu seinem “opus magnum”. Der BAADER-MEINHOF-KOMPLEX ist ein detaillierter Abriss der Geschichte der RAF, Grundlage für so viele Dokumentationen und dem gleichnamigen Spielfilm von Bernd Eichinger.
Wer sich als Kind nach an die ausgehenden 70er Jahre erinnern kann, der wird hier erfahren, warum sich viele Dinge genau so zugetragen haben. Einziges Manko dieses Buches: viele Dinge, besonders in Bezug auf Vermutungen zu Tatbeteiligten (Wer hat Schleyer erschossen?) gründen auf den Angaben des Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock, der nachweislich gelogen hat und dem sämtliche seiner Mitstreiter Geltungssucht unterstellen. Dennoch ist dieses Buch ein Echolot der BRD mit vielen Fakten, die die Radikalisierung junger Menschen ausgehend vom Mord an Benno Ohnesorg, beschreiben.

 

DürrenmattFriedrich Dürrenmatt – DER RICHTER UND SEIN HENKER / DER VERDACHT, erschienen 1950/51

Das sind die beiden Kriminalromane mit dem todkranken Kommissar Bärlach. Ich musste “Der Richter und sein Henker” in der Schule lesen und habe es gehasst. Dann habe ich den Roman noch mal gelesen, sehr viel später, die Verfilmung gesehen, die Fortsetzung mit den Titel “Der Verdacht” und schließlich viele andere Bücher von Dürrenmatt. Ein scharfsinniger Denker, der ganze Passagen weglässt und dem Leser die Schlussfolgerungen überlässt. Wir wissen, wie der Richter Bärlach seinen Henker Tschanz überführt hat, auch wenn Dürrenmatt es gar nicht erwähnt.
Ich vertrete ja die These, dass noch nie ein gutes Buch deswegen geschrieben wurde, weil sein Autor damit Geld verdienen wollte. “Der Richter und seine Henker” ist die einzige Ausnahme, die diese Regel bestätigt. Dürrenmatt hat die Geschichte in acht Folgen in einer schweizerischen Zeitung veröffentlicht, nicht ahnend, dass dies mal ganz große Weltliteratur werden würde.
Dürrenmatt nannte sich selbst einen “Gedankenschlosser” – sein Schreiben ist akribisches Handwerk, spannend noch dazu. Mit den Geschichten um den Kommissar Bärlach hat er die Referenzwerke für gelungene Kriminalromane geschrieben.

 

Der SteppenwolfHermann Hesse – DER STEPPENWOLF, erschienen 1927

Vermutlich gibt es kaum ein Buch, bei dem sich so viele Menschen wieder erkennen. Das Traktat des Steppenwolfs beschreibt den Menschen, als einsam suchendes Individuum. Die Gedanken, die einen jeden von uns umtreiben, sind in diesem Klassiker gebündelt vereint. Aber nicht philosophisch hochtrabend oder schwer zugänglich – im Gegenteil. Von Hesse kann man alles einfach herunterlesen.
Ich habe Hesse mal als besten Kompromiss zwischen Unterhaltung und Tiefgründigkeit bezeichnet. Neben “Homo Faber” von Max Frisch und “Stoner” von John Williams gibt es eben nur noch den Steppenwolf, der uns den allgemein gültigen existenziellen Fragen des einfachen Menschen näher bringt. Wer diese drei Bücher nicht kennt, der wird das Menschsein niemals wirklich begreifen…

 

 

Briefe an SartreSimone De Beauvoir – BRIEFE AN SARTRE (1930-1939), erschienen 1997.

Eigentlich sollte dieser Briefwechsel bereits kurz nach Sartres Tod Anfang der 80er Jahren unter der Regie von Simone de Beauvoir erscheinen. Das geschah aber nicht, weil Beauvoir ihre Briefe an Sarte nicht mehr finden konnte und vermutete, sie seien bei einem Brand vernichtet worden. Erst bei einem Umzug fand die letzte Lebensgefährtin von Beauvoir die Briefe und sie wurden so erst in den 90er Jahren veröffentlicht.
Was erzählt uns die Korrespondenz der Wegbereiterin des Feminismus und des vielleicht wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts? – In diesem Fall ist der Briefwechsel einseitig (einen Band mit den passenden Briefen Sartres gibt es ebenfalls) und zeigt viel Banales, Alltägliches. Aber ab und an offenbaren sich ganz neue Wesentlichkeiten der Feministin. Und die haben es in sich.
Die Briefe werfen ein ganz neues Licht auf die Feministin. Wenn Sie Sartre “Kleines, liebes Geschöpf” nennt und Sartre wohl der Einzige für sie war, der die für Frauen so typische, aber für die Feministin untypische Seite zum Vorschein bringt: “… meine Liebe zu ihnen hat alles verwüstet … ein richtiger Feuerstoß …”
Ich bin sicher: ohne Sartre hätte Beauvoir niemals ihr Werk erschaffen können. Und die zentralen Thesen des Feminismus sollten im Kontext dieser Briefe endlich mal neu bewertet werden. Vielleicht werden sich viel mehr Frauen ihrer eigentlichen Weiblichkeit bewusst und leugnen nicht mehr länger biologische Bestimmungen.

 

Joachim Fest HitlerJoachim Fest – HITLER – Die Biographie, erschienen 1973

Deutschland Anfang der 70er Jahre. Die Republik erholt sich von den Studentenunruhen. Die Jugend aber begehrt weiter auf und will die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Bahnbrechend für die intellektuelle Aufarbeitung ist der Bestseller “Hitler” der Historikers Joachim Fest.
Das Buch ist eine Mischung aus Biographie, Soziogramm und Geschichtsbuch. Ein sprachlich unerreichter Geniestreich, der es tatsächlich schafft, selbst für Nachgeborenen, die Person “Hitler” aus der Verwobenheit von Tatsachen und Mythos heraus zu schälen. Ein Lesegenuss sondergleichen. Jede Biographie, die sich an diesem Maßstab orientiert und ihn auch nur ansatzweise erreicht, wird zu einem Referenzwerk.
Die Biographie war monatelang auf den Bestsellerlisten. Sie war Grundlage für den Film “Der Untergang” und machte Fest zu einem gefragtesten Historiker der Republik.

 

 

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