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Die neuesten Beiträge. Die besonderen Beiträge im Kultur-Magazin.

EDITORIAL – Neues aus der Redaktion

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Editorial

29. Juli 2019

Feedback erwünscht – Schreiben Sie an feedback@kultur-magazin.de

In unregelmäßigen Abständen möchte ich Sie, liebe Leserin, lieber Leser, über das Kultur-Magazin informieren – was gibt es Neues, wohin geht die Reise und was ist in naher Zukunft zu erwarten.

Im Moment geht es immer noch um den Aufbau der Seite und das Gewinnen einer Leserschaft. Das braucht einiges an Geduld.

Das Kultur-Magazin ist jetzt seit gut einem Monat online. Davon zu sprechen, dass es fertig ist, ist mehr als übertrieben. So eine Seite ist nie fertig und benötigt viel Zeit und Pflege. Ich habe das vergangene Wochenende damit verbracht, sämtliche SEO Texte und Schlüsselwörter zu optimieren und diese in den diversen Tools zu prüfen. Ich bin immer noch weit davon entfernt, auch nur in die Nähe von guten Platzierungen bei Google zu kommen. Das hat damit zu tun, dass kulturelle Themen untereinander um die wichtigsten Keywords konkurrieren. Nehme ich meinen letzten Artikel zu der neuen Veröffentlichung von SOUNDGARDEN als Beispiel, dann wird es hunderte Seiten geben, die ebenfalls mit den Keywords “SOUNDGARDEN”, “KONZERT”, “VERMÄCHTNIS” punkten wollen. Das sind nicht selten etablierte Seiten, mit viel Substanz – ein Ranking muss man sich erst noch erarbeiten. Mein Ranking bei Google ist im Moment noch sehr unterdurchschnittlich. Im Klartext: der größte Teil der Leserschaft ist wiederkehrend, kommt über Links bei Facebook/Instagram/Twitter und nur der kleinste Teil, knapp 10% findet die Inhalte der Kultur-Magazins derzeit auf “organischem” Weg, d.h. als Suchergebnis in einer Suchmaschine.

An einem Sonntag im Juli ...
An einem Sonntag im Juli – Arbeit am Kultur-Magazin

 

Dennoch wächst die Anzahl der Leserschaft. Die sogenannte “Absprungrate” ist nahezu nicht existent,. d.h. kommt jemand ins Kultur-Magazin, dann schaut man sich um. Und bleibt. Das spricht für den Aufbau der Seite. Ich muss also Geduld haben. Und eigentlich ist erst seit diesem Wochenende die Seite für Suchmaschinen vernünftig optimiert.

Ein wichtiges Thema ist der Hinweis auf einen AdBlocker. Den hatte ich zunächst so eingestellt, dass ein Aufrufen einer Seite nur möglich war, wenn man den AdBlocker komplett deaktiviert. Das habe ich geändert – der AdBlocker Hinweis erscheint jetzt immer noch auf jeder Seite, kann aber einfach geschlossen werden. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, da ich eine Anfangsphase komplett ohne Werbung um dann später, wenn genug Leserinnen und Leser da sind, diese dann einzuführen, für falsch halte. Sicher ist das auch einer der Gründe für die gute Absprungrate. Wiederkehrende Leserschaft hat den AdBlocker für das Kultur-Magazin sicher bereits deaktiviert.

Dann noch Hinweis an diejenigen, die Rezensionsexemplare oder E-Mails mit Hinweisen gesendet haben. Es kann schon einige Zeit dauern, bis die Inhalte erstellt werden. Wenn Sie also eine Mail oder eine Nachricht erhalten haben, dann bekommen Sie auch garantiert ein Feedback. Das dauert nur manchmal ein wenig.

Der erste offizielle Kultur-Magazin Newsletter ist erstmal auf den 1. September verschoben worden. Es gibt bisher zu wenig Abonnenten – und Newsletter ohne Abonnenten nennt man “Spam” 🙂

Herzlichst, Ihr Peter Killert.

Feedback erwünscht – Schreiben Sie an feedback@kultur-magazin.de

SOUNDGARDEN – Das Vermächtnis

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Soundgarden Live

Diese Woche ist das Vermächtnis einer der wichtigsten Bands der letzten Jahrzehnte erschienen. “Live From The Artists Den” von SOUNDGARDEN ist ein Konzertmitschnitt vom 17. Februar 2013. Es war der Abschluss einer Tour im “The Wiltern” in Los Angeles – SOUNDGARDEN hatten zuvor nach 16 Jahren Ruhe ein Album mit dem Namen “King Animal” veröffentlicht.

GRUNGE hat Anfang der 90er Jahre viele Band hervorgebracht. Neben den ganz großen NIRVANA sind sicherlich PEARL JAM und eben SOUNDGARDEN zu nennen. Wer mit GRUNGE groß geworden ist, hat vielleicht einen Favoriten unter diesen drei Bands – aber es gibt vermutlich niemanden, der die anderen beiden Bands ablehnen würde.

Soundgarden VermächtnisDieses Konzert ist am 27.07.2019 in diesen Formaten erschienen:

2CD
BLU-RAY
Ltd. Super Deluxe Box
Ltd. 4LP 180-GRAM BLACK
Ltd. 4LP COLOR VINYL D2C
DIGITAL AUDIO

Besonders die limitierten Ausgaben dürften schnell ausverkauft sein.

Man hört das ja immer wieder. Von Amy Winehouse werden Jahre nach ihrem Tod noch unveröffentlichte Songs gefunden. Prince ist schon ein paar Jahre tot, aber aus seinen Archiven sprudeln die Neuerscheinungen. Und Chris Cornell, der Sänger von SOUNDGARDEN, ist nun auch schon seit zwei Jahren nicht mehr unter uns. Ist das jetzt etwas Richtung Leichenfledderei, die ordentlich Geld abwirft?

Eindeutig nein. Würde Chris Cornell noch leben, diese Veröffentlichung hätte den gleichen Status. Es ist das Vermächtnis von SOUNDGARDEN. Eine Bühne ohne viel Schnickschnack, tolle differenzierte Perspektiven und purer handgemachter Grunge mit Routine und ganz viel Spaß. “This live show was really special, and I know how much fun Chris had that night. The idea of giving fans the opportunity to experience it in its entirety is something I’m proud to share with them.”, sagte Vicky Cornell, die Witwe des Sängers.

“Artists Den” ist übrigens eine Serie bei der “geheime” Auftritte von Künstlern aufgezeichnet werden. Nicht selten in intimer Club Atmosphäre. Viele Künstler nutzen dieses Format, um Ihre Musik in einem passenden Umfeld zu präsentieren. Es wirkt ungezwungener und zugleich müssen sich die Musiker auf den Sound selbst konzentrieren – spektakuläre Bühnenshows gibt es nicht.

U2 haben “Rattle & Hum”, Talk Talk haben “London 1986”, Nirvana “Unplugged” – und da reiht sich nun “Live From The Artists Den” ein. Ein schönes, zeitloses Tondokument.

Hier aus dem Konzert ein Ausschnitt mit einem der bekanntesten Songs von SOUNDGARDEN:

KAMPFBEREIT! – Comebacks statt Mottenkiste

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Kampfbereit

In der jüngeren Vergangenheit gab es von drei großen Bands der 90er Jahre, die jedem Fan von EBM ein Begriff sind, große Comebacks. In der Szene haben diese Comebacks durchaus Beachtung gefunden. Zeit, diese Meisterwerke auch einem breiteren Publikum vorzustellen. Die Rede ist von den Comeback-Alben von Nitzer Ebb, Haujobb und Front Line Assembly. Nitzer Ebb knüpfen an ihre Wurzeln an – Haujobb und Front Line Assembly lieferten sogar die besten Alben ihrer Karriere ab.

NITZER EBB – Industrial Complex (2010)

Nitzer Ebb - Industrial ComplexBeginnen wir mit der wohl bekanntesten Band: Nitzer Ebb. Die wurden Ende der 80er Jahre als Vorband von Depeche Mode Konzerten bekannt. Zusammen mit Front 242 gelten Sie als die Band des Genres EBM (Electronic Body Music). Höhepunkt ihrer Karriere war 1991 das von Flood und Alan Wilder produzierte Album “Ebbhead”. Seit 1995 hatte man nur von Solo-Aktivitäten der Bandmitglieder gehört. Dann 2010 das überraschende Comeback. Nitzer Ebb kündigten ein neues Album, eine Tour und einen neuerlichen Live-Support für Depeche Mode an. Das Comeback heißt “Industrial Complex” und ist in meinen Ohren mehr als gelungen. Nitzer Ebb knüpfen an alte Stärken an.

Martin Gore (Depeche Mode) jault mit bei “Once You Say”. Höhepunkte sind aber bei einem ersten Durchhören “Payroll” und “Kiss Kiss Bang Bang” – verspätete Klassiker. Beim zweiten Durchhören ragen meiner Meinung nach zwei Songs besonders heraus: “I´m Undone” und “My Door Is Open”. Sie sind nicht ganz so martialisch wie die anderen Songs, sondern haben eine gewissen Spannungskurve, die für EBM mit durchgehenden, monotone Rhythmen eher untypisch ist. Ich bekenne mich aber schon seit langem zu genau dieser untypischen Facette von Nitzer Ebb. Das letzte Album vor dem Comeback “Big Hit” war voll von Songs mit dieser Seite von Nitzer Ebb, was mir persönlich sehr gut gefallen hat. Mit dieser Auffassung stehe ich allerdings ziemlich allein da.

Nitzer Ebb haben dann auch Depeche Mode bei Ihrer Tour in Deutschland unterstützt. Douglas McCarthy, der Sänger (zwischenzeitlich auch auf Solopfaden) hält auch zu Recoil (Alan Wilder) engen Kontakt. Man darf froher Hoffnung sein, dass in naher Zukunft weitere Kooperationen folgen.

Nitzer Ebb – Getting Closer (Live 1989, Technoclub Frankfurt)

HAUJOBB – New World March (2011)

Haujobb - New World MarchIm Gegensatz zu Nitzer Ebb sind Haujobb eher gediegen, ruhiger, manchmal gar minimalistisch. Mit “New World March” offenbaren Haujobb so etwas wie eine Botschaft. „New World March“ ist ungewohnt kritisch. Die Vorab-Single „Dead Market“ kann man als Persiflage auf aktuelles politisches Gebaren verstehen: „Identity is safe – The content is nothing – Deconstruction of form – We will always follow“. Ja, das ist beinahe philosophisch. Was Haujobb schon immer gut konnten ist eine gewisse Dramaturgie in ihren Songs aufzubauen. So beim Opener „Control“, der sanftmütig daherkommt und dann in geilen Samples ausartet. Meine persönlichen Favoriten sind „Soulreader“ (dürfte auf entsprechenden EBM Parties extrem tanzbar sein) und der Song „Membrane“. Letzterer ist wie eine Visitenkarte für alles, was Haujobb auszeichnet.

Abgerundet wird dieses Comeback mit einem extrem genialen Coverartwork, sowohl bei der EP „DEAD MARKET“ als auch bei dem Album selbst. In einer trostlosen Trümmerwüste hält jemand Ausschau nach der neuen Welt, die uns erwartet. Wollen wir hoffen, dass Haujobb keine prophetischen Gaben besitzen. EBM / Industrial passt von seiner Grundstimmung eben eher zu düsteren, epischen Szenarien – Haujobb geben mit „New World March“ dafür die perfekte Blaupause.

Hier das Video zu „Dead Market“, übrigens das bisher einzige offizielle Musikvideo der Band seit ihrem Bestehen.

FRONTLINE ASSEMBLY – Improvised Electronic Device

FLA Improvides Electronic DeviceHammer! Seit fast 30 Jahren im Business haben Frontline Assembly mit I.E.D. das beste Album ihrer Karriere abgeliefert, besser noch als GASHED SENSES AND CROSSFIRE oder TACTICAL NEURAL IMPLANT.

Die Band kann man nur noch bedingt zum EBM Genre rechnen. Mittlerweile lässt sich die Musik sehr viel eher dem Industrial Genre zuordnen. Mehr noch – sie haben dieses Genre begründet, lange bevor Ministry oder Nine Inch Nails es geprägt haben. So ist die Zusammenarbeit mit Al Jourgensen, dem Godfather of Industrial, nur zwangsläufig. Jourgensen, der Mastermind hinter MINISTRY, leiht FLA seine Stimme in dem martialischen Wutausbruch “STUPIDITY”. Das ist wie “BURNING INSIDE” auf Speed. Gerade dieser Track ist aber untypisch für das Album. Bei FLA sind alle Alben Konzeptalben. Der Opener, der Titletrack macht sie kampfbereit – es folgt der “Angriff!” – dass FLA sich militärischem Jargon bedienen ist nicht nur ihrem Namen geschuldet. Die Musik ist so martialisch – einen tieferen Sinn kann es nur mit der Durcherxerzierung solcher Begriffe geben. Gewaltverherrlichend – naja, wer FLA hört ist vermutlich eh ein abgestumpfter End-Dreissiger, der es nicht anders verdient hat. Bill Leeb ist als einziges Gründungsmitglied dabei – der Rest des Line-Ups wurde verjüngt. Genialer Übergang in eine neue Generation.

Endometriose – Mutmachen statt Klischees

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Katy Buchholz

Manchmal kann ich wohl ganz froh sein, dass ich ein Mann bin. Ich kann mir dann im Alltag weiterhin denken, dass manche Damen einmal im Monat halt etwas unpässlich sind. Und als Mann tut man das – sind wir mal ehrlich – eigentlich immer einfach so ab. Die Dame hat halt sowas wie Migräne und kombiniert das dann einfach mit einem allgemeinen Unwohlsein. So sind sie halt – die Frauen. Frauenkrankheit allmonatlich. Kennt Mann ja. Und sie sind da alle gleich.

Jetzt habe ich aber zum ersten Mal die Bezeichnung “Endometriose” gehört. Es ist das Thema eines “Mutmachbuches” von Katy Buchholz . Und ich denke, jetzt ist es an der Zeit, mal mit Unwissenheit und Klischees aufzuräumen. Der passende Platz dafür ist sowieso immer das Kultur-Magazin 🙂

Katy Buchholz
Katy Buchholz, Foto: Kerstin Glacer

Das Anschauungsmaterial des Wikipedia-Eintrags zu “Endometriose” gibt visuell einen Eindruck davon, wie das Leid der betroffenen Frauen zu einer echten Qual werden kann. Und “Endometriose” betrifft nicht wenige Frauen. Mit dem ersten Regelzyklus kann die Krankheit beginnen und begleitet die betroffenen Mädchen und Frauen dann als chronische Krankheit ein Leben lang. Die Krankheit betrifft ca. 10-15% aller Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter.

Katy Buchholz ist selbst betroffen. Die 1968 geborene Autorin aus Delmenhorst schreibt Krimis und Thriller – “Endometriose – Der Feind in meinem Körper” ist jedoch ein Sachbuch, eine Chronologie einer Betroffenen. Zugleich aber auch ein “Mutmachbuch”, wie die Autorin betont.

Schon das erste Auseinandersetzen mit der Krankheit gibt einen Einblick in das Leiden. Und ich bin sicher, dass sich so manche Frau dort wiederfindet: “Seit dem zwölften Lebensjahr kämpfe ich mit den Symptomen von Endometriose. Es dauerte aber fünfundzwanzig Jahre, bis die Krankheit bei mir diagnostiziert wurde.”, schreibt die Autorin. Man fragt sich, wie jemand so eine lange Zeit mit dieser Krankheit lebt – neben den Schmerzen und der eingeschränkten Lebensqualität vermutlich auch noch mit den eingangs erwähnten Klischees konfrontiert.

“Auch bekommt nicht jede Frau Endometriose im IV. Stadium und gleichzeitig eine sechs Zentimeter große Zyste. Als sich dann noch ein inoperables Myom von fünf Zentimeter Durchmesser in der Gebärmutterwand einnistete, wurden die Blutungen immer unkontrollierter. Ich traute mich ohne Wechselwäsche keinen Schritt mehr vor die Haustür.” Endometriose - Der Feind in meinem Körper

Warum nicht einfach die Gebärmutter entfernen? Hört sich leicht gesagt an, aber wenn der Kinderwunsch da ist, beginnt bei vielen Frauen ein zusätzlicher Kampf. In 30%-50% aller Fälle kann eine Frau mit dieser chronischen Krankheit keine Kinder bekommen – und wenn es doch klappt, dann bedeutet die Krankheit ein erhöhtes Risiko für Frühgeburten.

Katy Bucholz hat ein “Mutmachbuch” geschrieben – mit ihren Erfahrungen und ihren Tipps. Ich als Mann kann sicher nicht beurteilen, wie wichtig das Mutmachen in diesem Fall ist. Ich kann es mir nur theoretisch vorstellen, wie sich eine Frau fühlen muß, die unter dieser Krankheit leidet. Ich weiß aber jetzt, dass es bei einem großen Teil der Frauen mehr gibt, als monatliche “Unpässlichkeit”, über die Mann dann bei Krankmeldungen nur vordergründig nachdenkt.

So habe ich zunächst tatsächlich darüber nachgedacht, wie dieses Thema überhaupt in ein Kultur-Magazin hineinpasst. Das ist eigentlich ganz einfach, denn Kultur ist schlicht alles jenseits von Klischees und Vorurteilen.

Betroffene Frauen finden weitere Informationen unter diesen Links – schauen sie mal rein und lassen Sie sich Mut machen.

“Meine Geschichte” 

Leseprobe des Buches

Homepage von Katy Buchholz

 

 

Literarische Klassiker – Teil 2

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Literarische Klassiker 2

Im zweiten Teil unserer Literaturklassiker liegt der Schwerpunkt auf historischen Büchern. Neben dem erfolgreichsten deutschsprachigen Buch der Nachkriegszeit liegt der Fokus in den 70er Jahren. Die Studentenbewegung radikalisiert sich und das Land taumelt in den Terror der RAF. Der Journalist Stefan Aust hat hierzu mit “Der Baader-Meinhof-Komplex” das Referenzwerk dieser Zeit geschrieben. Es liefert chronologisch alle Hintergründe, die man allerdings mit den Details seit der Wiedervereinigung ergänzen müsste.

Einer der Gründe für den Protest in den 70er Jahren war sicher die fehlende Aufarbeitung der Deutschen Vergangenheit. Ein Meilenstein dafür ist die HITLER Biografie von Joachim Fest, die nicht unumstritten war, aber sprachlich und didaktisch ein echtes Meisterwerk ist. Ein absoluter Lesegenuss, der ebenso viele Fragen beantwortet, wie er neue Fragen aufwirft.

 

Douglas Coupland Amercian PolaroidsDouglas Coupland – AMERIKANISCHE POLAROIDS, erschienen 1996.

Kurt Cobain hat sich im März 1994 eine Überdosis gesetzt. Aber er überlebt. Und er geht in eine Entzugsklinik. Ein junger Amerikaner ist erleichtert, ist Cobain doch eine Ikone, ein Vorbild für ihn. Er schreibt ihm einen Brief und ist dankbar dafür, dass Cobain sich ändern will.
Der Leser aber, der in den 90er Jahren erwachsen wurde, weiß, wie die Geschichte ausgeht. Cobain flieht wenige Tage später aus der Entzugsklinik und bringt sich um. Nur eine Geschichte von vielen. Coupland nennt sie “Reportagen”. Er fängt den amerikanischen Zeitgeist ein. Es ist das Begleitwerk zu “Generation X”.

 

 

Patrick Süskind - Das ParfümPatrick Süskind – DAS PARFÜM, erschienen 1985

Es ist das erfolgreichste Buch eines deutschsprachigen Autors nach dem Zweiten Weltkrieg. Patrick Süskind, Sohn eines angesehenen Germanisten, hatte zunächst “Der Kontrabass” veröffentlicht. Ein Ein-Mann Theaterstück – bis heute das meist aufgeführte Theaterstück auf deutschen Bühnen. Sein Romandebut wurde belächelt und zunächst mit einigem Wohlwollen besprochen. Dann aber wurde es zum Selbstläufer, der jahrelang auf den Bestsellerlisten stand.
Jean Baptiste Grenouille, in die Gosse Mitte des 18. Jahrhunderts hineingeboren, hat ein besonderes Talent: er hat die sensibelste Nase, die je ein Mensch gehabt hat. Er kann die Nuancen von Parfums erriechen, ihre Zusammensetzung, aber er kann auch die Gerüche des Alltags exakt auseinanderhalten. Seine Schwäche für junge, schöne Frauen machen ihn zum Mörder. Denn er ist auf der Suche nach dem perfekten Parfum.
Süskind kann unglaublich spannend und treffend erzählen. Auch die wenigen anderen Werke des Autors oder seine Drehbücher (“Kir Royal”, “Monaco Franze”) zeugen vom unglaublichen erzählerischen Talent. Mit dem Welterfolg “Das Parfum” hat er ausgesorgt – vielleicht geniesst Süskind das Leben lieber, anstatt noch mehr zu schreiben.

 

Baader Meinhof KomplexStefan Aust – DER BAADER-MEINHOF KOMPLEX, erschienen 1985

Stefan Aust, Chefredakteur von so unterschiedlichen Blätter wie “St. Pauli Nachrichten” und “Der SPIEGEL” war mittendrin im heissen Herbst. Er kannte Ulrike Meinhof, war sogar an der Rückführung ihrer beiden Töchter nach Deutschland mit beteiligt.
Die Beschäftigung mit der Baader-Meinhof Bande, aus der später die RAF entstanden ist, wird zu seinem “opus magnum”. Der BAADER-MEINHOF-KOMPLEX ist ein detaillierter Abriss der Geschichte der RAF, Grundlage für so viele Dokumentationen und dem gleichnamigen Spielfilm von Bernd Eichinger.
Wer sich als Kind nach an die ausgehenden 70er Jahre erinnern kann, der wird hier erfahren, warum sich viele Dinge genau so zugetragen haben. Einziges Manko dieses Buches: viele Dinge, besonders in Bezug auf Vermutungen zu Tatbeteiligten (Wer hat Schleyer erschossen?) gründen auf den Angaben des Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock, der nachweislich gelogen hat und dem sämtliche seiner Mitstreiter Geltungssucht unterstellen. Dennoch ist dieses Buch ein Echolot der BRD mit vielen Fakten, die die Radikalisierung junger Menschen ausgehend vom Mord an Benno Ohnesorg, beschreiben.

 

DürrenmattFriedrich Dürrenmatt – DER RICHTER UND SEIN HENKER / DER VERDACHT, erschienen 1950/51

Das sind die beiden Kriminalromane mit dem todkranken Kommissar Bärlach. Ich musste “Der Richter und sein Henker” in der Schule lesen und habe es gehasst. Dann habe ich den Roman noch mal gelesen, sehr viel später, die Verfilmung gesehen, die Fortsetzung mit den Titel “Der Verdacht” und schließlich viele andere Bücher von Dürrenmatt. Ein scharfsinniger Denker, der ganze Passagen weglässt und dem Leser die Schlussfolgerungen überlässt. Wir wissen, wie der Richter Bärlach seinen Henker Tschanz überführt hat, auch wenn Dürrenmatt es gar nicht erwähnt.
Ich vertrete ja die These, dass noch nie ein gutes Buch deswegen geschrieben wurde, weil sein Autor damit Geld verdienen wollte. “Der Richter und seine Henker” ist die einzige Ausnahme, die diese Regel bestätigt. Dürrenmatt hat die Geschichte in acht Folgen in einer schweizerischen Zeitung veröffentlicht, nicht ahnend, dass dies mal ganz große Weltliteratur werden würde.
Dürrenmatt nannte sich selbst einen “Gedankenschlosser” – sein Schreiben ist akribisches Handwerk, spannend noch dazu. Mit den Geschichten um den Kommissar Bärlach hat er die Referenzwerke für gelungene Kriminalromane geschrieben.

 

Der SteppenwolfHermann Hesse – DER STEPPENWOLF, erschienen 1927

Vermutlich gibt es kaum ein Buch, bei dem sich so viele Menschen wieder erkennen. Das Traktat des Steppenwolfs beschreibt den Menschen, als einsam suchendes Individuum. Die Gedanken, die einen jeden von uns umtreiben, sind in diesem Klassiker gebündelt vereint. Aber nicht philosophisch hochtrabend oder schwer zugänglich – im Gegenteil. Von Hesse kann man alles einfach herunterlesen.
Ich habe Hesse mal als besten Kompromiss zwischen Unterhaltung und Tiefgründigkeit bezeichnet. Neben “Homo Faber” von Max Frisch und “Stoner” von John Williams gibt es eben nur noch den Steppenwolf, der uns den allgemein gültigen existenziellen Fragen des einfachen Menschen näher bringt. Wer diese drei Bücher nicht kennt, der wird das Menschsein niemals wirklich begreifen…

 

 

Briefe an SartreSimone De Beauvoir – BRIEFE AN SARTRE (1930-1939), erschienen 1997.

Eigentlich sollte dieser Briefwechsel bereits kurz nach Sartres Tod Anfang der 80er Jahren unter der Regie von Simone de Beauvoir erscheinen. Das geschah aber nicht, weil Beauvoir ihre Briefe an Sarte nicht mehr finden konnte und vermutete, sie seien bei einem Brand vernichtet worden. Erst bei einem Umzug fand die letzte Lebensgefährtin von Beauvoir die Briefe und sie wurden so erst in den 90er Jahren veröffentlicht.
Was erzählt uns die Korrespondenz der Wegbereiterin des Feminismus und des vielleicht wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts? – In diesem Fall ist der Briefwechsel einseitig (einen Band mit den passenden Briefen Sartres gibt es ebenfalls) und zeigt viel Banales, Alltägliches. Aber ab und an offenbaren sich ganz neue Wesentlichkeiten der Feministin. Und die haben es in sich.
Die Briefe werfen ein ganz neues Licht auf die Feministin. Wenn Sie Sartre “Kleines, liebes Geschöpf” nennt und Sartre wohl der Einzige für sie war, der die für Frauen so typische, aber für die Feministin untypische Seite zum Vorschein bringt: “… meine Liebe zu ihnen hat alles verwüstet … ein richtiger Feuerstoß …”
Ich bin sicher: ohne Sartre hätte Beauvoir niemals ihr Werk erschaffen können. Und die zentralen Thesen des Feminismus sollten im Kontext dieser Briefe endlich mal neu bewertet werden. Vielleicht werden sich viel mehr Frauen ihrer eigentlichen Weiblichkeit bewusst und leugnen nicht mehr länger biologische Bestimmungen.

 

Joachim Fest HitlerJoachim Fest – HITLER – Die Biographie, erschienen 1973

Deutschland Anfang der 70er Jahre. Die Republik erholt sich von den Studentenunruhen. Die Jugend aber begehrt weiter auf und will die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Bahnbrechend für die intellektuelle Aufarbeitung ist der Bestseller “Hitler” der Historikers Joachim Fest.
Das Buch ist eine Mischung aus Biographie, Soziogramm und Geschichtsbuch. Ein sprachlich unerreichter Geniestreich, der es tatsächlich schafft, selbst für Nachgeborenen, die Person “Hitler” aus der Verwobenheit von Tatsachen und Mythos heraus zu schälen. Ein Lesegenuss sondergleichen. Jede Biographie, die sich an diesem Maßstab orientiert und ihn auch nur ansatzweise erreicht, wird zu einem Referenzwerk.
Die Biographie war monatelang auf den Bestsellerlisten. Sie war Grundlage für den Film “Der Untergang” und machte Fest zu einem gefragtesten Historiker der Republik.

 

 

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REWORK – Eine Pflichtlektüre

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Maßstab einer jeden Wirtschaftsleistung ist der Profit. Mehr, mehr und mehr, mit so wenig Personal wie möglich. Wer Millionen hat braucht noch mehr Millionen. Wachstum ist Alles. Dass diese Philosophie irgendwann ins Verderben führt, haben die Intellektuellen des “Club Of Rome” schon vor über dreißig Jahren erkannt. Es ist ja auch logisch – wenn der Kuchen aufgeteilt ist, dann ist er aufgeteilt. Dann lassen sich die Wachstumsparameter nur noch künstlich erzeugen, durch Schulden oder undurchsichtige Finanzprodukte.

Jason Fried Rework

Bisher gibt es nur wenige Vertreter in der Ökonomie, die diese Erkenntnis in die Tat umsetzen oder gar als konträre Philosophie den Mechanismen unserer Zeit gegenüber setzen. Jason Fried, Macher des Blog 37signals.com und Erfinder des innovativen Frameworks „Ruby On Rails“ (findet sich in zahllosen Anwendungen des Internets) hat REWORK als Nebenprodukt seines Blogs publiziert. Es ist ein internationaler Bestseller und ein stark polarisierendes Buch, was nach meinem Verständnis in dieser Thematik ein Qualitätsmerkmal ist.

„Planning is guessing“, „Meetings are toxic“ – Ich bin mir nicht mal sicher, ob Fried mit meiner Einschätzung, dass seine Einstellung ein Gegenentwurf zu althergebrachten kapitalistischen Ansätzen ist, überhaupt einverstanden wäre. Fried sieht nicht das große Ganze, sondern argumentiert immer auf individueller Ebene. REWORK ist eine Betriebsanleitung, wie man heute „Unternehmer“ sein kann und gleichzeitig den individuellen Anforderungen an das eigene Leben gerecht werden kann. Vier Tage Arbeit die Woche, wann ist egal, solange die Arbeitsziele erreicht werden, keine Hierarchien, Vertrauen und das Auflösen von Paradigmen:

• Welchen Grund sollte es für das andauernde Anstreben von Wachstum geben?

• „Workaholics“ oder sogar Überstunden sind kontraproduktiv

• Warum sich an der Konkurrenz orientieren?

• Lebensläufe und Zeugnisse haben keine Aussagekraft

… und viele weitere Aussagen, die allesamt in ein Gesamtkonzept passen. Fried und seine Unternehmung sind selbst das beste Beispiel für die Richtigkeit dieser Ansätze.

REWORK ist aber keine Bibel und Fried kein Messias. Er ist keinesfalls ein Kritiker des Kapitalismus oder ein Weltveränderer. Der entscheidende Gedanke ist, dass Unternehmer selbst, so wie er einer ist, zu logischen Schlussfolgerungen kommen, die immer breiter, immer intensiver und immer häufiger diskutiert werden. Egal, welchen Teilaspekt der Thesen von Fried man diskutieren mag – die Diskussion wird sich um die wirklich wesentlichen Fragen drehen. Es gibt nämlich keine rationalen Gründe für unendliches Wachstum, es gibt keine Gründe für Überstunden, wenn der Mensch eh nur zu einem gewissen Maße am Tag produktiv sein kann. Wird diese Grenze ständig bis ans Limit ausgereizt, dann hat das immer negative Folgen.

Noch viel spannender dürften die sich anschließenden Diskussionen sein. Fried sagt eindeutig, dass eine auf reiner Delegation basierende Hierarchie ohne Wissenstransfer unproduktiv ist – die Struktur ist der Anker für Substanz. Fried sagt auch, eine Kultur entsteht nicht aus dem Nichts. Kultur ist die Substanz. Er definiert diesen Begriff nicht und eben das ist spannend. Fried setzt in seinem Text das um, was er propagiert – man braucht sich gar nicht in Wesentlichkeiten verlieren. Die Wesentlichkeiten sind klar und ergeben sich von selbst, wenn die Ansprüche stimmen und Menschen mit Respekt behandelt werden.

Das kleine Königreich BHUTAN macht es vor: Maßstab für die Regierungsarbeit dort ist nicht das Bruttoinlandsprodukt, sondern ein „Glücksindex“. Das sagt mehr über die individuelle Zufriedenheit der in einem Land lebenden Menschen aus, als ein Wachstumsfaktor. Und es gibt nicht wenige Intellektuelle, die das ähnlich sehen, die diese scheinbare naive Idealisierung auf die Tagesordnung heben. Der „Club Of Rome“ macht dies seit Jahrzehnten. Jason Fried und sein Buch „REWORK“ ist Vorreiter dafür, dass dieses Denken auch bei ökonomischen Schlüsselfiguren angekommen ist – REWORK sollte Pflichtlektüre für alle angehenden Unternehmer und Manager in großen Unternehmen sein.

Literarische Klassiker – Teil 1

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Literarische Klassiker - Teil 1

Sie möchten eigentlich viel mehr lesen und wissen nicht, wo Sie anfangen sollen? Wir stellen Ihnen in diesem Artikel einige Klassiker vor, die absolut lesenswert sind. Sie werden feststellen, dass viele der Bücher noch gar nicht so alt sind. Aber doch sind es Klassiker. Wie etwa “Vaterland” von Robert Harris. Ein Thriller, der Maßstäbe gesetzt hat und für viele aktuelle Bücher und Autoren dieses Genres Vorbild sein dürfte.

Es sind aber auch biografische Texte dabei. Die Tagebücher des Kurt Cobain, die zwischen genialen Einfällen, Depression und Unsinn wandeln. Oder der Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und ihrem Verlobten an der Ostfront. Sie entschließt sich zum Widerstand, aber dem Mann, den sie liebt, darf sie in der kontrollierten Feldpost nur andeutungsweise mitteilen, was sie denkt.

Und sie sollten die Geschichte von Christopher McCandless kennen lernen – eine erfolgreiche berufliche Laufbahn vor Augen entschließt er sich, seine Ausweispapiere und sein Geld zu verbrennen und einen Traum von unabhängigem Leben in der Natur Realität werden zu lassen …

 

Robert Harris VaterlandROBERT HARRIS – VATERLAND, erschienen 1992

Robert Harris ist mittlerweile einer der größten Thriller-Autoren der Gegenwart. Mit seiner Mischung aus historischen Fakten und Fiktion sind seine Bücher ein eigenes Sub-Genre. VATERLAND war sein erster Welterfolg und ist bis heute unerreicht.
Die Geschichte spielt im April 1964. Deutschland hat den 2. Weltkrieg gewonnen und GERMANIA, die Reichshauptsstadt macht sich für den 75. Geburtstag Hitlers bereit. Der amerikanische Präsident Joseph Kennedy hat seinen Besuch angekündigt, um einen Friedensvertrag mit dem Deutschen Reich zu unterzeichnen. Wenige Tage zuvor findet der Berliner Kriminalkommissar Xaver März die Leiche eines hohen SS-Funktionärs. Er war der letzte Überlebende der “Wannseekonferenz”. Und bisher wusste die Welt nicht, was auf dieser Konferenz beschlossen worden war … .
Ein Thriller, der Maßstäbe setzt.

 

 

Kurt Cobain TagebücherKurt Cobain TAGEBÜCHER, erschienen 2002.

“Das hier sollte nicht ernst genommen werden.
Das hier sollte nicht als Meinungsäußerung gelesen werden.
Das hier sollte als Poesie verstanden werden.”

Wie auch seine Songtexte selbstverständlich als Poesie durchgehen könnten, so auch die Tagebücher von Cobain. Sie sind hingerotzter Zeitgeist. Es sind keine “Bücher” sondern Notizhefte, die als Faksimile mit abgedruckt sind.
Cobain ist mit der Zeit, in der er lebt, schlichtweg nicht einverstanden. Ressentiments, falsche Schwerpunktsetzung, zu wenig Auflehnung gegen die Elterngeneration. Cobain sagt von seinen Eltern, dass er sie über alles liebt, obwohl es nichts gibt, in dem er mit ihnen übereinstimmt.
Aus diesem Dilemma, aus diesem Hass an den Zeitgeist, der sich kaum ikonifiziert, der für Cobain kein Gesicht hat, entstehen diese Notizen – aus vielen dieser Gedanken entwickeln sich die Songtexte, die eine ganze Generation beeinflusst haben.
Eine Mischung aus Poesie und dokumentiertem Zeitgeist. In Verbindung mit der Musik von Nirvana eine teuflisch gute Dokumentation.
Ich für meinen Teil mag von Cobain heute nur noch die Musik. Die Tagebücher zeigen einen Reifeprozess, der bei Cobain niemals einen Abschluss gefunden hätte. Als Künstler ein Genie, als Mensch ein Idiot. Zu diesem einfachen aber faszinierendem Urteil führen diese Tagebücher.

 

Sophie Scholl Fritz HartnagelSophie Scholl / Fritz Hartnagel – DAMIT WIR UNS NICHT VERLIEREN – Briefwechsel 1937-1943, erschienen 2005.

“Als gestern der Russe ein recht heftiges Feuer auf unsere Stellungen legte und ringsherum der Kriegslärm tobte, saß plötzlich ein Vöglein am Rande meines Schützenlochs und piepste vergnügt, als ob sich darum gar nicht kümmern würde. Ich weiß nicht was mich dazu bewegte in diesem Moment so sicher anzunehmen, dass dies nur ein Gruß von Dir sein könnte.”

Das schreibt der Oberleutnant Fritz Hartnagel am 09.12.1942 in der Nähe von Stalingrad an seine Freundin zu Hause, die jungen Studentin Sofie Scholl. Bis März 1943 bleibt er in Stalingrad und wird mit Erfrierungen mit einem der letzten Flugzeuge ausgeflogen.
Hartnagel hat sich immer gegen eine Veröffentlichung dieser Briefe gewehrt. Er wollte sich nie im Ruhm der “Weissen Rose” sonnen – er sei schließlich selbst nicht im Widerstand gewesen, hat sich aber nach dem Tod der Geschwister Scholl bis zu seinem Tod 2001 für einem ihm eigenen, sehr bodenständigen Pazifismus engagiert. Eine Lesung dieser Briefe, die im Besitz seine Ehefrau, Elisabeth Scholl, eine Schwester von Sophie Scholl sind, anlässlich des 60. Jahrestag der Hinrichtung der Geschwister Scholl, hat dann doch zu einer Veröffentlichung geführt. Was für ein Glück für die Nachwelt.
Die Briefe haben durch die Kenntnis von uns Nachgeborenen einen besonderen Wert. Sophie Scholl durfte niemals ihren Verlobten in Gefahr bringen – Fritz Hartnagel ahnte bis zuletzt nichts von ihrer Zivilcourage. Auch die Berichte, die von der Ostfront kamen, zeigten niemals die ganz Bandbreite des Grauens dort, denn die Feldpost wurde stark zensiert.

Dennoch lässt sich an der Tiefe der Worte erkennen, was zwischen den Zeilen ungeschrieben bleiben musste. Besonders im Hinblick auf das Schicksal dieser beeindruckenden jungen Frau.

“So hart und schrecklich diese Tage sind, sie machen mich frei von irdischen Wünschen.” – (Fritz Hartnagel)

“Du weißt, wie schwer ein Menschenleben wiegt, und man muss wissen, wofür man es in die Waagschale wirft.” – (Sophie Scholl)

Sofies WeltJostein Gaarder – SOPHIES WELT, erschienen 1991.

Das erfolgreichste Buch der Nachkriegszeit in Europa. Gaarder, der jahrelang als Autor von seiner Frau durchgefüttert wurde und die immer an den literarischen Durchbruch geglaubt hat, legt mit dieser als Kinderbuch konzipierten Geschichte einen umfassenden Einstieg in die Philosophiegeschichte vor. Als Einstieg ins wahrhaftige Denken ebenso geeignet, wie als tatsächliches Kinderbuch. Das Buch sollte Pflichtlektüre an jeder Schule sein.

Es ist ein einzigartiges Buch. Auch wenn alle nachfolgenden Bücher von Gaarder immer in den Bestsellerlisten aufgetaucht sind, so ist so ein Jahrhundertwerk ist einzigartig. 45 Millionen mal verkauft und in 65 Sprachen übersetzt ist dies zwar ein Kinder- oder Jugendbuch. Aber wer die wichtigsten Stationen der Philosphiegeschichte einfach erklärt haben möchte, findet hier den perfekten Einstieg. Es könnte am Anfang jeder Lesereise in die Philosophie stehen.

 

Ausweitung der KampfzoneMichel Houellebecq – AUSWEITUNG DER KAMPFZONE, erschienen 1994.

Mit Abstand das bedeutendste Buch der letzten Jahre. Houellebecq, leider immer wieder auf sein Buch ELEMENTARTEILCHEN reduziert, ist ein großer Romancier, der literarische Chronist unserer Zeit.
Zwei Männer in einer Midlife-Crisis, lebend in einer stereotypen Welt, in einer Tretmühle, reflektieren ihr Dasein, reflektieren ihre Welt, ihre Triebe, ihre Wirkung auf Frauen. Und wir, die Leser, finden uns wieder. Wir leben nur Möglichkeiten um Möglichkeiten zu haben. Wir erweitern unsere Kampfzone, aber wir kämpfen nicht.

Die permanente Jagd des Menschen nach Bedeutung und nach Selbstoptimierung wird hier der nackten Realität ausgesetzt. Ein Spiegel der Zeit, Absatz für Absatz Momente, in denen sich jeder Mensch wiederfinden kann.

 

Into The WildJon Krakauer – INTO THE WILD, erschienen 1996

Der Journalist Jon Krakauer liest 1992 per Zufall eine Randnotiz in einer Zeitung über den Fund einer Leiche eines jungen Mannes in der Wildnis von Alaska. Er beginnt zu recherchieren und findet die Story seines Lebens. Christopher McCandless war ein junger Mann, den es radikal in die Wildnis zog. Er spendete sein Vermögen, brach alle Kontakte ab, vernichtete seine Ausweispapiere und zog durch ganz Amerika. Im Kanu durch den Grand Canyon, als Holzfäller im Norden und schließlich, als Ziel seiner Reise, ein einsames und abgeschiedenes Leben in Alaska. Seine Naivität und Fahrlässigkeit kosten ihm 1992 das Leben.
Krakauer, freier Journalist und Autor, zeichnet die Reise von McCandless nach und begibt sich auf eine detaillierte Spurensuche. Das Buch war Vorlage für den tollen gleichnamigen Film, bei dem Sean Penn Regie führte und Eddie Vedder (Pearl Jam) den Soundtrack beisteuerte.

 

 

Die verlorene Ehre der Katharina BlumHeinrich Böll – DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM, erschienen 1974

Im Januar 1972 hatte Böll für den SPIEGEL einen Essay geschrieben, der wohl in der Geschichte des Nachrichtenmagazins einmalig war. “Will Ulrike Meinhof Gnade oder Freies Geleit” war der Titel. Es ging um die Baader-Meinhof Bande bzw. um den deutschen Boulevardjournalismus der BILD-Zeitung, den Böll wegen dummer Vorverurteilungen von Menschen massiv angreift. Spätestens seit den Recherchen von Günter Wallraff wissen wir, wie Recht er hatte.
Die Folge waren Drohungen gegen Böll. Ein anderer Kölner, der ebenfalls Heinrich Böll hieß, mit dem Schriftsteller aber nicht gemeinsam hatte, brauchte Polizeischutz.
Um zu illustrieren, wie sehr die Rufmord-Kampagnen einer Zeitung einen Menschen zerstören können, erfindet Böll die dokumentarische Geschichte der Katharina Blum, die einen One-Night-Stand mit einem ihr nicht bekannten Terroristen hat und so in das Fadenkreuz der Medien gerät. Nicht nur ihr Leben, das Leben einer völlig unpolitischen Person, ein Mauerblümchen, sondern auch das der Menschen in ihrem nächsten Umfeld wird beeinträchtigt oder gar zerstört. Am Ende verliert die Blum ihre Ehre und begeht einen Mord. Einen Mord, den man sich als Leser geradezu herbeisehnt.
Eine minutiös zusammengetragene dokumentarische Geschichte, bei der wirklich jeder Handlungsstrang in den anderen greift und auch die kleinsten Puzzleteile ein tief verwobenes Gesamtbild ergeben. Eine mutige Geschichte, die sicher auch den Ausschlag für den Nobelpreis für Böll geliefert hat.

 

 

 

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Bunt. Vielfältig. Kreativ. – Comics als Kultur in Reinform

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Hulk

Welches kulturelle Genre ist ihrer Meinung nach die pure Inkarnation von Kultur? Was ist gelebte Kultur in Reinform? Zu welchem Medium greifen wir, wenn wir uns entspannen oder uns in wirklich abgrundtiefe Fantasiewelten begeben wollen? Richtig! Die Antwort lautet : Comics! – Von mir schon in den 80er Jahren gelesen, aber immer nur sporadisch, denn das knappe Taschengeld musste auch für andere Sachen ausgegeben werden. Jetzt kann sich der gealterte Nerd die richtigen Comics leisten. Hier mein Bericht über das Eintauchen in die zwei tonangebenden Comic-Universen der letzten Jahrzehnte.

Die zwei Mainstream Universen der kommerziellen Comicwelt

Auch wenn ich jetzt den Hass aller Liebhaber des Indiependent Comics, der Manga-Fans und der exklusiven Graphic Novels auf mich ziehe – die gemeine Comicwelt können wir in zwei Kontinente unterteilen: “DC Comics” und “Marvel”. Diese beiden Universen repräsentieren die kommerzielle Comic-Welt, sichtbar in unzähligen Verfilmungen in den letzten Jahren. Gerade in diesem Jahr haben “Avengers: Endgame” und “X-Men: Dark Phoenix” durch ihren kommerziellen Erfolg genau das belegt. Aber wie ist der normale Ablauf? Erst die Comics lesen und dann den Film schauen? Ich vermute, dass viele Menschen die Comics gar nicht kennen und diese nicht gelesen haben. Selbst meine Wenigkeit dürfte zu der Minderheit gehören, die die unter dem CONDOR Verlag in den 80er und 90er Jahre erschienenen Comics gelesen haben. “Der Eiserne” statt Ironman oder “Die Spinne” statt SPIDERMAN. Bunte, jugendliche Comics, die viele der heute verfilmten Geschichten vorweggenommen haben. Dahinter steckt aber mehr.

Die beiden Verlage wurden in den USA gegründet und hatten ihre erste sehr erfolgreiche Phase in den 30er und 40er Jahren gehabt. Speziell bei Marvel lässt sich konstatieren, dass die Superhelden ein Produkt der Nachfrage nach Heldengeschichten rund um den 2. Weltkrieg sind. “Captain America” als Verkörperung einer nationalen, unbesiegbaren Identität oder der HULK als Nebenprodukt des Atomzeitalters. Nach einer Durststrecke in den 50er Jahren, die übrigens mit der politischen eher konservativen Stimmung zusammenhing, welche Comics per se als etwas Minderwertiges abstempelte, gab es Ende der 50er Jahre ein Comeback. Das trifft für beide Verlage gleichermaßen zu. In diese Zeit fällt auch die erste von drei Phasen, in denen man versuchte, den internationalen Markt zu erobern. Das misslang – deutsche Erstausgaben von “Der Eiserne” (eingedeutschter IronMan) aus dieser Zeit haben heute hohe Sammlerwerte. In den 80er Jahren dann eine zweite Phase – lokale Verlage veröffentlichen die Comics in Lizenz und diesmal mit Erfolg. An nahezu jedem Kiosk waren die Hefte und Taschenbücher verfügbar. Das war auch die Zeit, in der ich diese Geschichten gelesen habe.

Erfolg seit der Jahrtausendwende

Mit dem Erfolg von Comicverfilmungen zur Jahrtausendwende beginnt eine dritte Phase, die sich speziell in den letzten Jahren in zahlreichen Neu- bzw. Wiederveröffentlichungen zeigt. Zwei davon möchte ich hier vorstellen. Zunächst aber noch eine Abgrenzung zwischen den beiden Comic-Universen:

Das Marvel-Universum ist deutlich größer. “Avengers”, “X-Men”, “HULK”, “Daredevil”, “Thor”, “Spiderman”, “Iron Man” und auch zahlreiche Serien wie “Defenders”, “Agents of S.H.I.E.L.D” oder “Punisher” gehören in dieses Universum, wohingegen DC zwei spezielle Helden hat: “Superman” und “Batman”. Aber auch “Wonder Woman” oder “Aqua Man” gehören dazu. Es gibt übrigens auch eine Verbindung zwischen beiden Verlagen: Stan Lee. Der führende Kopf hinter Marvel (verstorben 2018) hat zeitweise auch für DC Comics gearbeitet und seinen Stil auf die DC Welt angewendet. Mit mäßigem Erfolg. Ich erinnere mich, in meiner frühen Jugend mal eine Batman Variante gelesen zu haben, bei der Peter Parker alias Spider-Man irgendwo durch Gotham City turnt. Und ich erinnere mich ebenfalls, dass das ziemlich albern war. Beide Universen sind also getrennt erfolgreicher. Mittlerweile stehen hinter beiden Verlagen große Global Player. Warner Bros ist der Mutterkonzern von DC Comics und Marvel steht unter der Kontrolle von Disney.

Arkman Asylum CoverBatman – Arkham Asylum

Jetzt aber zu den Comics selbst. Ich habe zwei Bände exemplarisch herausgesucht, die beide Welten ganz gut repräsentieren. “Batman: Arkham Asylum” ist das Aushängeschild aller Comics, die Batman zum Thema haben. Und hier muss man wirklich sehr genau unterscheiden. Die gleiche Unterscheidung wie bei den Verfilmungen – von der albernen Serie aus den 60er/70er Jahren mit Batman in Strumpfhosen, über die monumentalen Fantasy-Schinken, in denen selbst George Clooney als Batman glänzen konnte, bis hin zu der Dark Knight Trilogie von Christopher Nolan. Kurz und knapp lässt sich sagen, dass es als Gegenstücke zu diesen Verfilmungen auch die passenden Comics gibt. “Arkham Asylum” ist düster, sehr düster – kein Comic für Kinder. Es ist DER Klassiker der Comics überhaupt und schafft perfekt das, was einen Comic auszeichnet: eine Atmosphäre, die eben nur in einem Comic aufgebaut werden kann.

“Arkham Asylum”, die Irrenanstalt, in der sämtliche Gegenspieler von Batman inhaftiert sind, ist unter der Kontrolle des Jokers. Der verlangt nach Batman. Batman solle dahin kommen, wo er hingehört – in die Irrenanstalt. Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, tötet der Joker eine junge Angestellte, während er mit Batman und Commissioner Gordon telefoniert. Batman hat keine andere Wahl – er muss sich stellen. Und er wird selbst zu einem Opfer – “Ich will, dass er erfährt, wie es ist, wenn klebrige Finger in den schmutzigen Ecken seines Geistes herumstöbern”, sagt der Joker.

Die Geschichte selbst macht einen Spagat zwischen Naivität und Psychologie. Es werden Dinge wie Missbrauch und Persönlichkeitsstörungen angeführt – wie gesagt, kein Comic für Kinder. Manche Zeichnungen sind dabei beinahe fotorealistisch. Der Zusammenschnitt der Bilder, wie abgekapselte Kamerafahrten, der stets düstere Hintergrund, die Schemenhaftigkeit von Batman und die spitze Überzeichnung des irren Jokers. Seite für Seite wird man in den Sog dieser ganz eigenen Welt hineingezogen. Dieser Comic gilt als “genrebildend” – die Mutter der Graphic Novel. Im Original ist er im Jahr 1989 erschienen und basiert der 1974 zum ersten Mal erwähnten Irrenanstalt von Gotham City. Der Titel “Arkham Asylum” ist eine eigene Marke und war unter anderem Titel für ein sehr erfolgreiches Computerspiel.

Christopher Nolan hat mit seinen drei Batman Filmen versucht, genau diese Stimmung einzufangen. Aber das ist – wenn man diesen Comic gelesen hat – nur zum Teil gelungen. Als Batman etwa im Verhörraum auftaucht und sich den Joker schnappt. Dabei es ist völlig egal, was Batman tut. Noch so viel Kraft, noch so viel rohe Gewalt können Batman nicht zum Ziel führen. Er hat genauso zwei Facetten wie sein Kontrahenten.

Die neuen X-MenDie neuen X-Men

Hat in Gotham City eigentlich niemand wirklich Superkräfte – Bruce Wayne alias Batman kann sich jeden heißen Scheiß leisten und damit sein technisches Arsenal verbessern – haben die X-Men aus dem Marvel Universum sehr wohl Superkräfte. Ihre Daseinsberechtigung folgt einer inneren Logik, die, wenn man sie akzeptieren mag, auch diese Comicreihe in einem gewissen Realismus leben lässt: es gibt Menschen und es gibt Mutanten. Die Mutanten habe eine bestimmte Eigenschaft. Sie können fliegen, sich teleportieren, ein Element beherrschen oder Telepathen sein. Sie sind klassifiziert nach diesen Kräften. Und die können gigantisch sein.

Die X-Men sind innerhalb dieser Mutanten eine besondere Gruppe. Sie haben sich zusammengeschlossen, um eine friedliche Koexistenz mit den Menschen zu garantieren und kämpfen daher für sie und mit ihnen gegen die Mutanten, die in der Menschheit eine aussterbende Spezies sehen. Auch bei den Menschen gibt es Individuen, die die Mutanten loswerden wollen und sie bestenfalls für Gen-Experimente missbrauchen. Hinter diesen jeweiligen Gruppen stehen zwei besondere Anführer. Professor Charles Xavier ist Kopf der X-Men. Als Professor für Genetik ist er selbst ein mächtiger Mutant, der als Telepath alle Menschen und alle Mutanten der Welt erreichen kann. Sein Gegenstück ist “Magneto”, eigentlich Eric Lensherr, dessen Biografie sehr tragisch und dramatisch abläzft. Als Junge wird er Opfer der Nazis, die seine Kräfte missbrauchen wollen. Er verliert seine Eltern und später auch seine Familie, als er versucht, seine besonderen Kräfte zu ignorieren: er kann Metall manipulieren und als Waffe einsetzen. Der Idealismus von Xavier und der von Rache und Enttäuschung getriebene Magneto – das sind die beiden Pole, zwischen denen die X-Men wandern.

Ich möchte hier exemplarisch den ersten Band der “Die neuen X-Men – Gestern und Heute” vorstellen. Ich kann allerdings diesen Band und diese Reihe nicht genau einordnen. Vielleicht findet sich unter den Leserinnen und Lesern des Kultur-Magazins jemand, der sich auskennt und in den Kommentaren für Klarheit sorgen mag. Es gibt nämlich noch eine weitere Reihe die sich “Neustart” nennt und ebenfalls Geschichten der X-Men umfasst. Diese hier vorgestellte Reihe ist ein wenig an den Film “Gegenwart ist Vergangenheit” angelehnt, allerdings ist es Hank McCoy (alias “Beast”) der in die Vergangenheit reist und es ist Scott Summers alias “Cyclops”, der die Position von Magneto eingenommen hat. Xavier und Lensherr sind tot. Es wirkt wie eine Zeitreise basierend auf dem Ende der eigentlichen “X-Men” Filmtrilogie. Die X-Men einer düsteren Zukunft versuchen die Zeitlinie zugunsten einer besseren Zukunft zu verändern und suchen die Hilfe ihrer jüngeren Ichs. Was hier auffällt ist die Verbindung zu anderen Comicreihen, die bei den X-Men der Verfilmungen so nicht auftaucht. Während Iron Man zu den Avengers gehört, gibt es zwischen “X-Men” und den anderen Reihen eigentlich keine Verbindungen. Das ist in dieser Reihe anders. Hier werden Tony Stark (Iron Man) und auch Reed Richards (Fantastic Four) erwähnt. Wie also diese Reihe verglichen mit den “klassischen” X-Men zu lesen ist, kann ich im Moment noch nicht sagen. Ich werde mich aber auch der “Neustart-Reihe” bei Gelegenheit widmen und mir dort einen Einblick verschaffen.

Fazit

Vergleiche ich die X-Men mit “Arkham Asylum” so ist das schon eine andere Art von Comic. Ich glaube dieser Vergleich würde passen: “Arkham Asylum” entspricht “Schweigen der Lämmer” und X-Men entspricht “Matrix” – beides spannende Unterhaltung mit einem düsteren Background. Das eine psychologisch tiefgründig morbide, das andere Science-Fiction orientiert und realistisch wenn man die Grundprämisse akzeptiert. Das ist etwas, zu dem man generell bereit sein muss. Wer Comics als bunte dumme Bildchen und als Zeitverschwendung ansieht, wird mit meinen Ausführungen hier nichts anfangen können. Wer aber sowieso die Comicverfilmungen mag, der wird an dieser Art Comics – das gilt für beide hier vorgestellten Werke gleichermaßen – sein Freude haben. Ähnlich wie die Faszination, die man als Kind empfunden hat, ist es jetzt auch ein künstlerisches Vergleichen. Man kann fast eine gewissen Zeitlosigkeit, eine die Biografie begleitende Affinität erkennen. Die gipfelt in der Frage, wo ich zum Beispiel diesen Artikel einordnen soll – welche Rubrik passt zu diesem Artikel? Liest man Comics, dann ist es Literatur. Schaut man sich Comics an, dann ist es etwas Visuelles. Oder sind diese Ausführungen, mit denen der Nerd eine Brücke von seiner Jugend in die Gegenwart baut gar ein “Essay”. Gar nicht so einfach. Vielleicht schauen Sie sich mal die Batman Trilogie an und lesen “Arkham Asylum”. Oder die neuen X-Men Filme. Es ist ein grandioser Zeitvertreib, der Horizonte öffnet. Und dafür gibt es letztlich nur eine Bezeichnung: Kultur.

Collagen zwischen Alltag und Zeitgeist

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Über den Hamburger Künstler Erich Heeder

Mit dem Start des Kultur-Magazins habe ich auch von Anfang an eine Rubrik eingeplant, die ich schlicht „Menschen“ nenne und denen Menschen ein Porträt bekommen. Weil Sie Künstler sind, Autorinnen und Autoren, Kulturmenschen als wahrhaftige Influencer.

Heeder3Jetzt ist das erste Porträt fertig. Und es gehört dem Hamburger Stadtteilkünstler Erich Heeder. Warum? Nun, er war der erste Künstler, der mich seit dem Start des Kultur-Magazins über Facebook kontaktiert hat. Er hat gleich mit seinen ersten Sätzen an mich eine wichtige Frage aufgeworfen – Wann ist ein Künstler ein Künstler? Gibt es das Vorurteil, das ein Künstler im Auge des Betrachters nur dann ein Künstler ist, wenn er Kunst studiert hat? Oder ist Kreativität nicht generell etwas, dass jedem Menschen eigen ist. Ich vermute, dass Erich Heeder mit dieser Frage als Autodidakt und als Stadtteilkünstler immer wieder konfrontiert ist. Obwohl die Antwort eindeutig ist. Erich Heeder ist ein Künstler – er malt, er schreibt, er macht Skulpturen und er engagiert sich. Er ist unter anderem der Initiator des Hamburger Obdachlosenmagazins „Hinz&Kunzt“.

Auf der Facebook Seite des Kultur-Magazins gibt es als Titelbild immer wieder Fotos mit Zitaten berühmter Persönlichkeiten. Aktuell findet sich dort das Zitat: „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten. (Karl Kraus)“ – Erich Heeder macht darauf aufmerksam, dass die Schatten aber nicht kürzer werden sollten. Künstler werfen also Schatten und setzen gleichzeitig ihr Weltbild ins Licht. Erich Heeder zeigt das seit vielen Jahren in vielen Facetten, von denen einige exemplarisch besonders auffallen.

Er dokumentiert unter anderem eine Kunstform, die sich “De-Collage” nennt. Dafür braucht man ein gewisses Gespür, das Kunstvolle im Alltag zu erkennen. Grundlage hierfür ist die Arbeit von Mimmo Rotella – er hat in den 50er Jahren in abgerissenen Plakaten eine Ästhetik entdeckt und diese als De-Collage zur Kunstform erhoben. Erich Heeder, der Rotella persönlich getroffen hat, erkennt diese Ästhetik ebenfalls und macht sie für uns sichtbar. Gehen wir im Alltag an solchen Perspektiven, ohne sie zur Kenntnis zu nehmen, vorbei, dann braucht es Künstler wie Heeder, die genau diesen Blick haben und die De-Collage einfangen.

HeederDeCollage

HeederDeCollage2

Erich Heeder nutzt diesen Blick für das Wesentliche aber auch für den genau umgekehrten Weg. Er erschafft eigene Collagen, nicht selten mit einem durchaus zeitkritischen Kontext. Wie es sich gehört für einen Menschen, der mit offenen Augen durch die Welt geht. Bekannte Musikcover werden in einem Werk namens „Music is Open“ collagiert oder die exorbitanten Kosten der Elbphilharmonie auf der Überholspur illustriert – selbst Trump taugt bei Heeder wenigstens als Teil eines Kunstwerkes. Mit viel Raum für die eigene Fantasie und für die Interpretation eines Betrachters. Kunst ist universell, sagt Erich Heeder.

Heeder Auf finanzieller Überholspur

HeederCollageTrump

Es gibt noch viel mehr zu sehen. Ein Blick lohnt sich, Erich Heeder im Internet zu besuchen. Er hat eine eigene Homepage, mit vielen weiteren Informationen und auf seiner Facebook-Seite ist er stets präsent. Dort vereint er Kunst und Engagement.

Homepage von Erich Heeder

FacebookSeite von Erich Heeder

Alle hier verwendeten Fotos (c) Erich Heeder.

Der Autor als Prophet

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Martin Amis

Über die Essay-Sammlung “Im Vulkan” von Martin Amis

Martin Amis ist einer der angesehensten Autoren der Gegenwart. Ein Bestseller folgt dem Anderen. Es gibt aber noch eine andere Facette seines Schaffens. Amis war ursprünglich Autor bei der “Times”, dem “Observer” und “The NewYorker” – vor seinem Durchbruch als Autor und auch später, eigentlich bis heute. Seine Essays sind jetzt in einem Sammelband mit dem Titel “Im Vulkan” zu haben – und sie sind absolut lesenswert.

Martin Amis - Im VulkanEs ist ein geschickter Schachzug des Herausgebers (Daniel Kehlmann) dieses Buches, das Datum der ursprünglichen Veröffentlichung der jeweiligen Essays ans Ende des Textes zu setzen. Roman Polanskis Sichtweise auf besonders junge Mädchen erscheint so – zusammen mit den seit Jahren bestehenden Vorwürfen gegen ihn – in einem ganz anderen Licht. Würde der Artikel heute erscheinen, er hätte immer noch Sprengkraft. Der weltberühmte Filmemacher sagt “Jeder will junge Mädchen ficken” – als sei es eine Selbstverständlichkeit, so zu denken. Und Amis quittiert dies, in dem feststellt: “Der aktive Pädophile raubt Kindheiten. Polanski hat niemals auch nur versucht, diesen Zusammenhang zu begreifen.” Gleichzeitig schafft es Amis aber auch, diesen biografischen Moment in einer Hotellobby richtig einzuordnen. “Das Leben, das er lebt”, so der Titel dieses Artikel über Polanski, zeigt einen Menschen, der eigentlich mehrere Leben lebt. Filmemacher, Ehemann einer von der Manson-Bande bestialisch ermordeten Sharon Tate, Sohn einer Familie, die unendlich im Holocaust gelitten hat – und dann auch noch mutmaßlich pädophil. Amis gelingt es, in diesem schon 1980 im “Tatler” erschienenen Artikel, ein Porträt zu zeichnen, dass diese verschiedenen Leben als Verschmelzung möglich erscheinen lässt.

Aber das ist bei Weitem nicht alles. Er setzt sich mit einem beinahe naiven Salman Rushdie auseinander, kurz nachdem der Chomeni die Todesstrafe für die “Satanischen Verse” gegen ihn verhängt hat, trifft ihn, als er ohne Polizeischutz eine Kirche betritt. Oder er trifft auf den Meister der pittoresken Selbstinszenierung, Truman Capote, residierend im New Yorker – Amis erkennt und entlarvt, wie er ein oberflächliches Spiel mit ihm spielt. Das Abfertigen der notwendigen Journalisten als Bindeglied zum Publikum, das doch jeder Künstler braucht. Oder – mein Favorit – sein Besuch bei der Witwe und dem Sohn von Vladimir Nabokov, seinem Lieblingsautor, der eine bizarre Verklärung eines großen Autors zeichnet. Irgendwo zwischen Marketing und einer daran angeknüpften Heiligsprechung. Nabokov ist selbst für seine eigene Familie ein Mythos, der sie auch nach seinem Tod ernährt. Entrückt und unfassbar – es wird ganz eindeutig klar: man muss sich von Menschen entfernen, auch dann, wenn man sie geliebt hat, um sie zum eigenen Vorteil zu verklären. Amis schafft es, diesen Eindruck dem Lesen nahezubringen. Er scheint wie besessen von Nabokov zu sein – er taucht immer wieder in seinen Artikel auf. Manchmal sehr überraschend in seltsamsten Zusammenhängen.

Und da gibt es auch die oftmals bittersüssen Eingebungen zu Donald Trump – aktualisiert in den Kontext der Präsidentschaft eingebettet. Oder zu Steven Spielberg, den er 1982 zu Beginn seiner großen Karriere trifft. “Der Bart sieht wie ein nachträglicher Einfall aus, rasch aufgeklebt, wie ein Versuch, erwachsen zu wirken.”

Amis beobachtet eindringlich. Auf einer Lesereise durch Europa (Deutschland, Österreich, Tschechien) erinnert es sich an seine Begegnungen mit Tony Blair oder Angela Merkel. Es ist das Jahr 2015 – Anschläge, Flüchtlinge. Er schreibt in diesem sehr eindringlichen Artikel einen Absatz, den man heute, wenige Jahre später, als eine Art Prophezeiung deuten kann: “Und bereits jetzt war es, als hätte eine tektonische Kraft Europa ergriffen und hätte es – mit aller Kraft mit den Fingernägeln – hochgehoben und politisch gekippt, sodass eine große Schlammlawine in die Richtung alter Illusionen, alter Träume von Reinheit und Grausamkeit rutscht.”

Bildgewaltig. Ein großer Autor, ein großer Essayist. Und ich mag mich zu dem Urteil hinreißen: Jeder gute Essayist ist ein guter Beobachter und damit zwangsläufig ein Prophet.