Archiv der Kategorie: Literatur

Literarische Leckerbissen im August 2019

In unseren „Literarischen Leckerbissen“ stellen wir Ihnen besondere, ausgewählte Bücher vor – handverlesen sozusagen. Dabei sind Neuauflagen, Klassiker und hoffentlich ein paar echte Entdeckungen. Bitte klicken Sie auf die Cover oder die Autorenfotos für weitere Informationen.

Backcatalogue

Beginnen wir unsere literarischen Leckerbissen im August 2019 mit einigen angekündigten oder bereits erschienenen Büchern. Ein Klassiker – und neben „Das Parfüm“ von Patrick Süskind übrigens das erfolgreichste deutschsprachige Buch der Nachkriegszeit – erscheint zum 75. Geburtstag seines Autors als Neuauflage:  „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink. Unter anderem lesen Sie ein Nachwort von Jürgen Kaube (Herausgeber der FAZ).

Der 200. Geburtstag von Herman Melville wird gleich mit mehreren Neuauflagen gefeiert. Neben dem wohl bekanntesten Werk „Moby Dick“ gibt es für Sammler auch neue Editionen von „Billy Budd“ (mit einem Essay von Albert Camus) und den „Meistererzählungen“.

Wer Faksimiles mag, also exakte Abbildungen eines Tage- oder Notizbuchs mit zusätzlicher Transkription und Erläuterungen, der wird sich den 4. Band der Notizbücher von Bertolt Brecht nicht entgehen lassen dürft. Er umfasst die Zeitspanne 1921-1923. Es ist die Zeit der ersten großen Erfolge von Brecht und auch privater Veränderungen. Brecht geht nach Berlin, er wird Vater … . Das ist sicherlich eine spezielle Serie, geeignet für Brecht-Fans, die das Leben des Autors im Detail nachempfinden wollen.

„Orpheus“ Reloaded

Es gibt literarische Stoffe, die sind zeitlos. Manchmal werden sie in das Hier und Jetzt überführt. Und immer schwingt das Vorurteil mit, etwas Altbackenes, etwas längst Auserzähltes vor sich zu haben.

Nicht so bei dem Roman „Orpheus“ von Salih Jamal. Die Geschichte von „Orpheus und Eurydike“ ist einer der Klassiker wenn es um unerfüllte Liebe geht. „Orpheus“ ist in dem Roman von Salih Jamal jedoch keine Sagengestalt, sondern ein „Rock- und Bluessänger“, der sich mit Nebenjobs über Wasser hält. Er verliebt sich in Nienke, eine Anwältin, die Im Unternehmen seines Großvaters Zeus arbeitet. Der ist wie ein despotischer Patriarch und offensichtlich in einige miese Geschäft verwickelt. Sie können erahnen, in welche Richtung das geht – Salih Jamal transformiert den Klassiker in einen neuzeitlichen Roman, beinahe in einen Thriller. Viele der agierenden Personen in seiner Geschichte haben jeweils ein Pendant aus der Sagenwelt. Aus dem Fährmann „Charon“ wird ein Chauffeur und „Hera“ ist die intrigante Ehefrau des Zeus.

Mich hat diese Idee ein wenig an den Klassiker „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ von Brecht erinnert. Das ist zwar ein Theaterstück und kein Roman – aber auch hier werden deckungsgleiche Figuren übereinander gelegt – dieser literarische Kniff erfordert vor allem eines: sprachliche Präzision. In dem einleitenden Gedicht schreibt der Autor

Wir kämpfen um Seelenheil, Sonderangebote, gegen Störung
jeglicher Art. Wir kämpfen verzweifelt und hart.

Wir kämpfen gegen Krankheit, Kollegen und Krieg.
Um unseren Punkt. Mit Gier für den schmutzigsten Sieg.

Das zielt sehr treffend auf den Zeitgeist. Salih Jamal hat echt Ahnung von seinem Handwerk und beherrscht diese sprachliche Präzision. Auf der Homepage des Autors finden Sie Lese- und Hörproben, die Lust auf mehr machen.

 

Lebenslauf mal anders

Dieser Leckerbissen kommt aus dem Bereich Selfpublishing. „Lebenslauf – Kein Wettkampf“ von Lutz Balschuweit und ist weder eine Biografie, noch ein Ratgeber und schon gar kein ´Lebenslauf´, wie man meinen könnte – der Autor schildert einen Lebensabschnitt, der erst mit den 40. Lebensjahr beginnt. Das Laufen verändert das Leben, aber auch die Verhaltensweise, die Werte an sich, die Kommunikation – es zeigt, wie eine Affinität im Leben sich auf nicht-sportliche Bereiche ausdehnt und damit eine ganz besondere Form der Motivation bedeutet.

 

Das Glück in der Logik

Christiane Killian wiederum findet das Glück in der Logik. Was sich wie ein Widerspruch anhört ist ein für die Philosophen sehr bekannter Gedanke und eine Art „Beiklang“ der Deutschen Idealismus. Schon Immanuel Kant hat in der „Kritik der reinen Vernunft“ die Verstandeskategorien und letztlich das ethisch-moralische Verhalten des Menschen aus den naturwissenschaftlichen Begebenheiten und den idealen Konstanten „Raum“ und „Zeit“ abgeleitet.

Christiane Killian geht das sehr viel pragmatischer, greifbarer und individueller an. Sie nutzt einen „Paradiesbaum“, der ausgehend von grundlegenden Fragen zu einer Art Selbstreflexion anregt. Positive Aspekte des eigenen Lebens werden zu Fragen umformuliert, negative Gedanken in positive Affirmationen umgesetzt (die Autorin wandelt diesen Begriff in „Afformation“ um). Dieses Prinzip hat etwas individuelles, ist sicherlich eine Bereicherung für jede Persönlichkeitsentwicklung und hat eben – was ich für das Wichtigste halte, da es damit etwas Substanzielles bekommt – eine sehr logische Struktur. Bäume kommen auch in der Mathematik vor, die Grundlagen basieren auf „Theory of Contraints“ – eine Methode, die zum Beispiel auch in Software zum Thema „Outlining“ angewendet wird – und sie ist eben sehr pragmatisch.

Endometriose – Mutmachen statt Klischees

Manchmal kann ich wohl ganz froh sein, dass ich ein Mann bin. Ich kann mir dann im Alltag weiterhin denken, dass manche Damen einmal im Monat halt etwas unpässlich sind. Und als Mann tut man das – sind wir mal ehrlich – eigentlich immer einfach so ab. Die Dame hat halt sowas wie Migräne und kombiniert das dann einfach mit einem allgemeinen Unwohlsein. So sind sie halt – die Frauen. Frauenkrankheit allmonatlich. Kennt Mann ja. Und sie sind da alle gleich.

Jetzt habe ich aber zum ersten Mal die Bezeichnung „Endometriose“ gehört. Es ist das Thema eines „Mutmachbuches“ von Katy Buchholz . Und ich denke, jetzt ist es an der Zeit, mal mit Unwissenheit und Klischees aufzuräumen. Der passende Platz dafür ist sowieso immer das Kultur-Magazin 🙂

Katy Buchholz, Foto: Kerstin Glacer

Das Anschauungsmaterial des Wikipedia-Eintrags zu „Endometriose“ gibt visuell einen Eindruck davon, wie das Leid der betroffenen Frauen zu einer echten Qual werden kann. Und „Endometriose“ betrifft nicht wenige Frauen. Mit dem ersten Regelzyklus kann die Krankheit beginnen und begleitet die betroffenen Mädchen und Frauen dann als chronische Krankheit ein Leben lang. Die Krankheit betrifft ca. 10-15% aller Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter.

Katy Buchholz ist selbst betroffen. Die 1968 geborene Autorin aus Delmenhorst schreibt Krimis und Thriller – „Endometriose – Der Feind in meinem Körper“ ist jedoch ein Sachbuch, eine Chronologie einer Betroffenen. Zugleich aber auch ein „Mutmachbuch“, wie die Autorin betont.

Schon das erste Auseinandersetzen mit der Krankheit gibt einen Einblick in das Leiden. Und ich bin sicher, dass sich so manche Frau dort wiederfindet: „Seit dem zwölften Lebensjahr kämpfe ich mit den Symptomen von Endometriose. Es dauerte aber fünfundzwanzig Jahre, bis die Krankheit bei mir diagnostiziert wurde.“, schreibt die Autorin. Man fragt sich, wie jemand so eine lange Zeit mit dieser Krankheit lebt – neben den Schmerzen und der eingeschränkten Lebensqualität vermutlich auch noch mit den eingangs erwähnten Klischees konfrontiert.

„Auch bekommt nicht jede Frau Endometriose im IV. Stadium und gleichzeitig eine sechs Zentimeter große Zyste. Als sich dann noch ein inoperables Myom von fünf Zentimeter Durchmesser in der Gebärmutterwand einnistete, wurden die Blutungen immer unkontrollierter. Ich traute mich ohne Wechselwäsche keinen Schritt mehr vor die Haustür.“ 

Warum nicht einfach die Gebärmutter entfernen? Hört sich leicht gesagt an, aber wenn der Kinderwunsch da ist, beginnt bei vielen Frauen ein zusätzlicher Kampf. In 30%-50% aller Fälle kann eine Frau mit dieser chronischen Krankheit keine Kinder bekommen – und wenn es doch klappt, dann bedeutet die Krankheit ein erhöhtes Risiko für Frühgeburten.

Katy Bucholz hat ein „Mutmachbuch“ geschrieben – mit ihren Erfahrungen und ihren Tipps. Ich als Mann kann sicher nicht beurteilen, wie wichtig das Mutmachen in diesem Fall ist. Ich kann es mir nur theoretisch vorstellen, wie sich eine Frau fühlen muß, die unter dieser Krankheit leidet. Ich weiß aber jetzt, dass es bei einem großen Teil der Frauen mehr gibt, als monatliche „Unpässlichkeit“, über die Mann dann bei Krankmeldungen nur vordergründig nachdenkt.

So habe ich zunächst tatsächlich darüber nachgedacht, wie dieses Thema überhaupt in ein Kultur-Magazin hineinpasst. Das ist eigentlich ganz einfach, denn Kultur ist schlicht alles jenseits von Klischees und Vorurteilen.

Betroffene Frauen finden weitere Informationen unter diesen Links – schauen sie mal rein und lassen Sie sich Mut machen.

„Meine Geschichte“ 

Leseprobe des Buches

Homepage von Katy Buchholz

 

 

Literarische Klassiker – Teil 2

Im zweiten Teil unserer Literaturklassiker liegt der Schwerpunkt auf historischen Büchern. Neben dem erfolgreichsten deutschsprachigen Buch der Nachkriegszeit liegt der Fokus in den 70er Jahren. Die Studentenbewegung radikalisiert sich und das Land taumelt in den Terror der RAF. Der Journalist Stefan Aust hat hierzu mit „Der Baader-Meinhof-Komplex“ das Referenzwerk dieser Zeit geschrieben. Es liefert chronologisch alle Hintergründe, die man allerdings mit den Details seit der Wiedervereinigung ergänzen müsste.

Einer der Gründe für den Protest in den 70er Jahren war sicher die fehlende Aufarbeitung der Deutschen Vergangenheit. Ein Meilenstein dafür ist die HITLER Biografie von Joachim Fest, die nicht unumstritten war, aber sprachlich und didaktisch ein echtes Meisterwerk ist. Ein absoluter Lesegenuss, der ebenso viele Fragen beantwortet, wie er neue Fragen aufwirft.

 

Douglas Coupland – AMERIKANISCHE POLAROIDS, erschienen 1996.

Kurt Cobain hat sich im März 1994 eine Überdosis gesetzt. Aber er überlebt. Und er geht in eine Entzugsklinik. Ein junger Amerikaner ist erleichtert, ist Cobain doch eine Ikone, ein Vorbild für ihn. Er schreibt ihm einen Brief und ist dankbar dafür, dass Cobain sich ändern will.
Der Leser aber, der in den 90er Jahren erwachsen wurde, weiß, wie die Geschichte ausgeht. Cobain flieht wenige Tage später aus der Entzugsklinik und bringt sich um. Nur eine Geschichte von vielen. Coupland nennt sie “Reportagen”. Er fängt den amerikanischen Zeitgeist ein. Es ist das Begleitwerk zu “Generation X”.

 

 

Patrick Süskind – DAS PARFÜM, erschienen 1985

Es ist das erfolgreichste Buch eines deutschsprachigen Autors nach dem Zweiten Weltkrieg. Patrick Süskind, Sohn eines angesehenen Germanisten, hatte zunächst „Der Kontrabass“ veröffentlicht. Ein Ein-Mann Theaterstück – bis heute das meist aufgeführte Theaterstück auf deutschen Bühnen. Sein Romandebut wurde belächelt und zunächst mit einigem Wohlwollen besprochen. Dann aber wurde es zum Selbstläufer, der jahrelang auf den Bestsellerlisten stand.
Jean Baptiste Grenouille, in die Gosse Mitte des 18. Jahrhunderts hineingeboren, hat ein besonderes Talent: er hat die sensibelste Nase, die je ein Mensch gehabt hat. Er kann die Nuancen von Parfums erriechen, ihre Zusammensetzung, aber er kann auch die Gerüche des Alltags exakt auseinanderhalten. Seine Schwäche für junge, schöne Frauen machen ihn zum Mörder. Denn er ist auf der Suche nach dem perfekten Parfum.
Süskind kann unglaublich spannend und treffend erzählen. Auch die wenigen anderen Werke des Autors oder seine Drehbücher („Kir Royal“, „Monaco Franze“) zeugen vom unglaublichen erzählerischen Talent. Mit dem Welterfolg „Das Parfum“ hat er ausgesorgt – vielleicht geniesst Süskind das Leben lieber, anstatt noch mehr zu schreiben.

 

Stefan Aust – DER BAADER-MEINHOF KOMPLEX, erschienen 1985

Stefan Aust, Chefredakteur von so unterschiedlichen Blätter wie „St. Pauli Nachrichten“ und „Der SPIEGEL“ war mittendrin im heissen Herbst. Er kannte Ulrike Meinhof, war sogar an der Rückführung ihrer beiden Töchter nach Deutschland mit beteiligt.
Die Beschäftigung mit der Baader-Meinhof Bande, aus der später die RAF entstanden ist, wird zu seinem „opus magnum“. Der BAADER-MEINHOF-KOMPLEX ist ein detaillierter Abriss der Geschichte der RAF, Grundlage für so viele Dokumentationen und dem gleichnamigen Spielfilm von Bernd Eichinger.
Wer sich als Kind nach an die ausgehenden 70er Jahre erinnern kann, der wird hier erfahren, warum sich viele Dinge genau so zugetragen haben. Einziges Manko dieses Buches: viele Dinge, besonders in Bezug auf Vermutungen zu Tatbeteiligten (Wer hat Schleyer erschossen?) gründen auf den Angaben des Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock, der nachweislich gelogen hat und dem sämtliche seiner Mitstreiter Geltungssucht unterstellen. Dennoch ist dieses Buch ein Echolot der BRD mit vielen Fakten, die die Radikalisierung junger Menschen ausgehend vom Mord an Benno Ohnesorg, beschreiben.

 

Friedrich Dürrenmatt – DER RICHTER UND SEIN HENKER / DER VERDACHT, erschienen 1950/51

Das sind die beiden Kriminalromane mit dem todkranken Kommissar Bärlach. Ich musste „Der Richter und sein Henker“ in der Schule lesen und habe es gehasst. Dann habe ich den Roman noch mal gelesen, sehr viel später, die Verfilmung gesehen, die Fortsetzung mit den Titel „Der Verdacht“ und schließlich viele andere Bücher von Dürrenmatt. Ein scharfsinniger Denker, der ganze Passagen weglässt und dem Leser die Schlussfolgerungen überlässt. Wir wissen, wie der Richter Bärlach seinen Henker Tschanz überführt hat, auch wenn Dürrenmatt es gar nicht erwähnt.
Ich vertrete ja die These, dass noch nie ein gutes Buch deswegen geschrieben wurde, weil sein Autor damit Geld verdienen wollte. „Der Richter und seine Henker“ ist die einzige Ausnahme, die diese Regel bestätigt. Dürrenmatt hat die Geschichte in acht Folgen in einer schweizerischen Zeitung veröffentlicht, nicht ahnend, dass dies mal ganz große Weltliteratur werden würde.
Dürrenmatt nannte sich selbst einen „Gedankenschlosser“ – sein Schreiben ist akribisches Handwerk, spannend noch dazu. Mit den Geschichten um den Kommissar Bärlach hat er die Referenzwerke für gelungene Kriminalromane geschrieben.

 

Hermann Hesse – DER STEPPENWOLF, erschienen 1927

Vermutlich gibt es kaum ein Buch, bei dem sich so viele Menschen wieder erkennen. Das Traktat des Steppenwolfs beschreibt den Menschen, als einsam suchendes Individuum. Die Gedanken, die einen jeden von uns umtreiben, sind in diesem Klassiker gebündelt vereint. Aber nicht philosophisch hochtrabend oder schwer zugänglich – im Gegenteil. Von Hesse kann man alles einfach herunterlesen.
Ich habe Hesse mal als besten Kompromiss zwischen Unterhaltung und Tiefgründigkeit bezeichnet. Neben „Homo Faber“ von Max Frisch und „Stoner“ von John Williams gibt es eben nur noch den Steppenwolf, der uns den allgemein gültigen existenziellen Fragen des einfachen Menschen näher bringt. Wer diese drei Bücher nicht kennt, der wird das Menschsein niemals wirklich begreifen…

 

 

Simone De Beauvoir – BRIEFE AN SARTRE (1930-1939), erschienen 1997.

Eigentlich sollte dieser Briefwechsel bereits kurz nach Sartres Tod Anfang der 80er Jahren unter der Regie von Simone de Beauvoir erscheinen. Das geschah aber nicht, weil Beauvoir ihre Briefe an Sarte nicht mehr finden konnte und vermutete, sie seien bei einem Brand vernichtet worden. Erst bei einem Umzug fand die letzte Lebensgefährtin von Beauvoir die Briefe und sie wurden so erst in den 90er Jahren veröffentlicht.
Was erzählt uns die Korrespondenz der Wegbereiterin des Feminismus und des vielleicht wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts? – In diesem Fall ist der Briefwechsel einseitig (einen Band mit den passenden Briefen Sartres gibt es ebenfalls) und zeigt viel Banales, Alltägliches. Aber ab und an offenbaren sich ganz neue Wesentlichkeiten der Feministin. Und die haben es in sich.
Die Briefe werfen ein ganz neues Licht auf die Feministin. Wenn Sie Sartre „Kleines, liebes Geschöpf“ nennt und Sartre wohl der Einzige für sie war, der die für Frauen so typische, aber für die Feministin untypische Seite zum Vorschein bringt: „… meine Liebe zu ihnen hat alles verwüstet … ein richtiger Feuerstoß …“
Ich bin sicher: ohne Sartre hätte Beauvoir niemals ihr Werk erschaffen können. Und die zentralen Thesen des Feminismus sollten im Kontext dieser Briefe endlich mal neu bewertet werden. Vielleicht werden sich viel mehr Frauen ihrer eigentlichen Weiblichkeit bewusst und leugnen nicht mehr länger biologische Bestimmungen.

 

Joachim Fest – HITLER – Die Biographie, erschienen 1973

Deutschland Anfang der 70er Jahre. Die Republik erholt sich von den Studentenunruhen. Die Jugend aber begehrt weiter auf und will die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Bahnbrechend für die intellektuelle Aufarbeitung ist der Bestseller „Hitler“ der Historikers Joachim Fest.
Das Buch ist eine Mischung aus Biographie, Soziogramm und Geschichtsbuch. Ein sprachlich unerreichter Geniestreich, der es tatsächlich schafft, selbst für Nachgeborenen, die Person „Hitler“ aus der Verwobenheit von Tatsachen und Mythos heraus zu schälen. Ein Lesegenuss sondergleichen. Jede Biographie, die sich an diesem Maßstab orientiert und ihn auch nur ansatzweise erreicht, wird zu einem Referenzwerk.
Die Biographie war monatelang auf den Bestsellerlisten. Sie war Grundlage für den Film „Der Untergang“ und machte Fest zu einem gefragtesten Historiker der Republik.

 

 

(Dieser Artikel beinhaltet Affiliate-Links zu Amazon. Beim Klick auf eines der Cover werden Sie auf die entsprechende Seite bei Amazon geführt – das Kultur-Magazin erhält bei einem Kauf eines der Bücher eine kleine Provision, die keinerlei Auswirkungen auf den Kaufpreis hat. Sie unterstützen damit das Kultur-Magazin.)

REWORK – Eine Pflichtlektüre

Maßstab einer jeden Wirtschaftsleistung ist der Profit. Mehr, mehr und mehr, mit so wenig Personal wie möglich. Wer Millionen hat braucht noch mehr Millionen. Wachstum ist Alles. Dass diese Philosophie irgendwann ins Verderben führt, haben die Intellektuellen des „Club Of Rome“ schon vor über dreißig Jahren erkannt. Es ist ja auch logisch – wenn der Kuchen aufgeteilt ist, dann ist er aufgeteilt. Dann lassen sich die Wachstumsparameter nur noch künstlich erzeugen, durch Schulden oder undurchsichtige Finanzprodukte.

 

Bisher gibt es nur wenige Vertreter in der Ökonomie, die diese Erkenntnis in die Tat umsetzen oder gar als konträre Philosophie den Mechanismen unserer Zeit gegenüber setzen. Jason Fried, Macher des Blog 37signals.com und Erfinder des innovativen Frameworks „Ruby On Rails“ (findet sich in zahllosen Anwendungen des Internets) hat REWORK als Nebenprodukt seines Blogs publiziert. Es ist ein internationaler Bestseller und ein stark polarisierendes Buch, was nach meinem Verständnis in dieser Thematik ein Qualitätsmerkmal ist.

„Planning is guessing“, „Meetings are toxic“ – Ich bin mir nicht mal sicher, ob Fried mit meiner Einschätzung, dass seine Einstellung ein Gegenentwurf zu althergebrachten kapitalistischen Ansätzen ist, überhaupt einverstanden wäre. Fried sieht nicht das große Ganze, sondern argumentiert immer auf individueller Ebene. REWORK ist eine Betriebsanleitung, wie man heute „Unternehmer“ sein kann und gleichzeitig den individuellen Anforderungen an das eigene Leben gerecht werden kann. Vier Tage Arbeit die Woche, wann ist egal, solange die Arbeitsziele erreicht werden, keine Hierarchien, Vertrauen und das Auflösen von Paradigmen:

• Welchen Grund sollte es für das andauernde Anstreben von Wachstum geben?

• „Workaholics“ oder sogar Überstunden sind kontraproduktiv

• Warum sich an der Konkurrenz orientieren?

• Lebensläufe und Zeugnisse haben keine Aussagekraft

… und viele weitere Aussagen, die allesamt in ein Gesamtkonzept passen. Fried und seine Unternehmung sind selbst das beste Beispiel für die Richtigkeit dieser Ansätze.

REWORK ist aber keine Bibel und Fried kein Messias. Er ist keinesfalls ein Kritiker des Kapitalismus oder ein Weltveränderer. Der entscheidende Gedanke ist, dass Unternehmer selbst, so wie er einer ist, zu logischen Schlussfolgerungen kommen, die immer breiter, immer intensiver und immer häufiger diskutiert werden. Egal, welchen Teilaspekt der Thesen von Fried man diskutieren mag – die Diskussion wird sich um die wirklich wesentlichen Fragen drehen. Es gibt nämlich keine rationalen Gründe für unendliches Wachstum, es gibt keine Gründe für Überstunden, wenn der Mensch eh nur zu einem gewissen Maße am Tag produktiv sein kann. Wird diese Grenze ständig bis ans Limit ausgereizt, dann hat das immer negative Folgen.

Noch viel spannender dürften die sich anschließenden Diskussionen sein. Fried sagt eindeutig, dass eine auf reiner Delegation basierende Hierarchie ohne Wissenstransfer unproduktiv ist – die Struktur ist der Anker für Substanz. Fried sagt auch, eine Kultur entsteht nicht aus dem Nichts. Kultur ist die Substanz. Er definiert diesen Begriff nicht und eben das ist spannend. Fried setzt in seinem Text das um, was er propagiert – man braucht sich gar nicht in Wesentlichkeiten verlieren. Die Wesentlichkeiten sind klar und ergeben sich von selbst, wenn die Ansprüche stimmen und Menschen mit Respekt behandelt werden.

Das kleine Königreich BHUTAN macht es vor: Maßstab für die Regierungsarbeit dort ist nicht das Bruttoinlandsprodukt, sondern ein „Glücksindex“. Das sagt mehr über die individuelle Zufriedenheit der in einem Land lebenden Menschen aus, als ein Wachstumsfaktor. Und es gibt nicht wenige Intellektuelle, die das ähnlich sehen, die diese scheinbare naive Idealisierung auf die Tagesordnung heben. Der „Club Of Rome“ macht dies seit Jahrzehnten. Jason Fried und sein Buch „REWORK“ ist Vorreiter dafür, dass dieses Denken auch bei ökonomischen Schlüsselfiguren angekommen ist – REWORK sollte Pflichtlektüre für alle angehenden Unternehmer und Manager in großen Unternehmen sein.