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11. Januar 2024

Jenseits des verlockenden Zynismus


Etwas schattig, aber ziemlich sonnig dieser Tage im Januar 2024


Die Nazis treffen sich zu einem konspirativen Treffen in einer Villa in Potsdam. Also jetzt, Gegenwart, im Jahr 2024, nicht 1942. Die Bauern fahren mit ihren Treckern durch Deutschland und verbrauchen absurderweise dabei mehr Agrardiesel, als er Ihnen mit den geplanten steuerlichen Reformen finanziell abhanden gekommen wäre und die C-Prominenz wird sich in den kommenden Wochen wieder im Dschungel in der Affenscheisse suhlen.

Nicht, dass ich erwartet hätte, dass 2024 so ganz anders beginnen würde, als 2023 aufgehört hat - ich bin nur ein naiver Dorfpoet, aber die Naivität, die den Idealisten eh attestiert wird, ist womöglich nur der Deckmantel für einen noch viel schlimmeren Habitus: dem Zynismus. Denn man könnte bei diesen Dingen und denen, die dieses Jahr noch kommen werden (u.a. die Wiederwahl von Trump im November), wirklich zynisch werden. Was also könnte mich daran hindern, ein Zyniker zu werden?

Wenn wir an Idealismus, Naivität oder gar Zynismus denken, dann landen wir bei Immanuel Kant und seiner Ethik. In dreißig Essays unter dem Titel "Kant - Revolution des Denkens" ⧉ bringt uns der Autor Marcus Willaschek den Königsberger Philosophen näher. Eines der Leitmotive in seinem Buch ist Möglichkeit der Vereinbarkeit von Idealismus und Prgamatismus (gibt es in diesen Zeiten etwas Wichtigeres?) und der Falle des Zynismus. Gut zu wissen, dass auch Kant diese Falle erkannt hat. Willaschek schreibt:

"Man könnte angesichts dieser Entwicklungen zum Zyniker werden und sie als Beleg für die unüberwindliche Dummheit der Menschheit betrachten. Kant war ein solcher Zynismus durchaus nicht fremd, doch er erlag ihm nicht. Der Grund ist, dass wir ihm nicht erliegen dürfen. Es ist nach Kant ein Gebot der moralischen Selbstachtung, an den politischen Zielen von Rechtsstaat, liberaler Demokratie, Gerechtigkeit, internationaler Kooperation und globalem Frieden festzuhalten, denn ohne Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Frieden ist ein menschenwürdiges Leben nicht möglich. Wir können diesen Anspruch nicht aufgeben, ohne unsere Menschlichkeit aufzugeben."

Das ist für sich schon ein ganz gutes Leitmotiv und motiviert mich zu einem Eselsohr in diesem tollen Buch, zu dem ich noch mehr schreiben werde, wenn ich es komplett gelesen habe.

Aber um noch etwas Positives draufzusetzen, möchte ich hier noch etwas verlinken. Alles an Motivation geht viel leichter mit Begeisterung und Enthusiamus. Je älter wir werden, desto mehr scheinen wir davon zu verlieren (das ist so etwas wie schleichender Zynismus). Also erinnern wir uns an die kindliche Naivität und Freude, für die es eigentlich kein passendes Wort gibt. Es war ein seltsamer Zufall, der mir auf YouTube, als ich ein Video zum aktuellen Bahnstreik mit den Keywords "Bahn" und "Lokführer" gesucht hatte, das nachfolgend verlinkte Video angezeigt hat. Ein kleiner Junge sitzt auf dem Schoß seiner Mutter an einem Bahnsteig, als ein Zug vorbeikommt. Das Besondere: der Lokführer des Zuges ist der Vater des Jungen. Der Ausdruck im Gesicht des Jungen, als er dies erkennt und der Zug immer länger wird, ist das Gegenteil von Zynismus und Resignation. Das ist ansteckende Herzenswärme. Kann man sich bookmarken und sich immer mal wieder anschauen, wenn man einfach nur etwas Gutes in Reinform sehen will.

Hier geht es zu dem Video ⧉